Die Bellermannstraße 93 ist kein Ort, der sich einem aufdrängt. Man stolpert eher darüber. Zwischen Mülltonnen, Fahrrädern und vier Hinterhöfen, die zusammen 98 Wohnungen tragen, gibt es ein Café. SUPERSTOP heißt es. Öffnet um zehn, schließt um sechs. Veranstaltungen sind geplant, im Haus wohnen Schriftsteller. Aber bevor hier gelesen wird, wird erst einmal Kaffee genossen – in einzigartigem Ambiente.


Jason steht hinter der Theke, oder besser: hinter allem hier. Grafikdesigner, Bastelherkunft, Charlottenburg als Heimatadresse. Früher hatte er nebenan ein Atelier. Über den Hausmeister Daniel lernte er, wie man sich an den Wedding heranmacht. Nicht geschniegelt, nicht vorsichtig, sondern direkt. „Hier sind andere Leute als am Savignyplatz“, sagt er. „Nicht solche angeschrammelte Intellektuellen.“ Und dann lacht er, weil er selbst ja irgendwie auch einer ist.
Das Haus hat ihn aufgenommen. Eingemeindet, wie er sagt. Er kennt mehr Nachbarn als manche, die hier schon ewig wohnen. Leute, die er sonst nie getroffen hätte. Kinder, die auf Jasons selbstgebauten Blumenkästen sitzen und Müll hineinwerfen. Dann geht er raus, redet mit den Kindern, redet mit allen. „Ich liebe das“, sagt er. Vielleicht ist er selbst so etwas wie ein Hausmeister. Nur mit Kaffeemaschine.
Dabei wollte er eigentlich etwas anderes. Rennrad fahren, Fahrräder reparieren, einen Fahrradladen eröffnen. Stattdessen wurde aus der alten Werkstatt ein Café. Ein Jahr lang sägen, schleifen, hämmern. Die Nachbarschaft blieb stehen, schaute zu, fragte jeden Tag: Was wird das hier eigentlich? Und wann endlich?


Jason hatte Spaß an diesem Bauprojekt. An den Spanplatten mit Lochmuster, die schon vorher hier waren und bleiben durften. An der Neonleuchte, die gerettet wurde und jetzt im Keller wartet. An den Blumenkästen, die zuerst nur Autos fernhalten sollten. Eigeninitiative nennt man das hier.
Drinnen ist es kühl wie in einer italienischen Straßenbar. Metall-Hocker, weiße Wände, fast leer. Zu Hause hängt bei Jason alles voller Bilder, hier wollte er Ruhe. Gelber Kühlschrank. Rote Parkbank. Stühle mit durchsichtiger Kunststoffschale, wie aus den Achtzigern. Auf den Tischen ein Schwarz-Weiß-Karo mit runden Lücken – als hätte eine Tasse das Muster mitgenommen.


Über der Theke drei alte längliche Monitore aus einer Filmproduktion. Eine Videokamera aus den Achtzigern filmt die Speisekarte. Ein weiterer alter Schwarz-Weiß-Monitor zeigt live das Bild. Noch mehr originelle Ideen? Wer die Nummer 030 63917413 anruft, bringt ein altes Tastentelefon zum Leuchten, bunte Farben, kleine Lightshow. Niemand weiß genau, warum. Aber alle probieren es irgendwann aus.
Es gibt Croissants, ein paar selbst gebackene glutenfreie Dinge und Suppen. Vielleicht bald auch etwas mehr, denn die Küche ist bereits startklar. Der Kaffee, der kommt aus Treptow, von Dall’Armi. Schmeckt für Jason nach Italien. Er war oft dort, liebt diese Schriften an den Läden, diese einfachen Buchstaben. Die roten Klebebuchstaben auf der Scheibe sind genau so eine italienische Standardschrift. Nachmittags scheint die Sonne hinein und wirft den Namen SUPERSTOP als Schattenwurf an die Wand. Italien im Wedding.


SUPERSTOP. Der Name kam aus Umwegen. Eine alte Kunstaktion im Palast der Republik, „Pizzeria Stop“ – benannt nach einer italienischen Zigarettenmarke. Irgendwann wurde daraus SUPERSTOP. Klingt nach Pause. Nach Tank-Stopp.


Auf der Karte: Espresso, Cappuccino, veganer Cappuccino, Limo, Tee. Glutenfreie Cookies. Jason isst sie selbst gern. Es soll unkompliziert sein hier. Kurz reinkommen, Kaffee trinken, weitergehen.
Zum Anfang gab es ein Soft Opening. Keine Plakate, keine Ankündigungen. Nur Mundpropaganda. Und dann stand plötzlich die ganze Nachbarschaft im Laden. Alle redeten miteinander. Studenten, Kinder, Alte, Leute aus allen Richtungen. Jason dachte an das Café seiner Schwägerin, das White Wedding, früher dort, wo heute das Gesundbrunnen-Center steht. Flachbau, Biergarten, Goldfischteich. Rocker, türkische Familien, Studenten. Und es ging trotzdem.


„Das ist ein Klischee“, sagt Jason, „dass die Szenen in Berlin getrennt sind.“ Hier, findet er, ist das bis heute anders. Trotz aller Unterschiede scheinen viele im Wedding durch etwas Gemeinsames vereint. Man kommt nicht wegen des Spektakels. Man bleibt, weil jemand mit einem redet. Und weil irgendwo ein Telefon anfängt zu leuchten.
SUPERSTOP, Bellermannstr. 93
Di-So 10 – 18 Uhr
Fotos: Samuel Orsenne


💖💖💖💖💖💖💖 ………… da muss ich hin!! 😀
Das ist so nett geschrieben, ich konnte gar nicht aufhören das zu lesen! Und auch wenn ich gar nicht in Deutschland lebe, bin ich schon sehr neugierig auf des Café und den Besitzer geworden.