Barfuß oder Lackschuh, alles oder nichts?

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Groningen Straße
Gro­nin­ger Straße

Auf mei­nem Schreib­tisch steht ein Foto, wel­ches ich beson­ders ger­ne mag. Es zeigt mei­nen Opa und mich vor unge­fähr 30 Jah­ren. Die Erin­ne­run­gen an ihn beschrän­ken sich auf weni­ge Jah­re und größ­ten­teils auf die Schul­fe­ri­en, sind aber den­noch sehr klar. Ich erin­ne­re mich an unse­re Spa­zier­gän­ge ent­lang der Mosel, an unse­re Aben­de vorm Radio, an MEINEN Süßig­kei­ten­schrank und Ein­mach­glä­ser vol­ler gesam­mel­ter Mün­zen… ein, zwei, fünf Pfen­nig, sau­ber sor­tiert. Ich erin­ne­re mich auch nach gut 20 Jah­ren an sei­ne Stim­me und ich erin­ne­re mich dar­an, wie er mei­nen „Mode­ge­schmack“ immer lächelnd mit „Bar­fuß oder Lack­schuh“ kom­men­tier­te. Die Anspie­lung auf das bekann­te Lied aus den 80ern ver­stand ich erst, als mei­ne Mut­ter und er es mir irgend­wann lachend vorsangen.

Immer wenn ich an mei­nem Schreib­tisch sit­ze, erin­ne­re ich mich an all das. Seit gut fünf Jah­ren bli­cke ich von hier, aus mei­nem Fens­ter, auf die alten Osram­hö­fe. Ich habe den Wed­ding lieb gewon­nen. Anfangs war es eher eine Zweck­be­zie­hung. Der Wed­ding war güns­tig, „zen­tral“ (man kann ja qua­si behaup­ten in Mit­te zu woh­nen) und vol­ler schö­ner Alt­bau­ten. Die Roman­ze begann vor fast 11 Jah­ren im Afri­ka­ni­schen Vier­tel und ent­wi­ckel­te sich, zuge­ge­ben, sehr lang­sam. Wed­ding, der Arbei­ter­be­zirk, bestach nicht gera­de durch Gla­mour und Style. Ledig­lich der Plöt­zen­see und die Reh­ber­ge gefie­len mir ganz gut.

Als ich eini­ge Jah­re spä­ter nach einer neu­en Woh­nung such­te, wur­de ich mit guten Rat­schlä­gen und Emp­feh­lun­gen über­häuft: Prenzl’Berg, Rei­ni­cken­dorf, Pan­kow, Fried­richs­hain, Lich­ten­berg… doch da war es schon gesche­hen. Ich hat­te mich ver­liebt. Und nicht nur das: ähn­lich wie das Herr­chen sich dem Hund anpasst, war der Wed­ding unmerk­lich zu mei­nem Bezirk gewor­den. Der Schil­ler­park mit sei­nen unzäh­li­gen Kanin­chen, die vie­len klei­nen Cafés und Bars, die Büche­rei­en und Spä­tis. Und doch konn­te ich es lan­ge nicht rich­tig beschrei­ben. Die Ant­wort kam mir, an einem son­ni­gen Herbst­tag im Novem­ber. Es war in die­sem Jahr außer­ge­wöhn­lich warm, gro­ße Laub­hau­fen türm­ten sich am Stra­ßen­rand und der Wed­ding war in ein wun­der­bar war­mes Licht getaucht, als ich mich auf den Heim­weg von der Biblio­thek am Lui­sen­bad machte.

Soldiner Kiez
Sol­di­ner Kiez

Spon­tan (und in Erin­ne­run­gen schwel­gend) nahm ich einen klei­nen Umweg durch den Sol­di­ner Kiez. Nahm eine rechts, eine links und stand plötz­lich in der For­do­ner Stra­ße. Ohne genau zu wis­sen, wer oder was mich hier hin geführt hat­te, schlen­der­te ich wei­ter und stand plötz­lich vor einem Stein mit der Auf­schrift „Wed­din­ger Jun­ge“… Harald Juhn­ke. Irgend­wann, irgend­wo hat­te ich mal gehört, dass er in Wed­ding auf­ge­wach­sen war. Ich hat­te schon immer ein sehr gespal­te­ne Ver­hält­nis zu ihm. Vie­le für mich frag­wür­di­ge Lebens­ent­schei­dun­gen duel­lie­ren sich mit der unglaub­li­che Lie­be, die er für die­se, mei­ne Stadt Ber­lin, offen­sicht­lich immer emp­fun­den hat­te. BERLIN, BERLIN statt New York, New York!

Und wäh­rend ich mich lang­sam auf den Heim­weg mach­te, begann ich etwas du sum­men… „Bar­fuß oder Lack­schuh, alles oder nichts…“ Bis heu­te beschreibt mich die­ser Song­ti­tel ziem­lich gut: Bequem und etwas gamm­lig oder auf­ge­sty­led und schick gemacht – bei­des kann ich. Das dazwi­schen kann ich nicht. Viel­leicht war es genau das, was mich mit dem Wed­ding ver­band, was uns zu Ver­bün­de­ten mach­ten, was mir das Gefühl gab, Zuhau­se zu sein. Viel­leicht hat­te Harald Juhn­ke genau die­ses Gefühl in sich getra­gen, das Leben im Arbei­ter­be­zirk Wed­ding im Hin­ter­kopf, den Gla­mour die­ser Stadt vor sich, als er die­ses Lied sang.

Wed­ding ist vie­les, aber nie­mals Durch­schnitt. Ein Stadt­teil, der dich mit Jog­ging­ho­se genau­so liebt wie mit High­heels. Ich such­te den Song auf You­Tube und wäh­rend ich den Titel mitt­ler­wei­le das drit­te Mal hör­te, spa­zier­te ich nach Hau­se. In Jog­ging­ho­se. Viel­leicht ist mor­gen mal wie­der ein Tag für Lackschuhe…

 

Autorin: Manue­la Buhse

1980 in Ber­lin gebo­ren, ver­brach­te die Autorin ihre Kind­heit im wun­der­vol­len Nor­den der Stadt zwi­schen Tege­ler Forst und Tege­ler See.
Nach einem Abste­cher ins Aus­land lebt sie inzwi­schen im Wed­ding und arbei­tet im Sport­be­reich. Der Arti­kel “Bar­fuß oder Lack­schuh” ist zuerst auf ihrem Blog Haupt­stadt­la­dys erschienen.

Gastautor

Als offene Plattform veröffentlichen wir gerne auch Texte, die Gastautorinnen und -autoren für uns verfasst haben.

2 Comments

  1. Sehr schön geschrie­ben .…. auch wennn ich noch nicht sooo lan­ge im Wed­ding und erst seit einem Jahr hier lebe, so habe ich die Ver­bin­dung zu ihm seit 3 Jah­ren .…. ich kann mir nicht vor­stel­len, irgend­wo anders zu leben .…

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