Ach, Reinickendorf!

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Rei­ni­cken­dorf! Du fängst an, wo der Wed­ding auf­hört. Und bis zur Ber­li­ner Lan­des­gren­ze kommst nur du. Auch wenn der 1920 gebil­de­te Bezirk in Wirk­lich­keit aus vie­len frü­he­ren Dör­fern wie Tegel, Hei­li­gen­see, Herms­dorf oder Wit­ten­au besteht. Du heißt als Bezirk so wie das Dorf, das als ein­zi­ges direkt an die Stadt Ber­lin grenz­te. Spä­ter hat­ten wir Wed­din­ger sogar etwas gemein­sam mit Dir: Wir bil­de­ten den fran­zö­si­schen Sek­tor und stan­den bei­de für den eher unin­ter­es­san­ten Teil West-Ber­lins. Bei uns wohn­ten eben die Arbei­ter (Wed­ding) und bei Dir die Vor­stadt­spie­ßer (Rei­ni­cken­dorf).

Tra­ban­ten­stadt Mär­ki­sches Viertel

Wäh­rend unser Wed­ding inzwi­schen Teil von Ber­lin-Mit­te ist und als “span­nen­der” und sich im Umbruch befind­li­cher Teil der Innen­stadt gilt, klebt an Dir noch immer das Image “ganz nett”, was für vie­le gleich­be­deu­tend mit “lang­wei­lig” ist. Viel­leicht tut man dir ein biss­chen Unrecht, denn Du als unser nörd­li­cher Nach­bar hast auch schö­ne Ecken und unvor­her­seh­ba­re Seiten.

Nichtssagend vor und hinter der Bezirksgrenze

Ein­flug­schnei­se Kutschi

Beson­ders nichts­sa­gend sind aber genau die Berei­che, wo wir anein­an­der gren­zen. Man soll­te sich hüten, aus die­sem ers­ten Ein­druck ein Pau­schal­ur­teil über Dich als Gan­zes abzu­lei­ten. Aber es stimmt schon: Attrak­tiv wirst du erst ein paar Kilo­me­ter hin­ter der Gren­ze zum Wed­ding. Schau­en wir uns nur den ver­kehrsum­tos­ten Kurt-Schu­ma­cher-Platz an: Die­se Stadt gewor­de­ne Ein­flug­schnei­se – lie­be­voll Kut­schi genannt – wahrt den Charme der 80er ganz beson­ders zäh.

Toter See und die Provinz

Schä­fer­see

An der Resi­denz­stra­ße kannst du immer­hin mit dem Schä­fer­see auf­war­ten. Lei­der ist der kreis­run­de See bio­lo­gisch tot, denn er nimmt das Regen­was­ser der umlie­gen­den Haupt­stra­ßen auf. Den See kann man aber schön umrun­den. In die­ser Gegend gehen die namen­lo­sen Rand­be­rei­che des Wed­ding in die genau­so namen­lo­sen Rand­be­rei­che Rei­ni­cken­dorfs über. Auch sozi­al ist das Gebiet – zum Bei­spiel rund um den Let­te­platz – in den letz­ten Jah­ren immer wei­ter abgerutscht.

Im Osten gren­zen unse­re Stadt­tei­le an der Pro­vinz­stra­ße anein­an­der. Und die­ser Stra­ßen­na­me an der Aus­fall­stre­cke ent­lang eines Gewer­be­ge­biets ist hier auch Pro­gramm. Lan­ge Zeit gab es dort ein Kino namens Pro­vinz – was für eine fei­ne Iro­nie bei der Namensgebung!

Weiße Stadt und hübsche Dörfer

Wei­ße Stadt

Der Punkt ist: Man muss die nörd­li­chen Rän­der des Wed­ding und die eben­so nichts­sa­gen­den Anfän­ge Rei­ni­cken­dorfs unbe­dingt über­win­den. Dahin­ter wirst Du zum Teil näm­lich sehr inter­es­sant: Dei­ne Sied­lung “Wei­ße Stadt” an der Aro­ser Allee hat es bis zum Welt­kul­tur­er­be gebracht – als Bei­spiel für die Ber­li­ner Moder­ne der 20er-Jah­re. Die Gar­ten­stadt Froh­nau ist eine hübsch ange­leg­te Vil­len­ko­lo­nie im Grü­nen. Auch die alten Dorf­ker­ne, die erhal­ten geblie­ben sind (Hei­li­gen­see, Herms­dorf, Lübars, Alt-Rei­ni­cken­dorf) geben an man­chen Stel­len einen vagen Ein­druck von der länd­li­chen Umge­bung Ber­lins. Das gibt es bei uns im Wed­ding eigent­lich nir­gends. Vor allem kannst Du mit Dei­ner Natur punk­ten: Tege­ler See, Flug­ha­fen­see, Hei­li­gen­see, der Tege­ler Forst – und als beson­de­res Natur­schutz­ge­biet das Tege­ler Fließ­tal von Lübars bis nach Tegel.

Alt-Lübars

Also, Rei­ni­cken­dorf: Du bist viel­leicht nicht der Sehn­suchts­ort für Leu­te, die den Duft der gro­ßen wei­ten Welt schnup­pern wol­len. Aber manch­mal sind wir ganz froh, wenn wir uns ein­mal ganz schnell ver­ge­wis­sern wol­len: Man­che Din­ge blei­ben ein­fach, wie sie frü­her auch schon waren. Ange­nehm uncool.

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

4 Comments

  1. Anek­do­ten wider­le­gen viel­leicht nicht per se Argu­men­te, ich bin aber als gebür­ti­ger Saar­brü­cker, der lan­ge bei Stutt­gart gelebt hat, fürs Stu­di­um in die namen­lo­sen Rand­be­zir­ke gezo­gen um den Duft der gro­ßen wei­ten Welt zu schnup­pern. In ande­ren Bezir­ken war mir das allein schon auf­grund der Miet­prei­se unmög­lich. Und im Ver­gleich zum Länd­le ist die Ecke seeeeeeeeeehr viel weni­ger spie­ßig, was mein Grund war erst weg­zu­zie­hen. Im Ver­gleich zum Wed­ding seh ich den Punkt aber ein. 

    Ich füh­le mich eigent­lich echt wohl. Zumal: Wat noch nich is, kann noch wer­den, wa?

  2. Egal wem ich erzäh­le dass ich in Rei­ni­cken­dorf lebe, jeder reagiert ent­setzt. Ist sicher­lich nicht das Schöns­te Vier­tel und es gibt nicht viel, dafür ist die Anbin­dung nach Prenz­lau­er Berg / Mit­te extrem gut und die Mie­ten sind noch bezahl­bar. Unsi­cher habe ich mich hier noch nie gefühlt. Da sind Gegen­den wie Gesund­brun­nen schlimmer.

  3. Wun­der­bar ! End­lich mal Rei­ni­cken­dorf ! Ich woh­ne in der Nähe des Let­te­plat­zes – das Kiez­ma­nage­ment arbei­tet sehr gut gegen das „ Abrut­schen „ , es gibt Plä­ne für die Resi­denz­stra­ße etc.
    In mei­ner Stra­ße muß nie­mand sei­nen Vor­gar­ten fegen , aller­dings trifft man sich am 1.1. am Vor­mit­tag und säu­bert sei­ne Stra­ße – das soll­te bei­spiel­ge­bend sein !
    Die Kul­tur­nach­rich­ten sind sehr infor­ma­tiv , aber so einen super .….wei­ser wie der Wed­ding haben wir lei­der nicht . Schade!

  4. Lei­der kann Rei­ni­cken­dorf auch sehr, sehr spie­ßig sein. Ich bin nach 30 Jah­ren Wed­ding auf­grund der Schul­wahl, die wir für mei­nen Sohn tra­fen, erst nach Tegel und dann nach Hei­li­gen­see gezo­gen. Für mich als Ur-Wed­din­ge­rin war das ein Kul­tur­schock schlecht­hin und obwohl ich die Natur dort sehr schät­ze und mag, ist mir die Men­ta­li­tät, den Vor­gar­ten “zu fegen” völ­lig fremd.
    So bin ich auch gleich nach­dem mein Sohn zum Stu­di­um ins schö­ne Göt­tin­gen gezo­gen ist, wie­der zurück in den Wed­ding gekommen.

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