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Von West nach Ost:
Die Wollankstraße entlang

14. Dezember 2025
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Unvermittelt wechselt die Prinzenallee ihren Namen und wird zur Wollankstraße. Wer ihr folgt und Richtung Nordosten geht, merkt schnell, wie sich der Kiez verändert. Aus dem bunten, schmuddeligen und verbauten, migrantisch geprägten Viertel führt die Straße in Richtung des wohlsituierten Pankow. Die Unterführung – lange gesperrt und inzwischen wieder offen – verbindet zwei Welten, die jahrzehntelang durch Zäune, Beton und Politik getrennt waren.

Wer hier unterwegs ist, begegnet einer Straße, deren Name auf eine Familie verweist, die über Generationen hinweg eng mit Berlin verbunden war. Die Gutsbesitzerfamilie Wollank besaß nördlich der Stadt weitläufige Ländereien, aber auch Weinberge vor dem damaligen Rosenthaler Tor. Der erste namentlich belegte Wollank wurde bereits 1728 in Berlin geboren. Von ihm an lebten mehrere Generationen auf einem Anwesen am späteren Weinbergsweg 12, wo auch der Seidenhändler Gottlieb Friedrich Wollank seinen Weinberg erwarb. Sein Sohn Adolph Friedrich Wollank kaufte 1859 ein Gut in Pankow, an der Ecke Berliner Straße/Borkumstraße. Dessen Sohn, Friedrich Adolph Wollank, war viele Jahre Amtsvorsteher in Pankow – und Anlieger jener Straße, die später seinen Namen tragen sollte. Schon 1882 taucht die Wollankstraße im Berliner Adressbuch auf, 1896 fährt hier die erste elektrische Straßenbahn von Gesundbrunnen kommend entlang.

Ein Bahnhof mit zweifelhaftem Ruhm

An der Hausnummer 75 – 83 fällt eine Wohnanlage auf. Die Posadowsky-Häuser entstanden ab 1905 als zweite große Wohnsiedlung des Vaterländischen Bauvereins, der hier am Rand des St.-Elisabeth-Kirchhofs II ein modernes, sozial orientiertes Wohnprojekt nach den Ideen der Wohnreform umsetzte. Benannt nach Arthur Graf von Posadowsky-Wehner, verbinden die großzügig geschnittenen Arbeiterwohnungen, der repräsentative Ehrenhof und die gemeinschaftlichen Einrichtungen den Anspruch christlicher Arbeiterbewegungen auf sozialen Ausgleich mit einer bewusst schlichten, aber eindrucksvollen Architektur.

Der S-Bahnhof Wollankstraße, der seinen Namen erst seit 1937 trägt, wirkt heute unscheinbar, doch er war einer der ungewöhnlichsten Bahnhöfe der von 1961 – 1989 geteilten Stadt:
Er lag territorial im Osten, wurde aber nur von West-Berliner:innen genutzt. Die Zugänge befanden sich auf Weddinger Seite. Während man am Bahnsteig seelenruhig auf die S-Bahn wartete, konnte man auf den Mauerstreifen mit der Vorder- und der Hinterlandmauer und die Peitschenlampen schauen, die das freigeräumte Schussfeld erleuchteten.

Zwischen Gleisen und Geschichte: Das Nordbahnviertel

Vor dem Bahnhof liegt das Nordbahnviertel, ein Gebiet aus vier Blöcken, das 1938 aus Pankow herausgelöst und dem Wedding zugeschlagen wurde. Die Gründe lagen in dem Wunsch, die Bezirksgrenzen zu vereinfachen a – aus Sicht der Anwohnenden war es bis zum Mauerbau 1961 dieselbe Gegend.

Heute wirkt das Viertel wie ein Zwischenraum: Baulich erinnern die Häuser, oft mit Vorgärten, schon an die Pankower Vorstadt. Manchmal hört man mehr Zugräder als Autolärm. Die repräsentative Bebauung rund um den „Sternplatz“ (Schnittpunkt Sternstraße und Kattegatstraße) zeigt, dass dieses Pankower Neubaugebiet für eine besser gestellte Gesellschaftsschicht gedacht war.

Wo die Grenze mitten durch die Straße lief

Weiter Richtung Osten taucht man in eine Gegend ein, die während der Teilung zum Schauplatz unzähliger Grenzepisoden wurde. Die Mauer verlief hier oft unmittelbar hinter den Häusern, der Kolonnenweg der Grenzsoldaten führte auf Pankower Seite über abgerissene Hinterhäuser und frühere Gärten.

Die heutige Wollankstraße lässt sich diese Narben kaum anmerken. Aber wer einmal hinter der Unterführung kurz stehen bleibt, kann sich vielleicht vorstellen, wie hier früher Betonplatten, Lichtmasten und Hundelaufanlagen dominierten.

Vom Wedding in die Stille: Franziskanerkloster Pankow

Sobald man unter der Bahn hindurch ist, ändert sich die Stimmung. Auf den Gehwegen flaniert ein ganz anderer, bürgerlicher Menschenschlag. Man hört nur noch Deutsch auf dem Trottoir. Doch das ist nur ein oberflächlicher Eindruck. Denn bald erreicht man das Franziskanerkloster Pankow mit seiner Suppenküche, ein unscheinbares Gebäudeensemble aus früheren Wohnhäusern, das 1921 von einem Franziskanerorden erworben wurde. Nur eine dezente Stahlkonstruktion mit Glocken deutet auf eine christliche Nutzung hin.


Flanieren in Richtung Florakiez

Folgt man der Strecke weiter, landet man bald an der Ecke Florastraße – einer der lebendigsten Achsen Pankows. Früher war sie nur eine Verbindungsstraße zwischen den beiden Bahnhöfen Pankows; später entwickelte sie sich zum städtischen Boulevard mit Läden, Cafés und Restaurants. Heute wirkt sie wie das Gegenstück zur eher nüchternen Wollankstraße: Menschen sitzen draußen, Fahrräder lehnen an jedem verfügbaren Zaun, und die Fassaden der alten Gründerzeitbauten erzählen von Jahrzehnten städtischer Umnutzung. Für Spaziergänger:innen ein schöner Abschluss – oder ein guter Ort für einen Kaffee, bevor man dieselbe Strecke zurück in den Wedding geht.

Ein Spaziergang über Grenzen hinweg

Der Weg von der Wollankstraße über die Unterführung bis in die Florastraße fasst vieles zusammen, was Berlin ausmacht: wechselnde Verwaltungsgrenzen, drastische politische Zäsuren und ein ganz normales Straßenbild, dem man seine Brüche nicht mehr direkt ansieht. Mit der Wiederöffnung der Bahnunterführung wird dieser Übergang wieder ein Stück leichter – und vielleicht auch ein Stück sichtbarer.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Danke , Herr Faust für den BerichT
    Ich abe diesen in erster Linie gelesen, um etwas über den gescheiterten Tunnelbau 1961/62 zu erfahfren.
    Davon steht aber leider nichts. Würden sie dazu noch etwas nachtragen?
    nfGn s.Wetzel

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