Wahlaufruf – Geh einfach hin.

Zum Wahllokal. Foto Andrei Schnell.
Zum Wahl­lo­kal. Foto And­rei Schnell.

Ich gehe wäh­len, weil es doch nicht sein kann, dass mein Groß­va­ter coo­ler ist als ich. Ich mei­ne, mein Groß­va­ter war stolz auf sein Fern­seh­ge­rät in der guten Stu­be. Er muss­te auf­ste­hen, wenn er statt ARD mal ZDF sehen woll­te. Und wenn vier Jah­re rum waren, dann zog er sei­nen Anzug an und ging ins Wahl­lo­kal, um sei­ne Par­tei zu wäh­len. Mein Vater dann war stolz auf sei­ne Fern­be­die­nung. Vom Sofa aus steu­er­te er 32 Pro­gram­me an. Aber da fing es schon an, dass nichts mehr im Fern­se­hen lief und die Wahl unwich­tig wur­de. Nun bin ich stolz. Auf mei­ne App, die mir You­Tube bie­tet. Nur der Brief, der mich zur Wahl auf­ruft, stellt mich vor ein Rät­sel. Was ist da in 50 Jah­ren pas­siert? Viel­leicht ist ganz viel pas­siert und heu­te ist alles anders. Aber viel­leicht auch ist alles beim Alten, nur ich bin uncool. Des­halb schrei­be ich einen per­sön­li­chen Wahlaufruf:

Mein Wahlaufruf zur BerlinWahl2016

Denk nicht zu viel nach und geh ein­fach wäh­len! Du glaubst, der Mann auf der Stra­ße zählt nicht mehr in der Poli­tik? Die Welt ist unfair, ungleich und Du bist abge­hängt? Ich den­ke da an mei­nen Groß­va­ter, der immer erzähl­te, wie er am Pots­da­mer Platz “sich die Nase an den Schau­fens­ter­schei­ben platt­ge­drückt hat”. “Ja, es stimmt, es gab alles. Aber mein gan­zes Lehr­lings­geld ging für S‑Bahn-Fahr­schei­ne drauf.” Aber ihm war klar, dass sich dar­an von allein nichts ändern wür­de. Und als es ihm nach Krieg und Gefan­gen­schaft mög­lich war, trat er sofort in eine demo­kra­ti­sche Par­tei ein.

Denk nicht zu viel nach und geh ein­fach wäh­len! Du glaubst, die Poli­tik kann nichts mehr ent­schei­den, das erle­di­gen die Ban­ken? Die Welt ist zu glo­bal? Ich über­le­ge, wie es für mei­nen Groß­va­ter war. Plötz­lich war Deutsch­land Spiel­ball zwei­er Groß­mäch­te. Statt Glo­ba­li­sie­rung sag­te man Kal­ter Krieg. Ihm war klar, das Ade­nau­er von Mäch­ti­ge­ren abhän­gig war und des­halb den von Deutsch­land übrig geblie­be­nen Rest nach Wes­ten führ­te. Und ihm war klar, dass es trotz aller Abhän­gig­kei­ten einen Unter­schied mach­te, ob Ade­nau­er oder Schu­ma­cher regier­te – vom radi­ka­len Ulb­richt ganz abgesehen.

Denk nicht zu viel nach und geh ein­fach wäh­len! Du fin­dest bei jeder Par­tei ein Haar in der Sup­pe? Du lebst eben in einer Welt, in der Du kei­ne Bin­dung zu einer Par­tei hast? Ich sehe, das es mein Groß­va­ter ein­fa­cher hat­te. Er sag­te, in unse­rer Fami­lie haben wir immer (Biep-Ton) gewählt. Damit war er fer­tig. Das heißt, auch ihm war die Wahl nicht so wich­tig, wie der Kauf sei­nes Autos, für den er jah­re­lang über­legt hat. Ihm wäre aber klar gewe­sen, dass man dann eben eine Par­tei wie eine Zahn­pas­ta aus­wählt. Er wür­de die mit der bun­tes­ten Ver­pa­ckung neh­men – aber nicht Chlor­he­xamed und ande­re radi­ka­le Lösun­gen, bloß um sich die Zäh­ne zu putzen.

Warum ich wähle

Ich gehe wäh­len, weil ich mich an mei­nen Groß­va­ter erin­ne­re. Wie er sagen wür­de: “Nun mach nicht so ein Gewe­se”.  Mög­lich, dass die Welt unglei­cher (neo­li­be­ra­ler), glo­ba­ler oder bin­dungs­lo­ser gewor­den ist. Mög­lich aber auch, dass mein Groß­va­ter ein­fach nicht ver­ste­hen wür­de, war­um ich mich so anstel­le. Als ob alles ganz beson­ders schlimm wäre heut­zu­ta­ge. “So schwer ist das doch nun auch wie­der nicht.”

Autor: And­rei Schnell. Foto: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Mit ostdeutschem Hintergrund bin ich im Weddingspektrum einer von vielen anderen Sonderlingen. Ich vergleiche Politik gern mit Sport, dann ist sie spannend und nicht bierernst. Wenn ich ein Buch lese, frage ich mich immer, wo ich es besprechen kann. Ich reporte ja für Weddingweiser, Weddinger Allgemeine Zeitung und Kiezmagazine. Ich mag Geschichten und Geschichte.

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