Auf dem roten Teppich in den Wedding

Anne Lakeberg im Gespräch mit Schauspielerin Charlotte Rampling. Foto: Hensel
Anne Lakeberg im Gespräch mit Schau­spie­le­rin Char­lot­te Ram­pling. Foto: Hensel

Der Ber­li­na­le-Wett­be­werb ist lau gewe­sen in die­sem Jahr? Egal. Film­fes­ti­val­di­rek­tor Die­ter Kosslick möge nun end­lich in den Ruhe­stand gehen, die Ber­li­na­le müs­se sich drin­gend neu erfin­den – das inter­es­sier­te am Frei­tag im Wed­ding kei­nen. Der Pots­da­mer Platz ist weit weg, wenn man in der Mül­ler­stra­ße auf dem roten Kino­ses­sel sitzt. Im City Kino Wed­ding war am Frei­tag Ber­li­na­le-Tag. Drei Fil­me wur­den im Rah­men der 69. Film­fest­spie­le gezeigt. Es gab zwei tol­le Film­ge­sprä­che, einen ech­ten Lein­wand­star und auch ein wun­der­ba­res Menu zum Film, ser­viert von der Gour­man­de­rie im Vor­der­haus des Kinos. Die Ber­li­na­le im Wed­ding, die kann ger­ne blei­ben wie sie ist.

Die engagierten Kiezkinos im Fokus
Berlinale 2019 im City Kino Wedding: Kinobetreiberin Anne Lakeberg begrüßt das Publikum. Foto: Hensel
Ber­li­na­le 2019 im City Kino Wed­ding: Kino­be­trei­be­rin Anne Lakeberg begrüßt das Publi­kum. Foto: Hensel

Seit zehn Jah­ren kommt die Ber­li­na­le mit dem flie­gen­den roten Tep­pich auch in die Kieze. Das Film­fes­ti­val will damit den Fokus auf die klei­nen Pro­gramm­ki­nos mit ihren enga­gier­ten Teams set­zen. Teams wie das vom City Kino Wed­ding. Anne Lakeberg von City Kino ist eine die­ser Men­schen, die Woche um Woche aus­ge­wähl­te Kino­fil­me in die Kieze tra­gen. Auch die Ber­li­na­le hat sie wie­der in ihr Kino geholt, doch damit nicht genug. Anne Lakeberg ist wäh­rend der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le mit dem flie­gen­den roten Tep­pich von Kiez­ki­no zu Kiez­ki­no gereist und hat die Film­vor­füh­run­gen und ‑gesprä­che in den ande­ren Kinos mode­riert. Am Frei­tag war sie nach ihrem sie­ben­tä­gi­gen Ber­li­na­le goes Kiez-Weg durch Fried­richs­hain (b‑ware! Laden­ki­no), Fried­richs­ha­gen (Kino Uni­on), Kreuz­berg (Sput­nik Kino), Prenz­lau­er Berg (Licht­blick-Kino), Pan­kow (Blau­er Stern) und Schö­ne­berg (Ode­on) in ihrem eige­nen Kino im Wed­ding angekommen.

Gleich geht die Berlinale-Vorstellung im City Kino Wedding los. Foto: Hensel
Gleich geht die Ber­li­na­le-Vor­stel­lung im City Kino Wed­ding los. Foto: Hensel

Von Ber­li­na­le-Müdig­keit war im City Kino Wed­ding am Frei­tag nichts zu spü­ren. Die Zuschau­er kamen aus allen Tei­len der Stadt, schrit­ten zahl­reich über den roten Tep­pich im Cent­re Fran­cais. Die Vor­stel­lun­gen waren aus­ver­kauft und gefüllt mit Men­schen, die sich freu­ten, ein Ber­li­na­le-Ticket ergat­tert zu haben. Auch wenn kein Wett­be­werbs­film gezeigt wur­de und auch wenn der Stand­ort des Licht­spiel­hau­ses irgend­wo an der U 6 erst nach­ge­schla­gen wer­den musste.

Im Gespräch mit Charlotte Rampling
Anne Lakeberg beim Filmgespräch mit Charlotte Rampling (rechts). Foto: Hensel
Anne Lakeberg beim Film­ge­spräch mit Char­lot­te Ram­pling (rechts). Foto: Hensel

Die Ber­li­na­le im City Kino Wed­ding in die­sem Jahr brach­te „Der Nacht­por­tier“ aus dem Jah­re 1974 auf die Lein­wand. Es geht dar­in um die Bezie­hung einer KZ-Gefan­ge­nen und einem SS-Arzt – ein Skan­dal­film zur Zeit der Erst­aus­strah­lung. Im Anschluss an die Vor­füh­rung gab es ein aus­führ­li­ches Gespräch mit Fil­me­ma­che­rin Lilia­na Cava­ni und der Haupt­dar­stel­le­rin Char­lot­te Ram­pling. Ram­pling war tags zuvor am Pots­da­mer Platz der Gol­de­ne Ehren­bär für ihr Lebens­werk ver­lie­hen wor­den. Am Frei­tag war sie für die Fra­gen von Anne Lakeberg und dem Publi­kum im City Kino Wed­ding da. Auch Lilia­na Cava­ni gab aus­führ­lich Ein­blick in ihre Arbeit und ihre Her­an­ge­hens­wei­se an die Geschichte.

Der Weg zurück zum Leben
Filmemacher und Aussteiger John Chester auf der Bühne im City Kino Wedding. Foto: Hensel
Fil­me­ma­cher und Aus­stei­ger John Ches­ter auf der Büh­ne im City Kino Wed­ding. Foto: Hensel

Im Anschluss an die­sen Klas­si­ker wur­de den Zuschau­ern mit „The Big­gest Litt­le Farm“ eine Doku­men­ta­ti­on ser­viert. Zu sehen war wie der Fil­me­ma­cher und Aus­stei­ger John Ches­ter mit sei­ner Frau Mol­ly eine 80 Hekt­ar gro­ße Farm Kali­for­ni­en zu neu­em Leben erweckt. Das Ziel der zwei: den durch Mono­kul­tur aus­ge­dörr­ten Boden mit natür­li­chen Metho­den wie­der zu bele­ben. Die Kino­zu­schau­er folg­ten dem Paar acht Jah­re lang auf ihrem bemer­kens­wer­ten Weg hin zu einer natur­ver­bun­de­nen Lebensweise.

Guten Appetit Filmfans!
Kulinarisches Kino in der Gourmanderie. Foto: Hensel
Kuli­na­ri­sches Kino in der Gour­man­de­rie. Foto: Hensel

Nach der ein­drucks­vol­len und wit­zi­gen Doku­men­ta­ti­on folg­te eben­falls ein Film­ge­spräch mit dem Fil­me­ma­cher und schließ­lich ergänz­te ein vom Film inspi­rier­tes Menü den Abend. Clau­de Tren­del vom fran­zö­si­schen Restau­rant Gour­man­de­rie im Vor­der­haus des Cent­re Fran­cais tisch­te ein vege­ta­ri­sches Drei-Gän­ge-Menü auf. Dabei kamen an den lan­gen Tischen vie­le Men­schen mit­ein­an­der ins Gespräch über die Fil­me, die Ber­li­na­le, über den Wed­ding und über die Genera­ti­on Net­flix. Der Film, der Anlass für die Gesprä­che und das Essen war, star­tet im Früh­som­mer übri­gens auch in Deutsch­land im regu­lä­ren Kinoprogramm.

Nouvelle Vague im Weddinger Kino

Wäh­rend die Teil­neh­mer des Kuli­na­ri­schen Kinos in der Gour­man­de­rie noch ihr her­vor­ra­gen­des Din­ner genos­sen, nah­men bereits neue Gäs­te in dem roten Kino­ses­seln Platz. Als letz­ter Film des Ber­li­na­le-Tages in der Mül­ler­stra­ße wur­de im Rah­men des Doku­men­ta­ri­schen Forums „Var­da par Agnès“ von Agnès Var­da gezeigt. Die Foto­gra­fin, Instal­la­ti­ons­künst­le­rin und Weg­be­rei­te­rin der Nou­vel­le Vague, ist eine Insti­tu­ti­on des fran­zö­si­schen Kinos. Sie gibt mit dem Film Ein­blick in ihr Schaffen.

Auf Wiedersehen Berlinale!

Das war sie, die Ber­li­na­le im Wed­ding. Es war ein Gewinn für die Zuschau­er und das City Kino Wed­ding. Es war aber vor allem auch ein Gewinn und eine ver­dien­te Wert­schät­zung für die, die wie Anne Lakeberg und ihr Team das gan­ze Jahr über uner­müd­lich Kino­fil­me und Film­ge­sprä­che in die Kieze tra­gen. Sol­len sie ändern, was sie wol­len, die bei­den neu­en Ber­li­na­le-Fes­ti­val­lei­ter Car­lo Cha­t­ri­an und Mari­et­te Ris­sen­beek. Aber mögen sie die Kiez­ki­nos im Blick behal­ten und den flie­gen­den roten Tep­pich auch wei­ter­hin auf die Rei­se schi­cken vom Pots­da­mer Platz nach Fried­richs­ha­gen nach Wedding!

PS: Die 70. Inter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin fin­den vom 20. Febru­ar bis 1. März 2020 statt.

Dominique Hensel

Dominique Hensel lebt und schreibt im Wedding. Sonntags gibt sie hier den Newsüberblick für den Stadtteil, fotografiert dort für unseren Instagram-Kanal (Freitag) und hat hier und da einen aktuellen Text für uns - gern zum Thema Stadtgärten, Kultur, Nachbarschaft und Soziales. Hyperlokal hat sie es auf jeden Fall am liebsten und beim Weddingweiser ist sie fast schon immer.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.