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Nirgendsland: Der Mauerstreifen

10. November 2019

Nir­gend­sland:
Der Mau­er­strei­fen

 

Was pas­siert, wenn etwas sei­ne Funk­ti­on ver­liert, der Ort, an dem es steht, beraubt um das Sinn­stif­ten­de, aber übrig­bleibt? Bei der Ber­li­ner Mau­er war das der Fall. Ein Bild­band mit klu­gen Tex­ten, her­aus­ge­ge­ben von zwei Wed­din­gern, beschäf­tigt sich mit die­sem Thema.

Vor genau 30 Jah­ren pas­sier­te das Undenk­ba­re, die Mau­er­öff­nung wur­de von muti­gen DDR-Bür­gern durch Demons­tra­tio­nen erwirkt. Vie­le West-Ber­li­ner zöger­ten eben­falls nicht und erober­ten peu à peu ab dem Abend des 9. Novem­ber die Mau­er von der ande­ren Seite.

Es dau­er­te nicht lan­ge, da war aus dem zer­tei­len­den Beton­wurm eine absur­de Sinn­lo­sig­keit gewor­den, die schnell von Mau­er­spech­ten durch­lö­chert und in ihre Ein­zel­tei­le zer­brö­selt wur­de. Doch die durch die wei­te­ren Grenz­an­la­gen und Sperr­zo­nen geschaf­fe­nen Bra­chen, die den West­teil Ber­lins als lee­ren und san­di­gen Strei­fen umga­ben, blie­ben übrig, bevor die Natur oder Bau­krä­ne die Frei­flä­chen zurück­er­ober­ten und die Wun­den der Tei­lung mehr oder weni­ger ver­narb­ten. Der in den Fotos fest­ge­hal­te­ne, nicht mehr greif­ba­re Moment des Dazwi­schen gab einem lesens­wer­ten Bild­band sei­nen Namen: „Nir­gend­sland“.

Zwi­schen Mär­ki­schem Vier­tel und Wilhelmsruh
Der 1964 in West-Ber­lin gebo­re­ne Foto­graf Dirk Bor­ho war gera­de noch in sei­ner Foto­gra­fen­aus­bil­dung beim Let­te­ver­ein, als die Mau­er fiel.

Der 1964 in West-Ber­lin gebo­re­ne Foto­graf Dirk Bor­ho war gera­de noch in sei­ner Foto­gra­fen­aus­bil­dung beim Let­te­ver­ein, als die Mau­er fiel. Ab die­sem Moment hat­te er immer sei­ne Kame­ra griff­be­reit, so auch noch im Jahr 1991, als die ein­drucks­vol­len Schwarz­weiß-Auf­nah­men aus vie­len Abschnit­ten des Mau­er­strei­fens rund um die Halb­stadt ent­stan­den. Das Alte ist noch wie auf Abruf zu sehen, doch die Mau­er ist vie­ler­orts schon ver­schwun­den und hin­ter­lässt Orte einer Zwi­schen­zeit, die unwie­der­bring­lich vor­bei ist.

Vor dem Reichstag

Dirk Bor­ho, der heu­te an der ehe­ma­li­gen Naht­stel­le zwi­schen Ost und West, im Wed­din­ger Brun­nen­vier­tel wohnt, hat gemein­sam mit dem Wed­din­ger Autor und Kura­tor Pete Mey­er die nahe­zu men­schen­lee­ren Fotos des Mau­er­strei­fens in einem sehens­wer­ten Bild­band her­aus­ge­ge­ben. Bei­de sagen: „Die Insel West-Ber­lin ist beim Mau­er­fall eben­so unter­ge­gan­gen wie die DDR“. Pete Mey­er fasst die Vor­ge­schich­te des Mau­er­falls und somit die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Bil­der in einem poin­tier­ten Ein­gangs­text zusam­men. Am Ende des Bild­bands beschreibt er in einem wei­te­ren Text das spe­zi­fi­sche Lebens­ge­fühl West-Ber­lins, so wie es bei­de Her­aus­ge­ber als Kin­der und Jugend­li­che erlebt hat­ten, wo man eigent­lich nicht ver­lo­ren gehen konn­te. „Es war tra­shig, dre­ckig, bil­lig“, sagt augen­zwin­kernd Dirk Bor­ho im Gespräch – Zuschrei­bun­gen, die es auch lan­ge Zeit für den Wed­ding noch gab, an dem sich noch vie­le typi­sche Merk­ma­le von West-Ber­lin fest­ma­chen las­sen. Doch eben­so wie West-Ber­lin durch das Ver­schwin­den der Mau­er unter­ge­gan­gen ist, wer­de unter dem Druck der Miet­prei­se auch das übrig­ge­blie­be­ne Bio­top Wed­ding ver­lo­ren gehen, befürch­ten Bor­ho und Mey­er, ohne dabei nost­al­gisch zu werden.

Das hoch­wer­tig gedruck­te Foto­buch mit Tex­ten in deutsch und eng­lisch ist das idea­le Geschenk zum Mau­er­fall­ju­bi­lä­um. Vor allem wegen der Bil­der, aber auch dank der klu­gen Texte.

An der Liesenstraße

Das Buch “Nir­gend­sland” ist im tri­glyph Ver­lag erschie­nen und kos­tet 39 Euro. 

128 Sei­ten, 50 Bild­ta­feln
Fest­ein­band mit Fens­ter, 19,5 x 29,7 cm
all texts in Eng­lish trans­la­ti­ons
ISBN 978−3−944258−10−2

http://www.triglyph.de/buecher/nirgendsland/

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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