Eine echte Weddingerin – Frau Krüger

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Es gibt sie tat­säch­lich – Men­schen, die man wirk­lich als Ber­li­ner bezeich­nen kann. Wie Frau Krü­ger, die schon seit 70 Jah­ren im Wed­ding lebt. Wie die meis­ten Ber­li­ner ist auch sie nicht in Ber­lin gebo­ren, zuge­zo­gen ist auch sie. 1945 kam sie aus Schle­si­en in den Sol­di­ner Kiez und hat viel erlebt und kann viel erzäh­len. Es macht Spaß ihr zuzu­hö­ren, wie sie von frü­her spricht, ohne ihre Sät­ze mit „Frü­her, da war noch alles bes­ser…“ anzufangen.

Groß War­ten­berg ist nicht War­ten­berg, aber dazu spä­ter. Groß War­ten­berg liegt in Nie­der­schle­si­en und ist der Geburts­ort von Frau Krü­ger. 2009 hat sie die ehe­ma­li­ge Grenz­stadt zu Polen, die sich tief im heu­ti­gen Polen befin­det und seit dem 12. Jahr­hun­dert Sycow heißt, noch ein­mal besucht. Die Schu­le, die Mol­ke­rei, das Schloß, es hat sich viel ver­än­dert. Aber sehen woll­te sie die Res­te ihrer Kind­heits­or­te, die nach dem Krieg im Som­mer 1945 nie­der­ge­brannt wur­den, noch einmal.

Zeitzeuge Frau Krüger
Zeit­zeu­ge Frau Krüger

Ers­te Jah­re im Sol­di­ner Kiez

Am 22. Janu­ar 1945 ging der letz­te Zug von Bres­lau nach Ber­lin ab. Ein Schwein hat­te die Fami­lie trotz der nahen­den Front gera­de geschlach­tet, als sie sich in letz­ter Sekun­de noch zur Flucht ent­schloss. Der Zug geriet unter Beschuss rus­si­scher Trup­pen, doch die Fami­lie erreich­te glück­lich und unbe­scha­det den Schle­si­schen Bahn­hof (heu­te Ost­bahn­hof). Die Fami­lie, das sind die Vier­zehn­jäh­ri­ge, ihre drei Schwes­tern (10 Jah­re, 2 Jah­re und 2 Mona­te) und die Mut­ter. Der Vater gilt zu die­sem Zeit­punkt als vermisst.

Glück hat die Fami­lie in den har­ten 40er Jah­ren in Ber­lin, die vie­len Men­schen in der Groß­stadt Hun­ger brach­ten. Ver­wand­te unter­stütz­ten sie mit Lebens­mit­teln. Es sind die Kar­tof­feln vom Onkel, die aus­hel­fen. Frau Krü­ger erin­nert sich noch heu­te an den Schre­cken als sie mit­be­kam, was ihre Freun­din­nen aßen.

Gut erin­nert sich an die Zei­ten, als die Fami­lie mit 5 Köp­fen ein ein­zi­ges Zim­mer zur Unter­mie­te hat­te: 4 Mona­te in der Zech­li­ner Stra­ße, dann in der Kolo­nie Stra­ße, dann in der Bad­stra­ße. Immer nur ein „Zim­mer mit Küchen­be­nut­zung“ wie die in der Not ent­stan­de­nen Wohn­ge­mein­schaf­ten damals genannt wur­den. Und ab 1948 hat­te die Fami­lie die ers­te eige­ne Woh­nung: in der Gro­pi­us­stra­ße 6. Eine Stu­be, Küche, Kor­ri­dor. Immer noch waren sie zu fünft.

Und der Vater? Der war zwei Jah­re in Frank­reich geblie­ben. Hat dort beim Bau­ern aus­ge­hol­fen. Sagt sie knapp.

Eige­ne Familie
1951 hei­ra­tet sie. Gera­de 21 war sie gewor­den. Und sie fin­det eine Hilfs­stel­le in der Mar­ga­ri­ne­fa­brik Dr. Stol­ze in der Hus­si­ten­stra­ße. Heu­te hat Mar­ga­ri­ne einen schlech­ten Ruf, doch sol­che Beden­ken ver­steht Frau Krü­ger nicht.

1952 kommt das ers­te von fünf Kin­dern. Jetzt zieht sie in die Oudenar­der Stra­ße, der nahe Schil­ler­park ist für die Kin­der gut. Stu­be, Küche, 3. Quer­ge­bäu­de, Hin­ter­hof. Ihr Mann arbei­tet bei der BVG im Betriebs­hof Use­do­mer Stra­ße im Brun­nen­vier­tel. Pro Stun­de ver­dien­te der Wagen­wä­scher eine Mark fünf­und­vier­zig. Spä­ter wur­de er Fahrer.

Frau Krü­ger lernt Ver­käu­fe­rin bei Lie­se­ke in der Sol­di­ner Stra­ße. Sei­fen wer­den dort ver­kauft. Jah­re spä­ter arbei­tet sie in der Bäcke­rei Gast in der Ramlerstraße/Ecke Brun­nen­stra­ße. Doch dann wird sie dem Wed­ding untreu und ver­kauft 21 Jah­re lang in der Neu­köll­ner Karl-Marx-Stra­ße 236 Bröt­chen und Kuchen. Der Lohn war da bes­ser. Und Hand­nä­he­rin war sie zwi­schen­zeit­lich auch. Abend­klei­der. 1961 bis 1964 in der Neu­köll­ner Flug­ha­fen­stra­ße. Und die kur­ze Arbeits­epi­so­de in der Gewürz­fa­brik Ber­nau­er Ecke Brun­nen­stra­ße, von wo aus man die wei­ßen Laken sah, an denen die Flücht­lin­ge aus dem Fens­ter der Miet­häu­ser raus die Mau­er über­wan­den. Das war schlimm, sagt sie bewegt.

Die längs­te Zeit ver­leb­te sie in der Gleim­stra­ße 71. Von 1959 bis 1994 wohn­te sie an der  Ecke Swi­ne­mün­der Stra­ße dicht beim Gleim­tun­nel. Durch die­sen geht sie aber bis heu­te nicht mehr, weil sie 1960 von ost­deut­schen Gren­zern ver­haf­tet wur­de. Man glaub­te, sie wol­le Repu­blik­flucht bege­hen, weil in ihrem Aus­weis War­ten­berg steht statt Groß War­ten­berg. Der klei­ne Feh­ler ist ihr zuvor nicht auf­ge­fal­len. Erst nach Wochen darf sie zurück aus dem ost­deut­schen Gefängnis.

Zeit­ge­schich­te

Und da war der Tag, an dem ihr Mann, der  als Fah­rer auf der Bus­li­nie 71 auf der Ber­nau­er Stra­ße fuhr, nach Hau­se kam mit den Wor­ten: „Die bau­en eine Mauer“.

Und wie sieht sie die Flä­chen­sa­nie­rung im Brun­nen­vier­tel? Die vie­len schö­nen Geschäf­te ver­misst sie. Das Kauf­haus Bil­ka über zwei Eta­gen in der Ram­ler- Ecke Brun­nen­stra­ße. Und den Flei­scher. Und wir hat­ten alles, sagt sie. Aber auch: Die Rat­ten in den Alt­bau­ten. Das war dann doch zuviel. Sie meint, da konn­te kei­ner mehr woh­nen. In Büchern liest man, dass sich die West­ber­li­ner Pro­test­be­we­gung gegen die Kahl­schlag­sa­nie­rung auch im Brun­nen­vier­tel ent­wi­ckelt hat. Aber dar­an kann sich Frau Krü­ger nicht erin­nern. Aber an die Ofen­hei­zung in ihrer Woh­nung in der Gleim­stra­ße. Bis 1981. Und dar­an, wie zügig damals in den 60er Jah­ren gebaut wurde.

Frau Krü­ger mischt sich ein. Das mit den Rat­ten nimmt sie nicht hin, wen­det sich ans Gesund­heits­amt. Und erneut geht sie zum Gesund­heits­amt, als bei den Neu­bau­ten stin­ken­der Kle­ber für die Däm­mung ver­baut wird.

Auch als Eltern­ver­tre­te­rin an der Schu­le ihrer Kin­der scheut sie kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung, erin­nert sich noch an das Tref­fen mit Gerd Löff­ler im Schö­ne­ber­ger Rat­haus. Gerd Löff­ler? Ja, da war­tet sie noch heu­te auf Ant­wort von ihm, sagt sie spitz­bü­bisch. Wegen der vie­len Aus­fäl­le an der Schu­le. Aber wer war denn Gerd Löff­ler? Na, der Schul­se­na­tor der SPD von 1970 bis 1975. Das ist doch klar.

Ihr Mann stirbt 1989. Das Leben hält immer wie­der merk­wür­di­ge Wen­dun­gen für Frau Krü­ger bereit; als sie 1994 mit einem ande­ren Mann zusam­men zie­hen will, stirbt die­ser fast genau am Tage des Umzugs am Schlaganfall.

Seit 1994 ist sie Rent­ne­rin. Aber von einem Leben nach her­ge­brach­ter Art alter Men­schen hält sie nicht viel. Die sol­len nicht so viel meckern. Sie gehe ein­fach auf die Men­schen zu. Im Brun­nen­vier­tel­ver­ein macht sie trotz eines schwe­ren Unfalls 2001 wei­ter­hin mit. Will eine Schlie­ßung des Gleim­tun­nels errei­chen. Und ist gegen die Ver­län­ge­rung der Stra­ßen­bahn­li­nie M10 über die Ber­nau­er Stra­ße. Sie erin­nert sich noch zu gut an das Quiet­schen der Bah­nen in der Ram­ler­stra­ße (Linie 128 nach Tegel). Ihr Kampf war nicht erfolg­reich, es ist anders gekom­men. Doch das stört sie nicht wei­ter. Es ist eben anders gekommen.

Seit 2004 ist sie in der Ver­ga­be­ju­ry des Quar­tiers­ma­nage­ment. Mit­ma­chen muss sein. War­um zuhau­se sitzen?

Frau Krü­ger erzählt gern aus ihrem Leben, hat schon Inter­views für das Zeit­zeu­gen­ca­fe gege­ben oder bei einem Pro­jekt einer Jour­na­lis­ten­schu­le mit­ge­macht. Es macht ihr ein­fach Spaß zu erzäh­len, so dass man gern den Rah­men, den man als hyper­lo­ka­ler Redak­teur hat, für sie überdehnt.

Text: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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