Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.
Mit meinem Sohn sitze ich in der S-Bahn. Ich hab ihn bei seiner Mutter abgeholt und wir fahren zu mir in den Wedding. Eigentlich gehen wir, wenn er zu mir kommt immer zum Döner, damit er mal was Ordentliches zu essen bekommt, nach all dem gesunden Zeug bei seiner Mutter. Einen Döner schaff ich heute nicht, aber Currywurst geht immer. „Magst du ’ne Currywurst?“, frage ich den Vierzehnjährigen. „Kenn ich nicht, Currywurst. Was is’n das?“, antwortet das große Kind. Heiliger Vater! Gestern Abend noch hat mir mein Sohn eine Urkunde präsentiert: Bester im Wissenswettbewerb Heureka, und jetzt das! Was lernen die denn in der Schule in Brandenburg? Wenn die mal in die große Stadt kommen, sind sie völlig aufgeschmissen. „Currywurst ist das, was die Leute gegessen haben, bevor es Döner gab“, definiere ich aus dem Stegreif. „Willste mal probieren?“

Richtige Curry-Buden gibt es ja wirklich nicht mehr so viele. Man kann natürlich auch eine Currywurst in einer Döner-Bude bekommen. Aber davon rate ich ab. Da bruzzeln sie oft die Würste nicht liebevoll auf der Platte, sondern werfen sie ahnungslos in die Friteuse Dort saugen sich mit Fett voll. Tödlich. Zum Glück hat vor ein paar Jahren in der Müllerstraße eine neue Bude aufgemacht. Die „Curry-Keule“ wird von den Söhnen des Kroaten betrieben, der sein jugoslawisches Restaurant ein paar hundert Meter stadtauswärts aufgegeben hat. Da ist jetzt ein Vietnamese drin. Und da wo die Curry-Keule jetzt ist, war vorher ein christlicher Buchladen. Es tut sich was im Viertel. Der Keulen-Wirt begrüßt uns herzlich in seiner kleinen warmen Stube, die gerade leer ist. „Zwei Mal Curry mit Darm und Pommes für hier“, erwidere ich seinen Gruß. „Und ’ne Molle für den Großvater von dem Kleenen?“, macht der Mann sich bei mir unbeliebt. Seh‘ ich so schlecht aus? Heute ist echt nicht mein Tag. Mein Sohn sitzt schon erwartungsfroh am Tisch und schaut hypnotisiert auf den Bildschirm, der unter der Kneipendecke hängt. Noch nicht mal den Schal hat er ausgezogen. Aus den Augenwinkeln seh ich, wie der Wurstmaxe zwei kalte Würstchen vom Bratblech nimmt und in die Friteuse wirft. Eigentlich wäre das ein Grund zu gehen. Aber das war ja mal ein Raum, in dem das Wort Christi verkündet wurde. Und ist jetzt nicht kurz vor Weihnachten? Und so spricht der HERR zu mir in meiner Not: „Wenn wir Bedenken haben, davon zu essen, sind wir vor Gott nicht weniger wert; und wenn wir davon essen, sind wir vor Gott nicht mehr wert.“ (1. Korinther 8, 7). Also sind wir geblieben. War gar nicht so schlecht, sagt mein Sohn. Und ich hab mein Bier dazu getrunken, mich danach erstmal eine Stunde aufs Bett gelegt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.


Die Wurst in der Friteuse bei Curry Keule?!? Kann nicht sein – deer Laden ist einer der besten Currywurstbuden Berlins, hat es im Tagesspiegel-Ranking sogar unter die Top 10 gebracht. Sypathische Truppe, bekennende Herthaner und eine 1A Wurst (immer mit Worchestersauce zu essen!), was will man mehr
Heiterer Stil, hab’s gern gelesen. Willkommene Abwechslung zu den Tauben und Krähen im Wedding.
🙂 🙂 Bis „Da kann man nicht meckern!“ im Ranking hat die Currywurst für deinen Sohn es offenbar nicht geschafft. – ? –
Ehrlich gesagt: lieber Fleisch oder Seitan als Zuckerzeug!
Und: der ehemalige christliche Buchladen war durchaus ein Gewinn für unsere Kieze an der Seestraße. – ! –