Eigentlich sah alles ganz harmlos aus. Ich saß im Regionalexpress von der Ostsee nach Berlin, draußen zog die Landschaft vorbei, warm war es, bewölkt, aber nicht bedrohlich. Kein Himmel, der gleich aufreißen würde. Keine Wolkenwand, kein dramatisches Licht, kein Geruch nach Gewitter.
Und dann kam die Nachricht: 40 Liter auf den Quadratmeter. Überschwemmungen in Berlin.
Unglaublich, dachte ich. Hier ist doch nichts. Und nur hundert Kilometer weiter südlich soll gerade ein kleines Katastrophenszenario laufen? In Berlin hatte die Feuerwehr zwischen 11.46 Uhr und 13.53 Uhr den Ausnahmezustand Wetter ausgerufen. Sogar das Ehrenamt wurde aktiviert, zusätzliche Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren rückten mit aus. Bis 16.30 Uhr waren rund 250 Einsätze im direkten Zusammenhang mit dem Unwetter angefallen.

Selbst die neue S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Gesundbrunnen, gerade erst mit einigem Tamtam gestartet, musste ihren Betrieb wieder einstellen.
Verrückt, dachte ich. Gut, dass ich noch nicht in der Stadt bin.
Ein paar Minuten später kam der Zug in Angermünde zum Stehen.
Erst war es nur dieses unscheinbare Abbremsen, das man aus Regionalzügen kennt. Dann die Stille. Dann das Warten. Schließlich die Durchsage des Lokführers: Ein Baum sei auf die Strecke gefallen. Die Weiterfahrt verzögere sich auf unbestimmte Zeit.
Da hatte mich das Gewitter also doch noch erwischt. Nicht mit nassen Schuhen, nicht mit vollgelaufenem Keller, nicht mit abgesoffener Straße. Sondern mit Stillstand. Mit Menschen, die auf ihre Handys schauten, aufstanden, sich auf dem Bahnsteig die Beine vertraten, eine rauchten, sich wieder setzten, leise seufzten. Mit der bangen Frage, ob man noch heute in Berlin ankommt.
Aus der unbestimmten Zeit wurden am Ende zweieinhalb Stunden. Zweieinhalb Stunden Angermünde, ein umgestürzter Baum und schweres Gerät irgendwo da draußen auf der Strecke. Im Zug wurde es mit der Zeit ruhiger. Irgendwann hatte jeder verstanden: Daran ändert jetzt niemand etwas. Das Unwetter war schon weitergezogen, aber es hatte seine Spuren hinterlassen.
Als es endlich weiterging, fuhr der Zug in eine Stadt hinein, die am Abend fast wieder aussah wie immer. Berlin kann das gut: kurz dramatisch sein und dann so tun, als sei nichts gewesen. Hier und da Pfützen, vielleicht ein paar nasse Blätter, vielleicht noch ein Blaulicht in der Ferne. Aber kein Weltuntergang, kein Ausnahmezustand mehr. Die Fête de la Musique war im vollen Gange. Und sogar die S15 fuhr wieder.

