Der typische Berliner

Ich bin 1991 nach Ber­lin gezo­gen und woh­ne seit 25 Jah­ren im sel­ben Kiez. Um es mit Ken­ne­dy zu sagen: Ich bin ein Ber­li­ner. Bin ich ein typi­scher Ber­li­ner? Nein. Ich sehe mich in kei­ner Schub­la­de – höchs­tens in der Rubrik „ver­kann­te Genies“. Was ist ein typi­scher Ber­li­ner? Ich kann es nicht sagen.

Mög­li­cher­wei­se braucht man einen gro­ßen Abstand zu einem Ort, um völ­lig iro­nie­frei mit Ste­reo­ty­pen arbei­ten zu kön­nen. Ich bin ver­mut­lich zu nah an der Stadt dran, um sagen zu kön­nen, was typisch für Ber­lin ist. 1991 hät­te ich es viel­leicht noch geschafft, den typi­schen Ber­li­ner zu beschreiben.

In all den Jah­ren habe ich nur zwei gebür­ti­ge Ber­li­ner näher ken­nen­ge­lernt. Bei­de waren sehr freund­lich und dem Neu- oder Nicht­ber­li­ner gegen­über auf­ge­schlos­sen, nix gro­ße Klap­pe und Arro­ganz der Haupt­städ­ter. Alle ande­ren Men­schen waren Zuge­reis­te wie ich. Ich habe Men­schen aus fast allen Bun­des­län­dern in Ber­lin ken­nen­ge­lernt. Jeder hat­te sei­ne eige­ne Geschich­te. Nie­mand war typisch für irgend­was, weder für Ber­lin, noch für sei­ne alte Hei­mat, teil­wei­se waren und sind sie noch nicht mal typisch deutsch. Eini­ge waren tat­säch­lich über­haupt kei­ne Deut­schen. Ich habe Tür­ken, Afgha­nen, Ita­lie­ner, Fran­zo­sen, Syrer, Rus­sen, Öster­rei­cher, Ame­ri­ka­ner, Dänen und Schwei­zer in Ber­lin näher ken­nen­ge­lernt oder habe mit ihnen zusam­men­ge­ar­bei­tet. Chris­ten, Mus­li­me, Juden, Atheisten.

Neu­lich habe ich mich im Zug mit einer Frau aus Bie­le­feld unter­hal­ten, die seit eini­gen Jah­ren in Ber­lin lebt. Sie war vor­her in Mün­chen und erzähl­te mir, man käme als Nicht-Münch­ne­rin ein­fach nicht in Mün­chen an, man blie­be auch nach Jah­ren immer fremd. Selbst die Anschaf­fung eines Dirndls und eines ein­hei­mi­schen Lebens­ge­fähr­ten hät­ten die­se Situa­ti­on nicht geän­dert. Ber­lin sei da ganz anders, sag­te sie. Ber­lin ist wie eine Par­ty. Jeder kommt von irgend­wo anders her, jeder hat eine ande­re Geschich­te zu erzäh­len. So betrach­tet ist die deut­sche Haupt­stadt der wah­re Mel­ting Pot der Republik.

Eckkneipe, Kneipe, Prinzenallee, Osloer Straße
Foto: Sula­mith Sallmann

Was zeich­net den typi­schen Ber­li­ner aus? Ich recher­chie­re kurz im Netz. Der Schub­la­den-Ber­li­ner ist unhöf­lich, gleich­gül­tig, meckert ger­ne rum und hat einen tro­cke­nen Humor. Posi­tiv aus­ge­drückt: Er ist kein Schleim­schei­ßer, lässt sich nicht alles gefal­len, ist kein Pedant, kommt gleich auf den Punkt und bleibt auch im Cha­os gelas­sen. Aber was bleibt von die­sen Ste­reo­ty­pen, wenn gefühl­te neun­zig Pro­zent der Men­schen, die man in der Innen­stadt trifft, nicht aus Ber­lin kom­men, viel­leicht als Tou­rist oder Stu­dent nur eine begrenz­te Zeit blei­ben oder ohne­hin eine ande­re kul­tu­rel­le Sozia­li­sa­ti­on mit­brin­gen? Viel­leicht soll­te man mal an den Stadt­rand fah­ren, nach Froh­nau oder Lank­witz, um dort den typi­schen Urein­woh­ner in sei­nem Habi­tat zu studieren?

Für mich ist die Fra­ge nach dem typi­schen Ber­li­ner nicht mehr zu beant­wor­ten. Ich habe zu vie­le Ber­li­ner ken­nen­ge­lernt, um die­sen Hau­fen von Idio­ten und char­man­ten Dilet­tan­ten, von Schlips­trä­gern und Pfand­fla­schen­samm­lern mit ein paar Adjek­ti­ven zu ver­schlag­wor­ten. Ver­su­chen Sie es doch mal mit Ihrem eige­nen Wohn­ort. Es ist gar nicht so ein­fach. Wie ist der typi­sche Wed­din­ger? Ein unge­bil­de­ter Habe­nichts, der zu den Glo­ba­li­sie­rungs­ver­lie­rern gehört und sich aus dem eige­nen Kiez ver­drän­gen lässt? Wirk­lich? Den­ken Sie an Ihre Freun­de, Nach­barn und Kol­le­gen. Der Wed­ding ist doch eigent­lich ganz anders und in sei­ner bun­ten Viel­falt kaum zu beschreiben.

Wenn man die­sen Gedan­ken zu Ende denkt, ist es eigent­lich gar nicht so übel, dass sich die Kul­tu­ren in Städ­ten wie Ber­lin ver­mi­schen. Der Typus, das Ste­reo­ty­pe oder das Typi­sche lösen sich auf, es ent­steht eine neue Viel­falt, die man auch nicht mehr aus­ein­an­der­di­vi­die­ren kann. Wenn ich drei Far­ben mische, ent­steht eine neue Far­be. Es ist tech­nisch nicht mög­lich, die drei Far­ben wie­der zu ent­mi­schen. Wenn in Ber­lin ein Aus­tra­li­er mit einer Bra­si­lia­ne­rin drei Kin­der hat, dann gibt es drei aus­tra­lisch-bra­si­lia­ni­sche Gören, die „Icke“ sagen und viel­leicht mal Her­tha-Fan wer­den. Wie soll man das je wie­der rück­gän­gig machen? Natio­na­lis­ti­sche Dem­ago­gen wol­len uns das ein­re­den, aber glück­li­cher­wei­se ist es längst zu spät. Daher freue ich mich, dass ich die Fra­ge, was ein typi­scher Ber­li­ner ist, nicht beant­wor­ten kann. In mei­ner Rat­lo­sig­keit steckt also letz­ten Endes eine gute Nachricht.

Autor: Mat­thi­as Eberling

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