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Obdachlose im Wedding:
Camp unter der S-Bahn-Brücke geräumt

19. August 2022
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Seit einigen Monaten hatten sich unter der Ringbahn-Brücke am Nordufer einige Obdachlose ein Zuhause geschaffen. Am Morgen des 16. August ist das Lager von der Polizei und der BSR geräumt worden. Die Anwohner fühlten sich gestört.

Es ist für Menschen, die auf der Straße leben nicht leicht, eine offene Tür zu finden. Um so mehr müssen sich einige obdachlose Männer gefreut haben, im Pfeiler der Ringbahnbrücke über den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal am Nordufer eine Tür gefunden zu haben, die zu zwei ebenerdigen Inspektionsräumen im Betonpfeiler führt. Ob die Tür offen war, oder ob sie geöffnet wurde, ist nicht klar. 2 Zimmer Neubau, verkehrsgünstig gelegen mit Terrasse und Blick auf’s Wasser – da braucht es nicht viel, um schwach zu werden. Die neuen Bewohner machten es sich in den Räumen und auf dem gepflasterten Platz davor gemütlich und grüßten gut gelaunt aus ihrem Sommercamp mit ihren Bierflaschen, wenn ich tagein, tagaus mit dem Rad an ihnen vorbei zur Arbeit hetzte.

Der Platz unter der Brücke nach der Räumung Foto: Rolf Fischer

Doch es wurden immer mehr Bewohner, immer mehr Einkaufswagen und immer mehr dreckige Matratzen. Den Bezirk erreichten die ersten Beschwerden aus der Bürgerschaft. Es folgen nach Angabe des Bezirksamts Berlin-Mitte mehrere erfolglose Hilfsangebote durch das Sozialamt und seine aufsuchenden Sozialarbeiter.
Am Morgen des 16. August stehen dann Müllwagen der BSR und eine Handvoll Polizisten vor den Bewohnern des Platzes, als ich vorbeikomme. Ich sehe einen der Bewohner heftig auf die Polizisten einreden. In der Stellungnahme des Bezirksamts heißt es dann: „Bei der Räumung war auch die Landespolizei mit zugegen, da der Betroffenenkreis im Vorfeld Aggressionsverhalten gezeigt hat. Die Landespolizei hatte einen polnischsprachigen Kollegen dabei, der als Sprachmittler zur Deeskalation eingesetzt werden konnte. Die Personalien wurden aufgenommen.(…) Ein Platzverweis wurde erteilt.“
Ich muss an den satirischen Satz denken, der dem Schriftsteller Anatole France vor mehr als hundert Jahren zu solchen Aktionen eingefallen ist. „Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen…“

Foto: Rolf Fischer

Die Bürger des schicken Sprengelkiezes schlafen jetzt wieder gut. Als ich am Abend von der Arbeit zurückkomme, sehe ich, dass die BSR gründlich gearbeitet hat. Nichts erinnert mehr an die ehemaligen Bewohner. Nur ein grüner Leihroller liegt wie weggeworfen auf dem Platz. Aber das wird geduldet. Auf der Parkbank neben der Brücke treffe ich einen Mann, dessen Kleidung, die Bierflasche und sein sonnenverbranntes Gesicht mich glauben lassen, er sei einer der Männer, die unter Brücken schlafen. „Nein“, sagt er, als er meinen Blick bemerkt, “Ich wohne hier.“ Er sei Bauingenieur und derzeit beim Jobcenter. Er spreche Russisch, Polnisch und ein bisschen Deutsch und er habe oft für die Männer gedolmetscht. „Jetzt nicht mehr.“, sagt er verärgert. Es habe immer mehr nach Urin gestunken. „Sie sollen sich eine Arbeit suchen, selber was machen“, schimpft er. Ich schaue auf seine Bierflasche, und er merkt es wieder. Nein, er sei nicht so wie „die“. Er wohne hier.

Die Tür im Pfeiler steht nach wie vor offen.

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

10 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Bei allem Verständnis für die Situation – ich frage mich aber schon, wie lange die polnische Polizei/die polnischen Behörden ein derartiges Camp geduldet hätten.

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