1962. Der Schock über den Bau der Berliner Mauer sitzt noch tief. Kaum ein zweiter Bezirk im Westteil Berlins ist so sehr davon betroffen wie der Wedding, der an drei von vier Seiten eingemauert wurde. Dieses Ereignis trübt die Aufbruchstimmung, in der sich der Wedding befindet. Eine Broschüre des Bezirksamts „Unser Bezirk im Aufbau 1959-1962“ aus dem Jahr 1962 legt davon Zeugnis ab.

Erst musste 1962 das neue Bettenhaus im Rudolf-Virchow-Klinikum fertig werden. Nach dessen Einweihung kann der lange geplante Neubau des Rathauses angegangen werden. Da der Altbau aus dem Jahr 1930 nie alle Dienststellen des Bezirksamts beherbergen konnte, wird ab 1962 ein Hochhaus mit elf Geschossen gebaut. „Möge es die Freiheit des Bürgers schützen, möge man von diesem Haus bald über ein geeinigtes freies Berlin blicken können“, wird SPD-Bezirksbürgermeister Helmut Mattis am Tag der Grundsteinlegung zitiert. Mit dem Bau verbunden ist auch die Sperrung der Limburger Straße, die zum Teil des Rathausvorplatzes wird.

Ganz stolz ist der Bezirk auf die „Beseitigung der städtebaulichen Mißstände, der sogenannten Slums“. Statt auf eine Modernisierung der gründerzeitlichen Bausubstanz zu setzen, strebt man die Neuordnung des „überalterten Stadtgebiets“ an. Das alte Baumassengefüge wird als archaisch empfunden; es mit lockerer Bebauung zu überwinden, ist die neue Aufgabe. Stolz wird auf Hunderte neue Wohnungen in der Schillerhöhe, in der Hussitenstraße, in der Prinzenallee und an der Rügener Straße verwiesen.

Die im Jahr 1962 noch sehr reichhaltige Geschäftswelt des Wedding aus 8750 Betrieben (davon 3156 Einzelhändler und 1888 Handwerksbetriebe) ist durch den Mauerbau massiv geschädigt worden. „Durch das Ausbleiben der Ostkundschaft“ und auch „von Arbeitskräften aus Ostberlin“ muss der Senat großzügige Wirtschaftshilfe leisten. 40 Prozent der Anträge in ganz West-Berlin entfallen auf Weddinger Firmen.

Investiert wird aber auch in Bildung. So erhalten die Ingenieurschulen Gauß und Beuth (heute die Berliner Hochschule für Technik) ein neues Unterrichtsgebäude. Ein 14-stöckiges Studentenwohnheim, das „Ernst-Reuter-Heim“ an der Triftstraße, ist bereits fertig. Ganz stolz ist man im Bezirk auch auf die neue Grundschule im Pavillonstil in der Ungarnstraße, die sich zum Zeitpunkt der Drucklegung der Broschüre noch im Bau befindet. Später wird dort die Gottfried-Röhl-Grundschule untergebracht.
Aber auch für Kultur wird viel Geld ausgegeben. So finden in der Freilichtbühne Rehberge Operetten- und volkstümliche Opernabende statt. Ganze neun Büchereien gibt es im Wedding, davon ist die jüngste im Studentenwohnheim der Bürgermeister-Reuter-Stiftung untergebracht. In allen Bibliotheken wurden in den letzten vier Jahren 2,4 Millionen Bücher ausgeliehen. Auch für Jugendfreizeitheime, die Aktion „Kinder in Luft und Sonne“ und Erholungsfahrten nach Westdeutschland gibt der Bezirk viel Geld aus. Für 18 Prozent der Bevölkerung, die über 65 Jahre alt sind, werden Altentagesstätten, Pflegestationen und „Erholungsverschickungen“ organisiert. So werden 1962 1051 alte Mitbürger, die noch nie aus der Stadt herausgekommen waren, zum ersten Mal in ihrem Leben auf Reisen geschickt.
Damit das Leben in der dicht bebauten Stadt erträglich ist, nimmt der Bezirk ebenfalls Geld in die Hand: In vier Jahren wurden 19 Hektar Grünflächen neu angelegt, zum Beispiel entlang der Panke. 24 neue Spiel- und Tummelplätze sind für Kinder entstanden. 300.000 Sommerblumen aus den bezirkseigenen Gärtnereien werden im Volkspark Rehberge, am Plötzensee und an der Panke angepflanzt.

Ganz neu ist die U-Bahn-Linie G, die 1961 den Leopoldplatz mit der Spichernstraße verbindet. Der Wedding bekommt so eine schnelle Anbindung an den Bahnhof Zoo. Im Zuge dessen wird die Luxemburger Straße zu einer vierspurigen Straße ausgebaut. Auch die Müllerstraße hat einen Mittelstreifen bekommen, der die je drei Fahrspuren auf beiden Seiten trennt. Die zahlreichen Kunden der Straße können jetzt nur noch an Ampeln über die Straße gehen. 1966 wurde die Linie in Linie 9 umbenannt.
Und noch etwas gibt es zu feiern: Der Wedding gehört seit 100 Jahren, also seit 1861, zu Berlin. Mit einem kilometerlangen Festzug wird 1962 an die Eingemeindung erinnert – und in den Rehberge-Bühne steht die große Revue „Det is Berlin!“ auf dem Programm.

Zum Abschluss noch ein paar Zahlen. 1962 gibt der Bezirk 118 641 100 DM aus. Das Gesundheitswesen hat den größten Anteil daran. 5900 Personen arbeiten für den Bezirk, auch hier ist das Ärztliche und Krankenpflegepersonal die größte Gruppe, dicht gefolgt von den Lehrern und dem Lehrpersonal.
Und noch eine Besonderheit ist im eingemauerten West-Berlin des Jahres 1962 wichtig: „Wir haben starke Freunde in der freien Welt“, schreibt der Bezirksbürgermeister im Vorwort. „Der neue Kommandant im französischen Sektor, General Toulouse, (hat) die von der französischen Schutzmacht übernommenen Verpflichtungen bestätigt.“ Denn in der heiklen politischen Situation muss sich die Mauerstadt auf den Schutz durch die Alliierten verlassen.
Die Welt war also damals alles andere als in Ordnung.





Morjen
was mir ganz plötzlich wieder ein fiel , als ich beim durch lesen war… damals sind auf dem Ku’damm Menschen verkleidet mit einem Berliner Bär-Kostüm herumgekaufen, überwiegend haben sich dann Touristen mit dem Bären ablichten lassen… als Erinnerung ,,ick war in Berlin uff’n Ku’damm“
Gruß