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Obdachlose im Wedding:
Camp unter der S‑Bahn-Brücke geräumt

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Seit eini­gen Mona­ten hat­ten sich unter der Ring­bahn-Brü­cke am Nord­ufer eini­ge Obdach­lo­se ein Zuhau­se geschaf­fen. Am Mor­gen des 16. August ist das Lager von der Poli­zei und der BSR geräumt wor­den. Die Anwoh­ner fühl­ten sich gestört.

Es ist für Men­schen, die auf der Stra­ße leben nicht leicht, eine offe­ne Tür zu fin­den. Um so mehr müs­sen sich eini­ge obdach­lo­se Män­ner gefreut haben, im Pfei­ler der Ring­bahn­brü­cke über den Ber­lin-Span­dau­er Schiff­fahrts­ka­nal am Nord­ufer eine Tür gefun­den zu haben, die zu zwei eben­erdi­gen Inspek­ti­ons­räu­men im Beton­pfei­ler führt. Ob die Tür offen war, oder ob sie geöff­net wur­de, ist nicht klar. 2 Zim­mer Neu­bau, ver­kehrs­güns­tig gele­gen mit Ter­ras­se und Blick auf’s Was­ser – da braucht es nicht viel, um schwach zu wer­den. Die neu­en Bewoh­ner mach­ten es sich in den Räu­men und auf dem gepflas­ter­ten Platz davor gemüt­lich und grüß­ten gut gelaunt aus ihrem Som­mer­camp mit ihren Bier­fla­schen, wenn ich tag­ein, tag­aus mit dem Rad an ihnen vor­bei zur Arbeit hetzte.

Der Platz unter der Brü­cke nach der Räu­mung Foto: Rolf Fischer

Doch es wur­den immer mehr Bewoh­ner, immer mehr Ein­kaufs­wa­gen und immer mehr dre­cki­ge Matrat­zen. Den Bezirk erreich­ten die ers­ten Beschwer­den aus der Bür­ger­schaft. Es fol­gen nach Anga­be des Bezirks­amts Ber­lin-Mit­te meh­re­re erfolg­lo­se Hilfs­an­ge­bo­te durch das Sozi­al­amt und sei­ne auf­su­chen­den Sozi­al­ar­bei­ter.
Am Mor­gen des 16. August ste­hen dann Müll­wa­gen der BSR und eine Hand­voll Poli­zis­ten vor den Bewoh­nern des Plat­zes, als ich vor­bei­kom­me. Ich sehe einen der Bewoh­ner hef­tig auf die Poli­zis­ten ein­re­den. In der Stel­lung­nah­me des Bezirks­amts heißt es dann: „Bei der Räu­mung war auch die Lan­des­po­li­zei mit zuge­gen, da der Betrof­fe­nen­kreis im Vor­feld Aggres­si­ons­ver­hal­ten gezeigt hat. Die Lan­des­po­li­zei hat­te einen pol­nisch­spra­chi­gen Kol­le­gen dabei, der als Sprach­mitt­ler zur Dees­ka­la­ti­on ein­ge­setzt wer­den konn­te. Die Per­so­na­li­en wur­den auf­ge­nom­men.(…) Ein Platz­ver­weis wur­de erteilt.“
Ich muss an den sati­ri­schen Satz den­ken, der dem Schrift­stel­ler Ana­to­le Fran­ce vor mehr als hun­dert Jah­ren zu sol­chen Aktio­nen ein­ge­fal­len ist. „Das Gesetz in sei­ner majes­tä­ti­schen Gleich­heit ver­bie­tet es den Rei­chen wie den Armen, unter Brü­cken zu schlafen…“

Foto: Rolf Fischer

Die Bür­ger des schi­cken Spren­gel­kiezes schla­fen jetzt wie­der gut. Als ich am Abend von der Arbeit zurück­kom­me, sehe ich, dass die BSR gründ­lich gear­bei­tet hat. Nichts erin­nert mehr an die ehe­ma­li­gen Bewoh­ner. Nur ein grü­ner Leih­rol­ler liegt wie weg­ge­wor­fen auf dem Platz. Aber das wird gedul­det. Auf der Park­bank neben der Brü­cke tref­fe ich einen Mann, des­sen Klei­dung, die Bier­fla­sche und sein son­nen­ver­brann­tes Gesicht mich glau­ben las­sen, er sei einer der Män­ner, die unter Brü­cken schla­fen. „Nein“, sagt er, als er mei­nen Blick bemerkt, “Ich woh­ne hier.“ Er sei Bau­in­ge­nieur und der­zeit beim Job­cen­ter. Er spre­che Rus­sisch, Pol­nisch und ein biss­chen Deutsch und er habe oft für die Män­ner gedol­metscht. „Jetzt nicht mehr.“, sagt er ver­är­gert. Es habe immer mehr nach Urin gestun­ken. „Sie sol­len sich eine Arbeit suchen, sel­ber was machen“, schimpft er. Ich schaue auf sei­ne Bier­fla­sche, und er merkt es wie­der. Nein, er sei nicht so wie „die“. Er woh­ne hier.

Die Tür im Pfei­ler steht nach wie vor offen.

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

9 Comments

    • Ich glau­be da irrst du dich. Die Tür und das Camp ist unter der neu­en Brü­cke. Die Ring­bahn­brü­cke ist der­zeit Bau­stel­le und abgesperrt.

  1. Bei allem Ver­ständ­nis für die Situa­ti­on – ich fra­ge mich aber schon, wie lan­ge die pol­ni­sche Polizei/die pol­ni­schen Behör­den ein der­ar­ti­ges Camp gedul­det hätten.

    • Ehr­lich gesagt ver­ste­he ich den Ver­gleich nicht. Soll die Poli­zei mit Leu­ten aus Polen anders umge­hen wie mit Einheimischen?

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