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“Natürlich bio” im Afrikanischen Viertel:
„Wir haben mehr zu bieten als mancher ahnt“

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© Sula­mith Sallmann

„Natür­lich Bio“ an der Ecke Kame­ru­ner- und Togo­stra­ße ist im Wed­ding der ein­zi­ge Bio-Laden nörd­lich der See­stra­ße. Er ver­bin­det seit fast 30 Jah­ren ein gro­ßes Natur­kost-Sor­ti­ment auf klei­nem Raum mit Tan­te Emma-Gemüt­lich­keit und Ber­li­ner Herzlichkeit.

„Meen Jott, wat sind wa heu­te wie­da freund­lich“, lacht Ver­käu­fe­rin Bar­ba­ra über den Bis­tro-Tisch, an dem wir vor dem Natur­kost­la­den „Natür­lich Bio“ einen Kaf­fee in der Son­ne trin­ken. Sie bringt damit das Beson­de­re des tra­di­ti­ons­rei­chen Ladens im Afri­ka­ni­schen Vier­tel auf den Punkt. Wo fin­det man sonst noch die raue Ber­li­ner Herz­lich­keit, ver­bun­den mit flap­si­gen Sprü­chen, seit sogar die BVG-Bus­fah­rer auf Freund­lich­keit getrimmt wur­den? Und das in einem Bio-Laden. „Unser Tan­te-Emma-Flair, den per­sön­li­chen Kon­takt, das lie­ben die Leu­te“, über­setzt das Kath­rin Vot­anek, die seit 1994 im Laden arbei­tet und das Geschäft 2009 als allei­ni­ge Inha­be­rin über­nom­men hat. Damals muss­te sie sich schnell ent­schei­den. Ihre ehe­ma­li­ge Che­fin hat­te sich aus Gesund­heits­grün­den aus dem Geschäft zurück­ge­zo­gen und ihr die Über­nah­me ange­bo­ten. Ganz ein­fach war die Ent­schei­dung für die drei­fa­che Mut­ter aus Rei­ni­cken­dorf nicht. „Ich hab mei­nen Mann gefragt: Hilfst du mir ab und zu mit den Kin­dern?“ Und das hat er gemacht. „Es wäre mir auch schwer­ge­fal­len, den Laden auf­zu­ge­ben. Denn ich lie­be die Arbeit mit den Men­schen.“ Heu­te steht stolz „13 Jah­re Natür­lich Bio“ auf dem Schau­fens­ter neben der Laden­tür. Die Kun­den kom­men nach wie vor aus der Nach­bar­schaft. Vor allem Fami­li­en, Pär­chen aber auch älte­re Men­schen, die den Laden in der Nähe und die Gele­gen­heit zu einem klei­nen Schwatz zu schät­zen wis­sen. „Am schöns­ten ist es für mich, wenn ehe­ma­li­ge Kun­den vor­bei kom­men, und sich freu­en, dass wir wei­ter machen.“

Kath­rin Vot­an­eks Anspruch ist es, ihren Kun­din­nen und Kun­den alles zu bie­ten, was sie für ihren All­tag brau­chen. In Bio-Qua­li­tät und mög­lichst regio­nal. „Und wenn wir etwas nicht haben, kann ich es meist besor­gen.“ Und es ist wirk­lich erstaun­lich, was das ver­win­kel­te klei­ne Geschäft in sei­nen Holz­re­ga­len alles zu bie­ten hat. Von selbst­ge­strick­ten Socken zur Natur­kos­me­tik über Wei­ne, Säf­te und Bier bist zur Brat­pfan­ne. In jedem Raum gibt es etwas zu ent­de­cken. Und jeder Raum riecht anders.
Nach Räu­cher­stäb­chen oder Tee, nach kräf­ti­gem Käse oder rei­fem Obst. Am Fens­ter leuch­tet das Licht durch Pro­sec­co-Fla­schen und Likö­re und im hin­ters­ten Zim­mer gibt es sogar noch eine höl­zer­ne Getrei­de­müh­le, in der man sich sein Korn sel­ber mah­len kann. Für Kin­der gibt es hin­ter der Kas­se Gum­mi­bär­chen aus dem Glas. Zusam­men ergibt das einen hei­me­li­ge Atmo­sphä­re und einen Duft, mit dem kein Bio-Super­markt kon­kur­rie­ren kann.

Natür­lich ist auch Nach­hal­tig­keit ein The­ma. Das Sesam­mus Tahin gibt es in gro­ßen Metall­be­häl­tern zum sel­ber Abfül­len, Brot wird vor­sich­tig ein­ge­kauft, und was trotz­dem nicht ver­kauft wur­de, gibt es danach zum hal­ben Preis, genau so wie Pro­duk­te die das MHD über­schrit­ten haben. Aber Natür­lich Bio ist nicht nur ein Bio-Laden, son­dern auch ein Bio­top. Eine Zeit­in­sel, in der poli­ti­sche Wer­te über­dau­ert haben, die am Anfang der Bio-Laden-Bewe­gung in den 1980er-Jah­ren stan­den. Das merkt man nicht nur an der stets frisch gedruck­ten Aus­ga­be der Tages­zei­tung taz, die gleich neben der Tür ausliegt. 

Auch die Pro­dukt­aus­wahl atmet noch den Geist der alter­na­ti­ven Gegen­öko­no­mie, die das Ziel hat­te, einen eige­nen, selbst­be­stimm­ten Wirt­schafts­kreis­lauf ohne frem­des Kapi­tal auf­zu­bau­en. Kath­rin Vot­anek bezieht auch heu­te noch kon­se­quent ihre Pro­duk­te aus eigen­stän­di­gen Betrie­ben: „Wenn sich gro­ße Kon­zer­ne in klei­ne Bio-Unter­neh­men ein­kau­fen, flie­gen sie bei mir aus dem Regal.“ 

Auch die Preis­ge­stal­tung, die an eine Genos­sen­schaft erin­nert, stammt aus die­ser Zeit. Wer ein­ma­lig einen Grund­be­trag von 51,13 Euro ein­zahlt und lau­fend einen monat­li­chen Bei­trag, bekommt die Waren zu einem ermä­ßig­ten Preis. Die Bei­trä­ge sind gestaf­felt. Für einen Sin­gle sind es der­zeit 17,90 Euro im Monat, für eine Fami­lie 20,40 Euro. In der Regel lohnt sich eine Mit­glied­schaft ab einem monat­li­chen Ein­kauf von etwa 25 Euro. Dane­ben kann man auch ohne Mit­glied­schaft alle Pro­duk­te zum regu­lä­ren Preis kaufen.

Ob sich die­ses Sys­tem, bei dem die Kun­din­nen und Kun­den mit ihren Ein­la­gen lang­fris­tig einen Teil der Ver­ant­wor­tung für das Wei­ter­be­stehen des Ladens mit über­neh­men, in Zei­ten der Kri­se wei­ter füh­ren lässt, ist frag­lich. Mut macht, dass seit einem Jahr eine Wie­der­be­le­bung der Genos­sen­schafts­idee im Wed­ding, zum Bei­spiel im Super­Coop in den Osram­hö­fen zu beob­ach­ten ist.

Zum ande­ren gibt es seit dem Ukrai­ne-Krieg aber auch für die Stamm­kund­schaft von Natür­lich Bio den star­ken Zwang zum Spa­ren. Vie­le wech­seln des­halb zum Bil­lig-Bio­an­ge­bot der Dis­coun­ter. „Wir haben eine star­ke Abwan­de­rung in den letz­ten Mona­ten. Vie­le wol­len wei­ter Bio-Pro­duk­te, kön­nen sich Bio nur noch bei Aldi oder Lidl leis­ten. Aber das hat mit Bio nichts zu tun“, resü­miert Kath­rin Vot­anek die Ent­wick­lung der letz­ten Mona­te. „Ich woll­te mir im Urlaub dar­über Gedan­ken machen, wie es wei­ter gehen kann. Hab ich aber nicht, weil ich den Urlaub drin­gend brauch­te und in vol­len Zügen genos­sen habe”, sagt sie leichtherzig.

Natür­lich Bio
Inh. Kath­rin Vot­anek
Kame­ru­ner Stra­ße 12
13351 Ber­lin
Tel.: 030 4518737

www.natuerlichbio.berlin

Insta­gram Natür­lich Bio (@naturlichbio)

Mon­tag
9:00 – 19:00
Diens­tag
9:00 – 19:00
Mitt­woch
9:00 – 19:00
Don­ners­tag
9:00 – 19:00
Frei­tag
9:00 – 19:00
Sams­tag
9:00 – 15:00
Sonn­tag
Geschlos­sen

Text: Rolf Fischer, Fotos: Sula­mith Sallmann

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

7 Comments

  1. Die “raue Ber­li­ner Herz­lich­keit” emp­fin­de ich hier als schon sehr euphe­mis­tisch. Sowohl ich als auch jemand aus dem Bekann­ten­kreis waren 3 mal dort ein­kau­fen und wur­den auf Grund der unfreund­li­chen, her­ab­las­sen­den Art und Wei­se in die­sem Laden von einer Mit­glied­schaft und regel­mä­ßi­gem Ein­kauf abge­schreckt. Und wir sind bei­de Ur-Ber­li­ner, ken­nen also die ech­te “Ber­li­ner Schnau­ze” sehr gut. Kei­ne Ahnung ob man mit der Stamm­kund­schaft bes­ser umgeht. Mich wun­dert es jeden­falls auf Grund die­ser Ver­hal­tens und dem recht alt­ba­cke­nen Auf­bau des Ladens nicht, dass die Kund­schaft abwan­dert. Der “Geist der alter­na­ti­ven Gegen­öko­no­mie” ist hier lei­der kei­ne gute, son­dern eher ein schlech­te Tradition.
    Den ange­spro­che­nen Super­Coop habe ich bei einem Pro­be­ein­kauf vor Kur­zem als sehr ange­neh­men Gegen­ent­wurf erlebt und den­ke jetzt über eine Mit­glied­schaft nach.

    • Hal­lo Karl

      wie war das mir dem Pro­be­ein­kauf ?? ver­ste­he ich das so das man ein­fach mal hin­geht und ohne Mit­glied­schaft einen Ein­kauf machen oder kann man den nur am Tag der offe­nen Tür machen!!??

      Gruß

    • Hal­lo Karl, viel­leicht ist an der Sache mit den Stamm­kun­den was dran.
      Ich bin dort seit mehr als 10 Jah­ren Kun­de. Als ich in Qua­ran­tä­ne muss­te, genüg­te ein Anruf, und Kath­rin stand mit dem gan­zen Wochen­ein­kauf vor mei­ner Tür.

      • Hal­lo Eimacel. Das freut mich, dass du so über­aus posi­ti­ve Erfah­run­gen gemacht hast. Scha­de, dass es bei mir nicht so war.

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