Auf halbem Weg zwischen Amrumer Straße und Nordufer liegt – etwas versteckt, genau wie sein Namensgeber – das Chamelion Café. Hier gibt es nicht nur etwas für den Bauch, sondern auch für das Herz, denn über die Jahre ist hier, zwischen Kaffeemaschine und Kuchentheke ein eigener kleiner Kosmos entstanden.


Seit 2018 versorgt Ariane hier den Sprengelkiez mit selbstgemachten Salaten, frischem Kaffee und den beliebten Pastel de Nata. Einige ihrer Kundinnen und Kunden kennt die Eigentümerin schon seit vielen Jahren, denn viele kommen immer wieder zu ihr in das kleine Café. An ihre ersten zwei Gäste erinnert sich Ariane noch ganz genau. Beide lassen sich noch heute regelmäßig im Chamelion blicken – einer von ihnen sogar beinahe täglich.
Mark ist Journalist. Bei jedem Wetter sitzt er draußen auf der Terrasse, trinkt seinen Espresso Macchiato, raucht und erzählt jedem, der gerade zuhört, von seinen aktuellen Recherchen – in einem Tempo, das das Gefühl vermittelt, jemand hätte die Welt auf doppelte Geschwindigkeit gestellt. Bestellen tut Mark, indem er den Kopf durch die schwere Eingangstür steckt und quer durch den kleinen Raum über die Köpfe der Wartenden hinweg ruft. So, wie es eben nur ein langjähriger Stammgast darf. Allerdings nie ohne den Zusatz: „Erst, wenn du Zeit hast.“


Neben Mark war Sven Arianes erster Kunde. Damals führte er ein Umzugsunternehmen und half ihr dabei, das kleine Café komplett eigenständig aufzubauen und dem Raum seinen ganz eigenen Charme zu verleihen. Bis heute versorgt er sie mit Farbe, dafür bekommt er extra Butter auf sein Croissant. Ein Geben und Nehmen also.
„Ein Ort, der niemanden ausschließt, an dem Menschen aufeinandertreffen, die sich im normalen Leben vielleicht nie begegnen würden“ – das schwebte Ariane vor, als ihr die Idee von einem eigenen Café kam. Mit dem Chamelion hat sie einen solchen Ort geschaffen. Natürlich kennt sich nicht jede:r, der hier ein- und ausgeht. Manche kommen nur für einen schnellen Kaffee, andere arbeiten stundenlang still vor sich hin. Viele begegnen sich nur flüchtig, doch genau aus solchen regelmäßigen Begegnungen entstehen manchmal Verbindungen, die über das Café hinausgehen und sogar zu Freundschaften wachsen.

Abida kann man jeden Morgen im Chamelion antreffen, manchmal ändert er seinen Platz, aber niemals sein Kaffeebestellung – ein großer Cappuccino mit Kuhmilch. Regelmäßig sitzt Ria bei ihm. Ihre gemeinsame Liebe zu Kaffee und festen Ritualen im Alltag brachte die beiden zusammen. Immer wieder begegneten sie sich, kamen ins Gespräch und freundeten sich schließlich an. Inzwischen sind ihre Treffen geplant und für Rias Sohn ist Abida inzwischen ein bisschen wie ein Onkel geworden. Das Chamelion kennt der Kleine ganz genau, denn während die Erwachsenen reden, erkundet er – früher auf allen Vieren, nun auf tapsigen Schritten – Arianes verspielte Einrichtung. Das kleine gehäkelte Chamäleon landet regelmäßig in den Händen der jungen Besucherinnen und Besucher – und von dort aus ab und zu auch auf dem Boden.


Das sind nur einzelne Puzzleteile, die gemeinsam mit vielen anderen Gesichtern und Geschichten das Bild des Chamelions ergeben: ein Ort der Begegnung und Nachbarschaft, versteckt zwischen Amrumer Straße und Nordufer. Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft. Gerade in einer großen Stadt wie Berlin, die oft von Schnelligkeit und Anonymität geprägt ist, tut es gut, bekannte Gesichter wiederzusehen. Das mag der Grund sein, warum so viele immer wieder in das kleine Café zurückkehren. Wer möchte, bekommt hier zu seinem Kaffee, zwischen lebendiger Salsa Musik und buttrigem Duft noch einen kleinen Tratsch dazu.
Torfstr. 25, Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr, So 11 – 16 Uhr
Text/Fotos: Julia Prinz

