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Auf Linie: Mit dem 247er durchs Brunnenviertel

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Busse im WeddingDer Nord­bahn­hof ist mit Reif über­zo­gen, auf den roten Schwing­tü­ren am Ein­gang liegt noch der Nie­der­schlag der Nacht, pen­deln die Eis­kris­tal­le hin und her. An der Bus­hal­te­stel­le vor dem Bahn­hof pus­ten die War­ten­den Wol­ken aus war­mer Atem­luft in den win­ter­kal­ten Tag. Es ist Mon­tag­mor­gen, kurz vor zehn und 15 Men­schen war­ten auf den Bus. Als er kommt, leert sich die Hal­te­stel­le schnell. Der Bus Num­mer 245 wird in Rich­tung Zoo­lo­gi­scher Gar­ten und in den ers­ten Arbeits­tag der Woche fah­ren. Auf den fol­gen­den Bus der Linie 247 hat heu­te kaum jemand gewar­tet. Nur ein jun­ger Mann mit blau­er Funk­ti­ons­ja­cke und Mit­te-Fri­sur hat sich einen Platz am Fens­ter gesucht.

Der 247 in der Usedomer Straße. Im Hintergrund ist die St. Sebastian-Kirche.
Der 247 in der Use­do­mer Stra­ße. Im Hin­ter­grund ist die St. Sebastian-Kirche.

Der Bus 247 pen­delt von kurz vor fünf Uhr mor­gens bis Mit­ter­nacht im 20-Minu­ten-Takt zwi­schen Nord­bahn­hof und Leo­pold­platz. Es gibt 23 Hal­te­stel­len, eine Fahrt vom Stre­cken­be­ginn bis zur End­hal­te­stel­le dau­ert 30 Minu­ten. Mehr als die Hälf­te der Hal­te­stel­len lie­gen im Brun­nen­vier­tel. Der 247 ist der Brunnenviertel-Kiezbus.

Die Men­schen, die ein­stei­gen, sind über­wie­gend jen­seits der 50. Nur weni­ge Jun­ge sind an die­sem Tag unter­wegs. Die zwei, die durch den Kiez gon­deln, haben klei­ne Kopf­hö­rer­stöp­sel im Ohr und hören Musik. „Na, wie­der auf Ach­se“, fragt eine alte Dame eine inten­siv nach Vanil­le duf­ten­de Bekann­te, die gera­de in den Kiez­bus klet­tert. „Ja. Zum Zahn­arzt, muss ja sein“, ant­wor­tet die Zuge­stie­ge­ne. Ihr fol­gen­des Schwätz­chen dreht sich um einen Brief vom gemein­sa­men Ver­mie­ter. Sie berat­schla­gen, ob man die Miet­erhö­hung akzep­tie­ren oder kla­gen soll. Sie eini­gen sich aufs Akzep­tie­ren. Mit einem fröh­li­chen „Tschüss“ steigt die eine Dame an der Wol­li­ner Stra­ße wie­der aus, ihre Gesprächs­part­ne­rin mit dem Vanil­le­duft fährt noch wei­ter durch das Brunnenviertel.

Haltestelle Usedomer Straße. Die Halle im Hintergrund steht auf BVG-Gelände.
Hal­te­stel­le Use­do­mer Stra­ße. Die Hal­le im Hin­ter­grund steht auf BVG-Gelände.

Die Men­schen stei­gen ein und aus. Es sind nie mehr als die Hälf­te der Plät­ze besetzt. Die meis­ten Fahr­gäs­te sit­zen schwei­gend auf den Plät­zen, vie­le schau­en aus dem Fens­ter. Ruhig und unauf­ge­regt fließt das Leben durch Wed­dings Stra­ßen. Mit dem Brun­nen­vier­tel liegt der wuse­li­ge Prenz­lau­er Berg und das hib­be­li­ge Mit­te, an deren Gren­ze der Bus ent­lang fährt, hin­ter den Men­schen. Im Brun­nen­vier­tel ist es ent­spannt. Hier wird gern mal in zwei­ter oder drit­ter Rei­he geparkt, aber sel­ten gehupt. Der Blick aus dem Fens­ter offen­bart ein ruhi­ges Wohn­ge­biet: Im Brun­nen­vier­tel spa­zie­ren nur weni­ge Men­schen über die Geh­we­ge, gibt es kaum Fahr­rad­fah­rer. Es gibt viel Platz, ins­be­son­de­re in der Nähe der Acker­stra­ße sind die Fahr­bah­nen so breit wie anders­wo die Land­stra­ßen. Und was in ande­ren Vier­teln ein Luxus­gut ist, gibt es im Brun­nen­vier­tel ganz selbst­ver­ständ­lich: freie Park­plät­ze. Der Bus fährt die Gleim­stra­ße ent­lang, vor­bei an vie­len unbe­setz­ten Parkflächen.

Die Fahrt ist sanft. Stra­ßen und Plät­ze schwe­ben vor­bei. Vie­le Sta­tio­nen wer­den ohne Stopp pas­siert, nie­mand will ein- oder aus­stei­gen. Der Kiez fliegt vor­bei, fühlt sich aus der Per­spek­ti­ve des Pas­sa­giers fremd an. Ver­trau­te Orte, die mit Erleb­nis­sen und Gesich­tern ver­bun­den sind, redu­zie­ren sich zu einem Punkt auf einer Stre­cke. Zu einer Stre­cke durch irgend­ein Vier­tel in irgend­ei­ner Stadt mit irgend­wel­chen Häusern.

kiezebus3Am Gesund­brun­nen taucht der woh­lig war­me Bus aus dem Brun­nen­vier­tel auf, bahnt sich sei­nen Weg wei­ter in den Wed­ding hin­ein bis zum Leo­pold­platz. Dort endet die Fahrt. Die letz­ten sie­ben Pas­sa­gie­re stei­gen aus. Drau­ßen ist es noch immer kühl und die Men­schen ste­cken die Hän­de in die Manteltaschen.

Text und Fotos: Domi­ni­que Hensel

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Dominique Hensel

Dominique Hensel lebt und schreibt im Wedding. Sonntags gibt sie hier den Newsüberblick für den Stadtteil, fotografiert dort für unseren Instagram-Kanal (Freitag) und hat hier und da einen aktuellen Text für uns - gern zum Thema Stadtgärten, Kultur, Nachbarschaft und Soziales. Hyperlokal hat sie es auf jeden Fall am liebsten und beim Weddingweiser ist sie fast schon immer.

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