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Anhänger des Wedding: Ist das Kunst?

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Anhänger - Foto von Wilhelm Berges
Anhän­ger. Foto: Wil­helm Berges

Kiez­kul­tur Wann die Men­schen etwas banal fin­den oder sen­sa­tio­nell, ist schwer vor­her­zu­sa­gen. So ist das auch mit einem so sper­ri­gen The­ma wie “Anhän­ger”. Wer war nicht über­rascht, dass aus­ge­rech­net aus einem Post auf der Wed­ding­wei­ser-Pinn­wand über abge­stell­te Anhän­ger eine rege Dis­kus­si­on ent­stand? Und dar­aus die ers­te Pinn­wand-Serie: “Anhän­ger des Wed­ding”. Höchs­te Zeit, ein­mal mit dem Erfin­der der Serie zu sprechen.

Wäh­rend die Dis­kus­si­on in der Face­book-Grup­pe noch lief, betrat Wil­helm Ber­ges die digi­ta­le Büh­ne und pos­te­te das Foto eines abge­stell­ten Anhän­gers. Ohne Wer­tung und mit sach­li­cher Beschrei­bung. Genau­so an Tag 2, Tag 3 – und das bis heu­te. Die Pinn­wand-Abon­nen­ten frag­ten sich, was das nun soll. Ob er hier jemand den Wär­ter spie­len möch­te, der die Anhän­ger-Besit­zer ärgern will?

An Tag 4 erkann­te der ers­te Wed­din­ger: „das ist Kunst“. Haben wir da viel­leicht schon die Ant­wort? Man mag es oder nicht. Es gibt Leu­te, die zah­len Mil­lio­nen für ein Gemäl­de mit einem roten Punkt auf wei­ßem Grund, aber wür­den nie einen müden Euro für ein auf­wen­dig insze­nier­tes Foto aus­ge­ben und anders­her­um. Jeder sieht was er will und kann.

Interview mit dem Anhänger-Fotografen

Anhänger-Fotograf
Anhän­ger-Foto­graf

Haben Sie heu­te schon einen Anhän­ger fotografiert?
Wil­helm Ber­ges: Nee, heu­te noch nicht, ich mache das immer block­wei­se, am Sonn­tag habe ich zuletzt foto­gra­fiert, oder wenn ich Zeit habe, dann fahr ich rum und mach so vier bis fünf auf ein­mal. Das Wet­ter ist ja auch nicht immer gut. Aber fünf sind immer auf Lager.

Ent­stand die Rei­he durch die­sen einen Face­book-Post, in dem sich die eine Lese­rin über einen abge­stell­ten Anhän­ger geär­gert hat?
Wil­helm Ber­ges: Ja genau, damit ging das los. Als sich dar­auf­hin ein Rat­ten­schwanz an Dis­kus­sio­nen bildete.

Ich habe noch­mal nach­ge­guckt: 145 Kom­men­ta­re waren es.
Wil­helm Ber­ges: Ach echt, so viele?

Dar­auf hat­test du (ab jetzt per du) aber gar nicht reagiert, oder?
Wil­helm Ber­ges: Genau, ich habe nur gele­sen, was die Leu­te da so kom­men­tie­ren. Zwei, drei Tage spä­ter habe ich dann das ers­te Bild hoch­ge­la­den. Die Use­rin hat­te ihren Post unter Kaufen/Verkaufen ein­ge­stellt. Als ich dann mei­nen ers­ten Anhän­ger pos­te­te, dach­ten dar­auf­hin eini­ge, ich wol­le den ver­kau­fen und haben mir Ange­bo­te geschickt.

Eini­ge frag­ten aber auch, ob du hier der Block­wart oder Wär­ter wärst…
Wil­helm Ber­ges: Sowas auch, ja. Sie gaben auch Tipps mit Hin­weis auf das Ord­nungs­amt, Poli­zei etc., an wen man sich am bes­ten wen­den sol­le wegen der rum­ste­hen­den Anhän­ger. Aber dar­um ging es mir über­haupt nicht. Jemand frag­te: War­um machst du das, was ist der Sinn die­ser gan­zen Akti­on? Die­se Fra­ge kam dann öfter auf. Kurz gesagt: es ist eine Doku­men­ta­ti­on. Mir ging es nicht dar­um, dass irgend­ei­ner die Anhän­ger abschleppt oder was auch immer damit macht.

Wie läuft das ab? Du fährst zu den Anhän­gern, machst das Foto, guckst nach dem Modell…
Wil­helm Ber­ges:
Rich­tig, nur das Foto machen ist ja ein biss­chen lang­wei­lig. Mich inter­es­siert dann schon, was das für ein Modell ist. Man erwei­tert so auch sei­nen Hori­zont. Wenn man gar nichts dazu­ler­nen wür­de, dann wäre es sinn­los. Nur Fotos, allein wegen der Ästhe­tik, wären mach­bar. Das fin­de ich aber langweilig.

Dass du das Modell angibst, das ist schon spe­zi­ell. Auf so was ach­tet ja sonst niemand.
Wil­helm Ber­ges: Abso­lut! Wenn man Autos sieht, weiß ja jeder: das ist ein Mer­ce­des oder VW. Aber beim Anhän­ger… Nie­mand hat eine Ahnung. Dann habe ich halt dazu geschrie­ben, wer der Her­stel­ler ist und so wei­ter. Das habe ich ja auch nie gewusst. Es gibt Fir­men, die bau­en die Fahr­ge­stel­le, und ande­re dann den Auf­bau. Jeder Anhän­ger hat im Prin­zip zwei Hersteller.

Woher hast Du die Infor­ma­tio­nen zu den Anhänger-Typen?
Wil­helm Ber­ges: Es gibt tat­säch­lich ein Anhän­ger-Forum! Es gibt ja für jeden Quatsch ein Forum, aber das ist eher tech­nisch. Erstaun­lich ist, dass es vie­le alte Model­le im Wed­ding gibt, ich hab jetzt damit ange­fan­gen, das Bau­jahr auf­zu­schrei­ben, was auch nicht immer so ein­fach ist. Häu­fig gibt es den Her­stel­ler auch nicht mehr. Frü­her gab es vie­le klei­ne Her­stel­ler, inzwi­schen weni­ge große.

Wie viel Zeit geht für eine Recher­che für die Infos drauf?
Wil­helm Ber­ges: Unter­schied­lich, manch­mal fünf Minu­ten, manch­mal länger.

Die Anhän­ger gehö­ren ja schon irgend­wie zum Stra­ßen­bild dazu.
Wil­helm Ber­ges: Ja natür­lich. So ein Anhän­ger steht halt so rum. Und das Beson­de­re ist ja, die Anhän­ger ste­hen häu­fig 3 Wochen, Mona­te oder Jah­re an der­sel­ben Stel­le. Das sieht man dann, wenn da schon alles vol­ler Moos ist.

Da fragt man sich ja, war­um hat man über­haupt einen Anhän­ger, wenn man ihn her­um­ste­hen lässt? Oder ist der Besit­zer viel­leicht schon tot?
Wil­helm Ber­ges: Naja, man hat den eben ein­mal. Und wer kauft schon ‘nen alten Anhän­ger? Man darf nicht ver­ges­sen: es ist eine güns­ti­ge Sache mit der Steu­er. Man kann ihn ste­hen las­sen, ver­braucht kei­nen Sprit und man hat ihn, wenn man ihn braucht.

Letz­tens gab es ein Bild von einem Anhän­ger, der war ein­fach nur weiß. Was macht für dich denn einen schö­nen Anhän­ger aus?
Wil­helm Ber­ges: Der war schein­bar nagel­neu. Ich den­ke, zwei Arten sind ganz nett: Ent­we­der so wie die Markt­an­hän­ger, die sind meist mit Graf­fi­ti oder was auch immer bunt bemalt. Und ansons­ten mag ich die Uralten, bei denen man sieht, dass die so 30, 40 Jah­re alt sind. Der Nagel­neue war jetzt eine Aus­nah­me. Ich fin­de: je älter, des­to schöner.

Läufst du ziel­los mit Kame­ra und Stift los und schreibst die Daten auf?
Wil­helm Ber­ges: Anhän­ger ste­hen ja meist dort, wo oft viel Platz ist und hier in der Trift­stra­ße ist halt Platz, in der Luxem­bur­ger ste­hen die vom Wochen­markt, in der Schul­stra­ße ist auch immer was frei. In der Tege­ler sind dage­gen eher sel­ten wel­che, oder in der Mal­plaquet­stra­ße bestimmt auch eher nicht. Außer­dem muss die Stell­rich­tung auch pas­sen, die Anhän­ger müs­sen par­al­lel stehen.

Wel­che Rol­le spielt für dich der Hintergrund?
Wil­helm Ber­ges: Ich foto­gra­fie­re immer so, dass man den Hin­ter­grund gut sieht, nicht so nüch­tern. Wer sich im Wed­ding aus­kennt, kann am Hin­ter­grund sehen, wo es gemacht wur­de. Aber so eine Samm­lung mit Fotos mit schö­nen Anhän­gern und tol­lem Hin­ter­grund, das wäre ja viel­leicht was.

Hast du schon mal einen Anhän­ger dop­pelt foto­gra­fiert und das erst zuhau­se bemerkt?
Wil­helm Ber­ges: Nee, bei 26 ist das ja über­schau­bar und man erkennt die Anhän­ger ja auch wie­der, auch wenn der Stell­platz sich ändert.

Hat dich auch mal ein Anhän­ger-Besit­zer über Face­book angeschrieben?
Wil­helm Ber­ges: Von Leu­ten, denen einer der Anhän­ger gehört, hat mich nie einer direkt ange­schrie­ben. Aber ich habe Tipps bekom­men von ande­ren, nach dem Mot­to: du musst mal da hin­ge­hen, da ste­hen auch schö­ne Anhän­ger. Das habe ich dann natür­lich getan und Fotos gemacht.

Ist es viel­leicht geplant, die Bil­der mal aus­zu­stel­len, im Bür­ger­haus oder im Rathaus?
Wil­helm Ber­ges: Das fra­gen vie­le, aber ich weiß es nicht. Wäre aber span­nend zu sehen, was pas­siert. Es wird auch gefragt ob man nicht einen Kalen­der machen kann oder T‑Shirts. Die Vor­schlä­ge waren zahl­reich. Das Gan­ze ist ein schö­ner Gag, aber braucht man das?

Das hört sich so an, als wür­de es noch wei­ter­ge­hen mit der Serie…
Wil­helm Ber­ges: Ja, das schon. Heu­te war der 26. Tag, doch 26 reicht nicht. 50 wer­den es bestimmt, wenn es dann noch Spaß macht, viel­leicht auch hun­dert. Das ist ’ne schö­ne run­de Zahl. Dann las­sen wir abstim­men und stel­len die aus und zie­hen das auf Rah­men. Aber das sind unge­leg­te Eier.

Glaubst du, die Pinn­wand-Nut­zer ver­ste­hen es irgend­wann, war­um du Anhän­ger fotografierst?
Wil­helm Ber­ges: Eini­ge ja, eini­ge nein. Sieht man ja an den Kom­men­ta­ren, eini­ge sind rat­los. Eine Use­rin hat­te geschrie­ben: man läuft durch den Wed­ding und denkt, man hat ein Auge für alles, oder wenn auch wenn man mit dem Rad fährt. Man sieht sich hier und da um, erkennt Gebäu­de wie­der, erkennt Stra­ßen­sze­nen wie­der. Aber vie­le Din­ge nimmt man über­haupt nicht wahr. Das stimmt natür­lich. Wenn man in sei­nem Vier­tel spa­zie­ren geht, erkennt man die Men­schen wie­der oder auch die Hun­de. Aber einen bana­len Anhänger?

Hast du für mor­gen schon alles vorbereitet?
Wil­helm Ber­ges:
Ja ja, die nächs­ten fünf Tage sind gesichert.

Und jetzt die fina­le Fra­ge: Hast du selbst einen Anhänger?
Wil­helm Ber­ges: Nein.

So endet das Gespräch über  die Anhän­ger des Wed­ding. Wir quat­schen noch wei­ter über den Wed­ding im All­ge­mei­nen. Irgend­wann lau­fe ich nach Hau­se und gucke auf­merk­sa­mer als sonst die Stra­ße ent­lang. Viel­leicht ist die Fra­ge nach dem „War­um“ ein­fach Quatsch. Ande­rer­seits könn­te man dann aber auch nicht ant­wor­ten: „Wie­so denn nicht?”

Text und Inter­view: Andaras Hahn

Andaras Hahn

Andaras Hahn ist seit 2010 Weddinger. Er kommt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Schreibt assoziativ, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist. Macht manchmal Fotos: @siehs_mal
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