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Ein gutes Alter für eine gute Geschichte

19. Oktober 2017
Brauseboys essen Döner. Foto: Brauseboys.
Brau­se­boys essen Döner. Foto: Brauseboys.

Jeman­den auf einer Wed­din­ger Stra­ße anzu­spre­chen birgt Risi­ken. Kann aber auch ganz über­ra­schend aus­ge­hen. Lese­büh­nen­au­tor Robert Res­cue pro­biert es ein­fach mal aus. 

„Hey, du Arsch!“

Der Mann vor mir ging ins Fit­ness­cen­ter. Nicht ein­mal im Monat, nicht ein­mal die Woche, nein, täg­lich. Er dreh­te sich um und sei­ne Mie­ne war ein­deu­tig. Mein Ruf war bewusst gewählt, denn sonst bekam ich sei­ne Auf­merk­sam­keit nicht. Ein blo­ßes „Hey“ oder „Hey, du“ hät­te als Eröff­nung für mein Spiel nicht gereicht. Es hät­te ihn nicht gereizt. Er wäre kopf­schüt­telnd wei­ter­ge­gan­gen oder hät­te sich kurz ange­hört, was ich zu sagen habe, um dann sei­nen Weg fort­zu­set­zen. Der Mann war unge­fähr in mei­nem Alter, etwa 40 bis 45 Jah­re alt. Ein gutes Alter für eine gute Geschich­te. Ich muss­te jetzt die Ner­ven behal­ten, sonst bekä­me ich in Kür­ze die Dre­sche mei­nes Lebens. Ich brei­te­te die Arme aus und lächel­te, ein Lächeln des Wie­der­se­hens und der Deeskalation.

„Erin­nerst du dich an mich? Ich bin es, Robert.“

Sein Gesicht zeig­te jetzt Ver­wir­rung. Ich war auf einem guten Weg. Aber erst muss­te er sei­nen, zu erwar­ten­den Zug machen. „Nein, ich ken­ne dich nicht, Typ. Hast du irgend­ein Problem?“

„Hey, hey, war­te“, rief ich aus. „Ich mei­ne, ich sehe die­se impo­san­te Gestalt vor mir, die­sen wohl­pro­por­tio­nier­ten Mus­kel­berg, die Glat­ze mit der mar­kan­ten Beu­le und den­ke mir, mei­ne Güte, das muss doch, das muss doch Ralf sein.“

Berlin-Wedding, Streetart, Kunst im öffentlichen Raum
Foto: Sula­mith Sall­mann, 2010

Mein Gegen­über trat einen Schritt auf mich zu. Er mus­ter­te mich und über­leg­te, wie er mit der Situa­ti­on umge­hen soll­te. Dann sag­te er: „Ich hei­ße Rayk.“

„Ja, natür­lich, Rayk!“, rief ich aus. „Ich wuss­te doch, es war was mit R und A am Anfang. Rayk, das hät­te ich wis­sen müs­sen. Nie­mand hat­te damals einen so unge­wöhn­li­chen Vor­na­men wie du. Wie kam ich bloß auf so etwas Gewöhn­li­ches wie Ralf?“

Er schlug nicht zu. Der ers­te Schritt war gemacht, ich wuss­te sei­nen Namen und lag mit mei­ner Ver­mu­tung fast rich­tig, was sei­ne Aggres­si­on zu dämp­fen schien.

„Was willst du von mir?“

„Ähm, nichts, also nichts direkt. Ich habe dich gese­hen und wie­der­erkannt und woll­te dich grü­ßen. Wir haben uns so lan­ge nicht gese­hen und ich war so über­rascht nach all den Jah­ren, des­halb war ich in mei­ner Wort­wahl unpas­send. Ich muss­te auch gleich an unse­re Kind­heit den­ken, als wir gemein­sam die Grund­schu­le, die, ähm … ach verdammt …“

„Edu­ard-Möri­ke-Schu­le?“, ergänz­te mein Gegenüber.

„Ja, genau. Edu­ard-Möri­ke-Schu­le. Mei­ne Güte, ich hat­te den Namen total ver­ges­sen. Das ist doch bestimmt drei­ßig Jah­re oder län­ger her.“

„Fünf­und­drei­ßig, um genau zu sein“, sag­te Rayk. „Aber ich kann mich trotz­dem nicht an dich erinnern.“

Es lief alles nach Plan. Selbst­ver­ständ­lich konn­te er sich nicht an mich erin­nern. Aber es gab jeman­den in sei­ner Nähe und ich muss­te her­aus­fin­den, wer das gewe­sen sein könnte.

„Aber doch bestimmt an Hassan?“ Wir stan­den mit­ten auf der Mül­lerstra­ße im Wed­ding. Jeder zwei­te Tür­ke hieß Hassan. Es gab also eine gute Chan­ce, dass ich zufäl­lig rich­tig lag.

„Ja, an einen Hassan erin­ne­re ich mich“, sag­te Rayk langsam.

„Und mit ihm warst du oft am Leo­pold­platz, nicht wahr?“, fach­te ich sei­ne Erin­ne­rung an. Es wür­de nicht mehr lan­ge dau­ern, bis ich ihn so weit hat­te, dass er mich zu ken­nen glaub­te. Dann hat­te ich sein Ver­trau­en erlangt und konn­te end­lich mein Anlie­gen vorbringen.

„Das ist rich­tig“, gab Rayk zu und wie­der­hol­te: „Aber ich kann mich trotz­dem nicht an dich erinnern.“

1978 muss es gewe­sen sein, bei Karstadt

„Das ist auch schwie­rig“, gab ich zu. „Denn wir haben uns nur ein ein­zi­ges Mal getrof­fen. Das war im Kar­stadt gewe­sen.“ Damit konn­te ich nicht falsch lie­gen. Der Kar­stadt am Leo­pold­platz hat­te 1978 eröff­net, also muss­te Rayk sich vor 35 Jah­ren in sei­ner Frei­zeit dort her­um­ge­trie­ben haben. Die Geschich­te wur­de immer bes­ser. Ich war rich­tig gut drauf heu­te. „Du warst damals mit Hassan und ein paar ande­ren unter­wegs. Ihr habt was geklaut und einer der Ver­käu­fer hat es bemerkt. Ihr seid durch die Abtei­lung gelau­fen und auf mich zuge­kom­men. Du hast das Zeug, ich weiß nicht mehr, was es war, auf den Boden gewor­fen und mit einem Fuß­tritt zu mir beför­dert. Der Ver­käu­fer hat euch gestellt, aber konn­te nichts fin­den. Ich habe die Ware unauf­fäl­lig nach drau­ßen gebracht. Eine Wei­le spä­ter habe ich euch auf dem Leo­pold­platz bemerkt und bin zu dir hin und habe dir die Sache gege­ben. Du warst damals schon mus­ku­lös und hat­test die Beu­le auf dem Kopf. Ich war der Nach­bar von Hassan und der hat­te mir viel von dir erzählt. Ich hat­te Angst vor dir, des­halb habe ich, bis auf den einen Tag, nie die Nähe zu dir gesucht.“

Rayk nick­te zustim­mend. „Dar­an kann ich mich erin­nern. Wir haben eine Men­ge Sachen aus dem Kar­stadt geklaut, aber die Akti­on war was Beson­de­res gewe­sen. Du bist damals gleich abge­hau­en und ich habe Hassan gefragt, wer du bist. Aber irgend­wie habe ich dich wie­der ver­ges­sen. Hassan ist ja dann auch weg­ge­zo­gen nach Moabit.“

Ich wur­de auf­merk­sam. Irgend­et­was stimm­te nicht. Nor­ma­ler­wei­se ver­hielt sich mein Gegen­über pas­siv, bestä­tig­te mei­ne erfun­de­nen Erzäh­lun­gen und brach­te aber selbst kei­ne Details ein. „Ja, stimmt“, rief ich mit über­rasch­ter Stim­me, um kei­ne Pau­se ent­ste­hen zu las­sen. „Oh Mann, das hat­te ich ganz vergessen.“

„Er ist jetzt Leh­rer an einer berufs­bil­den­den Schu­le in Wil­mers­dorf. Wir tref­fen uns zwei­mal im Jahr. Ich kann ihn das nächs­te Mal von dir grü­ßen, Ronald.“

„Robert“, kor­ri­gier­te ich. „Ja, mach das mal. Viel­leicht sehe ich ihn mal wieder.“

„Okay, ich muss wei­ter, Robert. War schön, dich mal wie­der getrof­fen zu haben“, sag­te Rayk und hielt die Hand hin.

„Eine Sache hät­te ich da noch. Das ist mir jetzt ein biss­chen pein­lich, aber weil ich dich jetzt wie­der­ge­trof­fen habe … Kannst du mir viel­leicht einen Zeh­ner borgen?“

„Bor­gen?“, frag­te Rayk zurück. „Ich bin mir nicht sicher, wann wir uns wie­der­se­hen wer­den. Womög­lich gar nicht mehr.“

„Dann schenk mir den Zeh­ner doch ein­fach“, platz­te ich her­aus. „Der alten Zei­ten wegen. Ehr­lich gesagt, ich bin gera­de etwas knapp bei Kas­se und kann jeden Euro gebrauchen.“

Rayk nick­te und zück­te sei­ne Brief­ta­sche. Ich steck­te den Schein in die Hosentasche.

„Übri­gens“, begann Rayk und klopf­te mir auf die Schul­ter. „Ich hei­ße gar nicht Rayk, son­dern Tho­mas. Und ich kom­me nicht aus dem Wed­ding, son­dern aus Ebers­wal­de. Ich besu­che gera­de mei­ne Toch­ter, die an der Beuth-Hoch­schu­le stu­diert. War eine schö­ne Geschich­te, die du mir da erzählt hast.“

© Robert Rescue

Ich klapp­te den Mund auf, bevor ich eini­ge Sekun­den spä­ter aner­ken­nend nick­te. Das hat­te noch kei­ner mit mir gemacht. Rayk bzw. Tho­mas ging sei­ner Wege und ich sah ihm lan­ge hin­ter­her. Dann schau­te ich mich um. Auf der ande­ren Stra­ßen­sei­te sah ich einen Tür­ken. Er war auch im Fit­ness­stu­dio gewe­sen, aber das war eine Wei­le her. Er war etwa 40 bis 45 Jah­re alt. Ein gutes Alter für eine gute Geschich­te. Gut mög­lich, dass es sich um Hassan han­del­te. Ich könn­te ihm von Rayk erzäh­len und den wil­den Jah­ren in der Kind­heit rund um den Leo­pold­platz. Es war gut mög­lich, dass es sich um einen sen­ti­men­ta­len Men­schen han­del­te, der sich ger­ne an etwas erin­nern ließ und dafür einen Zeh­ner spendierte.

Es war inter­es­sant, das herauszufinden.

Autor: Robert Rescue

Erschie­nen in „Zum Glück habe ich wenigs­tens Pech“, Kurz­ge­schich­ten­samm­lung, Peri­pla­ne­ta Ver­lag Ber­lin, ISBN:: 978–3959960007.

Als Teil der Wed­din­ger Lese­büh­ne Brau­se­boys ist Robert Res­cue regel­mä­ßig im La Luz und an ande­ren Orten im Wed­ding zu erle­ben, jeden Don­ners­tag ab 20.30 Uhr.

Gastautor

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