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Vielleicht behält der Wedding seinen Buchladen:
Wie geht es weiter mit dem BELLE-ET-TRISTE?

25. November 2025
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UPDATE Januar 2026 Die Stammkundinnnen und Stammkunden von BELLE-ET-TRISTE, Weddings ältestem Buchladen, haben es schon gehört: Ende des Jahres werden Friederike Reinhold und Winfried Kellmann nach mehr als 40 Jahren in den Ruhestand gehen. Aber ist das auch das Ende des Ladens in der Amsterdamer Straße? Vielleicht noch nicht. Denn eine frisch gebackene Buchhändlerin hat Lust, diese Institution für Weddinger Bücherfreunde mit neuen Ideen weiter zu führen.

Friederike Reinhold und Winfried Kellmann führen seit mehr als 40 Jahren das „Belle et Triste“ im Wedding. Foto: Rolf Fischer

Wenn es nach Friederike Reinhold gegangen wäre, hätte sie gerne noch ein paar Jahre weiter jeden Morgen das BELLE-ET-TRISTE aufgeschlossen. Und ihr Geschäftspartner Winfried Kellmann hätte nachmittags das Geschäft übernommen – wie sie es seit 1982 gemacht haben. „Dann wäre auch der Übergang für eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger leichter gewesen“, meint Reinhold.

Aber dieses Jahr haben sich die Ereignisse in dem sonst so beschaulichen, wie aus der Zeit gefallenen Geschäft überschlagen. Die Vermieter haben  den Mietvertrag gekündigt, sind aber prinzipiell offen für eine Nachfolge. Ein Weddinger Kaffeeröster hatte kurz Interesse bekundet, im Laden Bücher und ein Café anzubieten, aber daraus wurde nichts. Also „Bonjour Tristesse“ statt Belle et Triste?

Eine Buchhändlerin, die den Laden übernehmen möchte

Da kam Nora. Die Buchhändlerin, die ihr Handwerk in der Autorenbuchhandlung gelernt hat und seit zwei Jahren im Wedding wohnt. Sie kommt ins Schwärmen, wenn sie über die Möglichkeiten spricht, die das Geschäft mit seiner großen Ladenfläche bietet: Ein Buchladen mit Literaturfokus, ein Schwerpunkt auf Kinderliteratur und ein weiterer auf englischsprachigen Büchern. Das sind nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern Geschäftsfelder, die sie durch eine Untersuchung während ihrer Ausbildung bei einer Umfrage im Sprengelkiez ermittelt hat. „Es gibt bei Jüngeren einen Trend, weg von online und KI hin zu gemeinsamen Aktivitäten. Es gibt sogar Clubs, bei denen die Leute dafür bezahlen, dass sie ihr Handy abgeben und gemeinsam ein Buch lesen“, weiß Nora. Hinzu kommt, dass sie auch Lehrerin ist (Grundschule, alle Fächer, bes. Fokus Deutsch und Kunst). Momentan arbeitet sie an einem Projekt, das Kinder durch eine Kombination aus Hören, Sprechen und Selberlesen nicht nur emotional stärkt, sondern auch motiviert, selbst Literatur neu zu entdecken. 

Das passt gut zum jetzigen Profil von BELLE-ET-TRISTE. Der Laden arbeitete einst eng mit Schulen zusammen. „Die Bereitschaft der Schulen, Bücher im Kiez einzukaufen, ist gestiegen“, berichtet Friederike Reinhold, die auch Jurorin bei Vorlesewettbewerben der Erika-Mann-Schule ist. Auch am „Welttag des Buches“, an dem Kinder sich in der Buchhandlung kostenlos ein Buch abholen können, war BELLE-ET-TRISTE in den vergangenen Jahren aktiv. Nora will auch Literatur für die Weddinger wieder persönlich erfahrbar machen. Sie ist in der Literaturszene und mit Verlagen gut vernetzt. Osteuropäische Literatur interessiert sie sehr, wobei sie generell den Fokus mehr auf internationale Autoren setzt (Italien, Frankreich, Nord- Südamerika, Spanien).  Autorenlesungen sollen neue Literatur zugänglicher machen, auch für Menschen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist. Für diese plant sie unter anderem einen Buchclub. Und nicht zuletzt: Sie will den Laden, mit Hilfe ihres Partners (nicht Geschäftspartner: er ist vollbeschäftigter Industriedesigner/Möbelbauer) völlig neu gestalten: Weder ein 08/15-Buchladen, noch  ein verstaubter Ladenhüter, sondern etwas für’s Auge, für das ästhetische Empfinden mit einem  breiten, sorgfältig gepflegtem Angebot.

Drei BuchhändlerInnen und ein Hund. Da kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

An Ideen mangelt es der Buchhändlerin also nicht, an Kundschaft im Wedding auch nicht. Allein die Finanzen für den Neustart sind ein heikles Thema. Und sie sucht noch einen Geschäftspartner oder Partnerin, um nicht ganz allein den Laden schmeißen zu müssen. Auch hier sprudelt sie über von  Ideen. Sie will ein Crowdfunding für den Anfangsstart ins Leben rufen. „Vielleicht finde ich ja auch noch einen anderen Kaffeeröster, der hier mit einsteigt.“ Auch Friederike und Winfried wollen ihr unter die Arme greifen und ihr den restlichen Buchbestand sehr günstig auf Kredit überlassen. Nur Friederikes Buchhund Eddi, der inzwischen dritte weiße Schnauzer (genauer: Westie), der die Kunden von BELLE-ET-TRISTE immer hoch engagiert beraten hat, wird zu seinem Leidwesen mit seinem Frauchen den Laden verlassen müssen.

Aber wenn Noras Ideen eine Zukunft haben sollen, muss es jetzt schnell gehen, und der Vermieter muss mitspielen. Da hilft nur Daumendrücken und ein fester Glaube: „Das Buch wird niemals aussterben“, ist Nora überzeugt. Dem Wedding wäre es zu wünschen. Au revoir, Belle et Triste! À la prochaine, BELLE-ET-TRISTE!

Belle-et-triste, Amsterdamer Str. 4, 13347 Berlin

Update: Im Januar 2026 ist ein leerer Stuhl im Schaufenster zu sehen, dazu ein Zettel: „Dauerhaft geschlossen“.

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Leider wird es wohl doch keine Nachfolge geben. Wieder mal ein Beispiel, wie aus Gier ein wichtiger Ort im gesellschaftlichen Lebens eines Bezirks verschwinden muss.

  2. gibt es einen Link zum womöglichen crowdfunding oder ist die Idee wieder versandet, weil die Miete so exorbitant hoch wird.. ..oder warum auch immer. – aber vielleicht startet Nora an einem anderen Ort? Das Literaturcafe in Moabit geht ja schließlich auch. und der Wedding braucht Bücher!

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