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Afrikanische Flüchtlinge im Afrikanischen Viertel 

Seit Jah­ren ster­ben aber­tau­sen­de afri­ka­ni­sche Flücht­lin­ge auf dem Mit­tel­meer. Nur die wenigs­ten errei­chen euro­päi­sches Fest­land. Wie­der­holt haben Spit­zen­po­li­ti­ker ihr Ent­set­zen zum Aus­druck gebracht – geän­dert hat sich an der Asyl­bü­ro­kra­tie wie an den Zustän­den in Afri­ka bis­her wenig. Eini­ge der trau­ma­ti­sier­ten Über­le­ben­den sind im Paul-Ger­hardt-Stift in Ber­lin-Wed­ding ange­kom­men und wer­den dort betreut, aus­ge­rech­net vis-a-vis des „Afri­ka­ni­schen Vier­tels“. Was mögen sie den­ken, wenn sie die mög­li­cher­wei­se ver­trau­ten Namen der Stra­ßen sehen?

Die Straßennamen im Afrikanischen Viertel sind in Berlin einmaligUnd was bedeu­ten die Stra­ßen­na­men für uns? Für die meis­ten ist das Afri­ka­ni­sche Vier­tel wie das Hol­län­di­sche oder das Eng­li­sche Vier­tel ein­fach nur eine Kiez­be­zeich­nung. Ein Trug­schluss: Zwi­schen 1899 und 1958 wur­den dem Vier­tel immer wie­der neue Stra­ßen mit Afri­ka­be­zug hin­zu­ge­fügt. Etwa 30 Stra­ßen­na­men spie­geln in ihrer Benen­nung ganz unter­schied­li­che Blick­win­kel auf Afri­ka wider. Wur­den anfangs noch kolo­nia­le Groß­machts­fan­ta­sien im Stra­ßen­bild ver­ewigt, benann­te man zuletzt die Gha­na­stra­ße als Refe­renz an die sich von der Kolo­ni­al­herr­schaft befrei­en­den afri­ka­ni­schen Staa­ten. Seit Mai 2012 infor­miert eine dop­pel­sei­ti­ge Info­ta­fel der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung (BVV) Ber­lin-Mit­te am U‑Bahnhof Reh­ber­ge (Ecke Ota­wi­stra­ße) über die­sen ein­ma­li­gen kolo­ni­al­his­to­ri­schen Gedenk­ort in Deutsch­land. Die Tafel mit Tex­ten der BVV und der orga­ni­sier­ten afri­ka­ni­schen Com­mu­ni­ty wur­de von der Ber­li­ner SPD ange­regt und fügt sich in ein Gesamt­kon­zept für einen „Lern- und Erin­ne­rungs­ort Afri­ka­ni­sches Vier­tel“ ein.

Die Info-Stele am Beginn der Otawistraße
Eine Ste­le infor­miert an der Ota­wi-/Mül­ler­stra­ße

Die Tafel erin­nert an Ver­gan­ge­nes und ent­hält zugleich einen Auf­trag für Gegen­wart, denn hin­ter dem Schre­cken der deut­schen Dik­ta­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts gerät die Epo­che des deut­schen Kolo­nia­lis­mus all­zu leicht in Ver­ges­sen­heit. Wäh­rend es zur SED- oder Nazi-Herr­schaft zahl­rei­che Erin­ne­rungs­or­te in Ber­lin gibt, fehlt ein sol­cher für die Kolo­ni­al­zeit völ­lig. Unter Ein­be­zie­hung von Künst­lern, Schu­len und vor allem Ver­tre­tern der hier hei­mi­schen afri­ka­ni­schen Com­mu­ni­ty wer­den nun unter­schied­lichs­te Facet­ten der Kolo­ni­al­zeit ins Bewusst­sein gerückt. Auch immer mehr tou­ris­ti­sche Füh­run­gen wid­men sich dem The­ma und zeich­nen im Afri­ka­ni­schen Vier­tel die deut­sche Geschich­te in Afri­ka nach.

100 Jah­re nach der Kolo­ni­al­zeit ist es höchs­te Zeit, sich auch öffent­lich der deut­schen Ver­ant­wor­tung zu stel­len. Immer wie­der gibt es For­de­run­gen nach Umbe­nen­nung eini­ger nach kolo­nia­len „Hel­den“ benann­ter Stra­ßen. Die Kom­mu­nal­po­li­tik wird hier zusam­men mit den Anwoh­nern Lösun­gen fin­den müs­sen. Klar ist dabei: Lang­fris­tig ist der Wider­spruch unauf­lös­bar, poli­tisch gegen Ras­sis­mus zu kämp­fen und gleich­zei­tig Ras­sis­ten im Stadt­bild zu ehren.

Doch der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung lässt sich nicht ledig­lich mit dem Aus­tau­schen von Stra­ßen­schil­dern nach­kom­men. Viel­mehr geht es um ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis dafür, dass sich unse­re Urgroß­vä­ter unter Ein­satz bar­ba­ri­scher Mit­tel scham­los an der afri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung berei­chert und ras­sis­ti­sches Gedan­ken­gut aus­ge­lebt haben. Der ent­ste­hen­de Lern- und Erin­ne­rungs­ort Afri­ka­ni­sches Vier­tel mit sei­ner Info­ta­fel ist ein klei­ner Bau­stein dazu, das Bewusst­sein für die­se his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung zu schär­fen, die nicht zuletzt auch dar­in liegt, den afri­ka­ni­schen Flücht­lin­gen an Euro­pas Gren­zen mit gebo­te­ner Hil­fe und Mit­mensch­lich­keit zu begegnen.

Gast­bei­trag von Dr. Mat­thi­as Dahlke
zuerst erschie­nen in den “Noti­zen” Paul Ger­hardt Stift

Paul-Ger­hardt Stift, Mül­ler­str. 56–58

Gastautor

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