Der Wedding – so sicher wie Abraham Lincolns Schoß

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Clint Lukas
Clint Lukas liest aus sei­nen Tex­ten, wenn er nicht gera­de Brief­mar­ken sor­tiert. Fotos: And­rei Schnell

Clint Lukas, der Mann mit Helm unter Men­schen geht, outet sich als Brief­mar­ken­samm­ler und freut sich, wie sicher es im Wed­ding ist:

Also, die Lage ist fol­gen­der­ma­ßen: Ich sit­ze am Küchen­tisch in mei­ner Spren­gel­kiez-Woh­nung und sor­tie­re die Brief­mar­ken­samm­lung. Drau­ßen im Trep­pen­haus ist noch immer Radau. Vier Poli­zei­be­am­te drän­gen sich um die Tür mei­nes Nach­barn. Das hab ich vor fünf Minu­ten durch den Spi­on beob­ach­tet. Einer der Poli­zis­ten bol­lert mit einer Art Ramm­bock gegen das Holz unter­halb des Tür­schlos­ses, wie­der und wie­der. Ich neh­me an, dass mein Nach­bar sei­nen Schlüs­sel ver­legt hat. Die freund­li­chen Beam­ten wol­len ihm wohl nur behilf­lich sein.

Kann ja auch mal pas­sie­ren. Ich weiß, wie das ist. Nicht unbe­dingt aus eige­ner Erfah­rung. Als anal­fi­xier­ter Mensch wür­de ich nie­mals leicht­fer­tig mit mei­nem Schlüs­sel umge­hen. Aber es gibt schließ­lich auch noch ande­re Arten von Miss­ge­schi­cken. Heu­te mor­gen zum Bei­spiel war im Hof alles vol­ler Blut. Meh­re­re klei­ne Fle­cke um eine gro­ße Lache, außer­dem blu­ti­ge Taschen­tü­cher, im gesam­ten Car­ré ver­streut. Zuerst bin ich erschro­cken. Aber dann ist mir klar gewor­den, dass sich der Gärt­ner wahr­schein­lich nur an den Rosen ver­letzt hat. Pas­siert ja schnell.

Im Radio höre ich gera­de, dass es in Kreuz­berg eine Raz­zia gege­ben hat. Mit einem rie­si­gen Auf­ge­bot hat die Poli­zei den Gör­lit­zer Park abge­sperrt und etli­che Dro­gen­dea­ler fest­ge­nom­men. Also ich könn­te da ja nicht leben. Stän­dig die­se Kri­mi­na­li­tät um einen her­um, das wäre nichts für mich. Ich zucke zusam­men, als es im Trep­pen­haus kracht. Hat sich fast wie ein Schuss ange­hört. Doch nein, es war nur der Rammbock.

„Kriegs­tet heu­te noch hin?“, höre ich einen Beamten.
„Na, ich rutsch da immer so ab.“
„Komm, een­ma mit Schma­ckes. Dann ist der Drops jelutscht.“
„Pro­bier du doch, wenn du so schlau bist.“
Vor­sich­tig schlei­che ich wie­der zum Tür­spi­on und sehe, wie der Ramm­bock den Besitzer
wech­selt. Noch ein­mal erzit­tert das Hin­ter­haus unter den Schlägen.
„Schei­ße, ey! Dit is ne Spe­ßi­al­tür, oda wat?“
„Sag ich doch, es geht nicht!“
Der Poli­zist gibt der Tür einen letz­ten Schwin­ger, zuckt dann mit den Schultern.
„Schei­ße, ey. Na, las­sen wa’t jut sein für heute.“

Schild
Der Wed­ding ist ein ein­zi­ge Schu­le der Nach­bar­schaf­ten. Foto: And­rei Schnell

Behä­big pol­tern die vier die Trep­pe hin­un­ter. Ich gehe zurück zu mei­nen Brief­mar­ken. In der Zwi­schen­zeit hat sich die Küche mit einem sat­ten Fri­teu­sen­duft gefüllt. Anschei­nend wird in der Nach­bar­schaft gera­de gekocht. Schmun­zelnd schlie­ße ich sämt­li­che Fens­ter. Die sind schon ein Völk­chen, die­se Wed­din­ger. Die möch­te ich wirk­lich nicht mis­sen. Wenn es näm­lich drauf ankommt, hal­ten sie alle zusammen.

Vor ein paar Tagen ist mir auf dem Bür­ger­steig vor unse­rem Haus eine Ein­kaufs­tü­te geplatzt. Das war ein Durch­ein­an­der! Über­all sind die Büch­sen hin­ge­kul­lert. Bier, Ravio­li und Erb­sen­ein­topf, eine gan­ze Wochen­ra­ti­on. Aber sofort waren ein paar Leu­te zur Stel­le und haben mir beim Ein­sam­meln gehol­fen. Die Anony­men Alko­ho­li­ker aus der 24 und die meso­po­ta­mi­schen Rocker, die ihren Laden kurz vorm Nord­ufer haben. Auch der ein oder ande­re Ecken­ste­her mit unste­tem Blick. Klar haben am Ende ein paar Dosen gefehlt. Und bei dem Hand­ge­men­ge ist sicher auch der ein oder ande­re Zahn im Rinn­stein gelan­det. Aber die Stim­mung war trotz allem famos.

In Kreuz­berg oder – Gott bewah­re – Neu­kölln geht es sicher ganz anders zu. Da wür­de ich mich nicht hin­trau­en. Es soll da ja sogar Arbeits­lo­se geben. Und zwar sol­che, die gar nicht arbei­ten wol­len. Da blei­be ich lie­ber im Wed­ding. Hier geht es kom­mod und recht­schaf­fen zu. Gera­de als ich das den­ke, klopft es zag­haft an mei­ne Woh­nungs­tür. Ich geh zum Spi­on und sehe, dass es der Nach­bar von gegen­über ist.

„Was los?“, fra­ge ich. „Hast du gar nicht dei­nen Schlüs­sel verloren?“
„Nein, nein“, raunt er gehetzt. „Die haben sich in der Tür geirrt. Aber sag mal, nur für den Fall, dass sie wie­der kom­men. Kannst du das für mich aufheben?“
Er reicht mir eini­ge Beu­tel. Man­che schei­nen mit Kräu­tern gefüllt, ande­re mit Mehl. Als guter Nach­bar fra­ge ich nicht, was dar­an ver­fäng­lich sein soll.
„Dan­ke, Kum­pel“, sagt er. „Bedien dich ruhig. Ich hol’s mir, wenn die Luft wie­der rein ist.“
Lachend geh ich in die Küche zurück. Mein Nach­bar ist schon ’ne Type. So sind wir hier eben im Wed­ding. Ein biss­chen ver­korkst, aber jeder passt auf den ande­ren auf. In Fried­richs­hain oder Schö­ne­berg gibt’s sowas sicher nicht.

Text: Clint Lukas, Fotos: And­rei Schnell

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