Krankenhausstreik:
Streiken ist ein Tag voller Arbeit

Schwes­ter Hei­ke* stellt sich den Wecker auf eine frü­he­re Zeit als es der Dienst­plan für die­sen Tag ver­langt – denn es ist Streik. Statt um 10 Uhr trifft sie bereits um 8 Uhr im Virchow-Kran­ken­haus ein. Ihre ers­te Sta­ti­on heu­te ist der Streik­pos­ten. Sie spricht mit den Kol­le­gen und setzt sich anschlie­ßend um 9 Uhr in den klei­nen Bus-Shut­tle der Gewerk­schaft. Sie fährt vom Wed­ding nach Mit­te, um ihren klei­nen Teil zu den Tarif­ver­hand­lun­gen bei­zu­tra­gen. Es wird ein lan­ger Tag für sie.

Im Fern­se­hen bestehen Streiks aus Bil­dern von Streik­pos­ten, die vor einer Ein­gangs­tür Zel­te auf­ge­stellt haben und auf ein Signal hin in Tril­ler­pfei­fen pus­ten. Am Ende eines Streiks keh­ren die Fern­seh­teams zurück, um die Ver­hand­lungs­part­ner zu fil­men. Ein Ergeb­nis wird ver­kün­det, das Wort Kom­pro­miss wird fal­len. In der Welt der knap­pen Nach­rich­ten wird Schwes­ter Hei­ke nicht vor­kom­men. Ihre Tage als Strei­ken­de ereig­nen sich in einem Hör­saal. Sie wirkt hin­ter den Kulis­sen mit. Frei hat sie durch den Streik nicht, eher inves­tiert sie noch mehr Zeit als an einem Arbeits­tag. Streik als Arbeit. 

Der Wed­ding­wei­ser beglei­tet eine OP-Schwes­ter vom Virchow-Kli­ni­kum beim Streik. Hier Stand­ort Cha­ri­té Mit­te. Foto: And­rei Schnell

Ges­tern, am Diens­tag (5.10.), hat die Gewerk­schaft Ver­di den Fer­di­nand-Sauer­bruch-Hör­saal auf dem Cha­ri­té-Gelän­de an der Lui­sen­stra­ße gebucht. Der Name ver­spricht altes Holz und stei­le Rän­ge wie in der Serie Cha­ri­té zu sehen. Der Saal ist tat­säch­lich wie im Film wie eine rie­si­ge Ohr­mu­schel geformt, doch das Holz ist hell und neu. Wegen Coro­na sind die meis­ten Klapp­sit­ze mit schwarz-gel­ben Absperr­band ver­klebt. Jemand hat Kaf­fee und Krin­gel­ku­chen die fünf Eta­gen zum obers­ten Rang hin­auf­ge­schleppt. In der Mit­te des Ovals schwebt ein schwe­rer Bea­mer. Und ganz unten im Saal steht Dirk* und sagt “Mor­jen”. Er ist ein Typ, wie man ihn sich wünscht, wenn man ins Kran­ken­haus muss. Einer­seits locker und auf­merk­sam, doch gleich­zei­tig macht sei­ne tie­fe Stim­me klar, dass er sagt, wo es lang geht. Und heu­te geht es da lang: die eige­ne Tarif­kom­mis­si­on unter­stüt­zen. Die Tarif­kom­mis­si­on, das sind die Ver­hand­ler der Gewerk­schaft ver­di. Sie wer­den im Lau­fe des Tages in den Pau­sen zwi­schen dem Arm­drü­cken mit der Cha­ri­té­lei­tung in den Hör­saal kom­men. Sie wer­den nach­fra­gen, wie die Beleg­schaft das neu­es­te Ergeb­nis bewer­tet. Wobei es in den letz­ten Wochen nicht oft Ergeb­nis­se gab. Seit dem 9. Sep­tem­ber strei­ken die Ange­stell­ten der Kran­ken­häu­ser, weil ihre For­de­run­gen bis­lang uner­füllt blieben.

Schwes­ter Hei­ke ist sehr dar­an inter­es­siert in die­ser Tarif­run­de mit­zu­ar­bei­ten. Des­halb ist sie auch bereit mit dem Wed­ding­wei­ser zu reden. “Es muss bekannt wer­den, wie es uns OP-Schwes­tern geht”. Sie ist erst vor kur­zem extra in die Gewerk­schaft ein­ge­tre­ten. Jung und frisch von der Aus­bil­dung ist sie nicht, arbei­tet seit lan­gem in ihrem Beruf. Gestreikt hat sie bis­lang noch nie. Es ist eine Pre­mie­re. “Es geht um die Per­so­nal­be­mes­sung”, sagt sie. Sie fin­det Wor­te wie “tot­ar­bei­ten”, sagt: “Wir schaf­fen es nicht mehr.” Zwei Kol­le­gen in ihrem Umfeld sind an Bur­nout erkrankt. Sie arbei­tet im Virchow-Kli­ni­kum. Weil das ein Uni­ver­si­täts­kran­ken­haus ist, “kom­men Pati­en­ten, die ande­re Kli­ni­ken nicht mehr behan­deln kön­nen”. Die Fäl­le sind kom­plex, die Ope­ra­tio­nen schwie­ri­ger als im Durch­schnitt. Ihr Anlie­gen auf den Punkt bringt die­ser Satz: “In unse­rer Abtei­lung haben wir acht freie Stel­len”. Offe­ne Stel­len bedeu­ten Arbeit, die die vor­han­de­nen Schwes­tern mit­ma­chen müssen.

Im Hör­saal beginnt der Streik­tag nun damit, dass ein Orga-Team den Stand der Ver­hand­lun­gen ver­kün­det. Das sind inter­ne Din­ge. Bis jetzt ist von die­sen Infor­ma­tio­nen noch nichts nach außen gedrun­gen. “Ich fin­de es unver­mes­sen, dass Sie sich hier ein­schlei­chen”, spricht mich, den Repor­ter, prompt ein Mit­glied des Orga-Teams an. Ich nen­ne den Namen des Gewerk­schaf­ters, der den Wed­ding­wei­ser ange­spro­chen und ein­ge­la­den hat. Hek­ti­sches Tele­fo­nie­ren folgt, des­sen Aus­gang zu bedeu­ten scheint, dass ich sit­zen blei­ben dürf­te; doch ich ver­las­se kurz dar­auf den Hör­saal. Offen­kun­dig lie­gen die Ner­ven bei den Orga­ni­sa­to­ren blank. Sie ste­hen zwi­schen Ver­hand­lungs­team und Beleg­schaft. Und der Bote ist stets ein­ge­klemmt zwi­schen Sen­der und Emp­fän­ger. Kein gemüt­li­cher Ort. Zudem ist es jetzt der Moment, an dem Infor­ma­tio­nen gefähr­lich sind wie eine Pis­to­le. Gelan­gen sie in die fal­schen Hän­de, geht der Schuss schnell nach hin­ten los.

Denn wie wer­den die 60 Ver­tre­ter der ver­schie­de­nen Abtei­lun­gen des Cha­ri­tè-Kon­zerns die­se neu­en, hei­ßen Infor­ma­tio­nen auf­neh­men? Es ist zu spü­ren, dass das Orga-Team ver­mit­teln möch­te, dass viel her­aus­ge­holt wur­de. Zah­len mit Nach­kom­ma­stel­len, Begrif­fe wie Belas­tungs­punkt und Abkür­zun­gen wie VK wer­den im Schnell­durch­lauf prä­sen­tiert. Mög­li­cher­wei­se bewer­ten die Men­schen im Hör­saal das alles als ein Erfolg. Mög­li­cher­wei­se sehen sie vor allem die Nach­tei­le. Reagie­ren sie zu begeis­tert oder zu ent­täuscht? Oben­drauf ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die wei­te­ren Ver­hand­lun­gen an ande­ren Punk­ten Nach­tei­le brin­gen. Viel­leicht aber auch kann die Tarif­kom­mis­si­on in den Ver­hand­lun­gen hin­ter ver­schlos­se­nen Türen noch ein Quent­chen mehr her­aus­ho­len. Ent­schie­den ist noch lan­ge nichts. 

Dafür ist nun erst ein­mal Hei­ke an der Rei­he, sie hat­te sich gemel­det. Wie vie­le ande­re im Saal hat sie Fra­gen. Es sind Detail­fra­gen, deren Aus­wir­kun­gen auf ihren All­tag als OP-Schwes­ter vor allem die ande­ren OP-Schwes­tern rich­tig ein­schät­zen kön­nen. In einem Live-Doku­ment wird ihre Fra­ge für alle sicht­bar notiert. Das Orga-Team fragt, ob die schrift­li­che For­mu­lie­rung ihr Anlie­gen kor­rekt trifft. So sehe ich es beim Hin­aus­ge­hen. Spä­ter sol­len die gesam­mel­ten Fra­gen an die Gewerk­schaf­ter am Ver­hand­lungs­tisch gesen­det werden. 

Den gan­zen Tag über kann Hei­ke nicht im Hör­saal blei­ben. Nicht, dass ihr die Stun­den des War­tens zwi­schen den Pro­gramm­punk­ten an die­sem Diens­tag zu lang wer­den wür­den. Der Grund für ihren Auf­bruch ist der Not­be­trieb. Denn sie streikt und arbei­tet gleich­zei­tig. Damit die Ver­sor­gung der Pati­en­ten nicht über Gebühr her­un­ter­ge­fah­ren wer­den muss. Um 14 Uhr tritt sie ihre Schicht an. Zumin­dest die zwei­te Hälf­te der acht Stun­den arbei­tet sie trotz Aus­stand. Sie berich­tet am Nach­mit­tag den Kol­le­gen, was ihr am Vor­mit­tag vom Orga-Team im Hör­saal berich­tet wur­de. Die Kol­le­gen stel­len ihr Fra­gen, die sie dann mor­gen in den Hör­saal mit­neh­men wird. 

Schließ­lich ist es Abend. Hei­ke war an die­sem Diens­tag län­ger von Zuhau­se weg als an einem nor­ma­len Arbeits­tag. Hin­ter ihr liegt einer ihrer Streik­ta­ge – hin­ter den Kulis­sen, als ein Teil der strei­ken­den Belegschaft. 

*Name geän­dert

Krankenhauspersonal streikt

Die Gewerk­schaft Ver­di hat die Mit­ar­bei­ter des Vivan­tes-Kran­ken­haus­ge­sell­schaft und der Cha­ri­té-Kran­ken­häu­ser am 9. Sep­tem­ber zum unbe­fris­te­ten Streik auf­ge­ru­fen. Die Pfle­ge­kräf­te for­dern per­so­nel­le Ent­las­tung und für die Beschäf­tig­ten in den Toch­ter­un­ter­neh­men der Kran­ken­häu­ser die Anglei­chung der Ein­kom­men an den Tarif­ver­trag des öffent­li­chen Dienstes.

Es geht um Streik. Foto: And­rei Schnell.

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Außerdem: Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Und: Politik sehe ich mir an wie Sportwettbewerbe. Plus: Lese ich ein Buch lese, dann möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich abschließend erwähnen.

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