Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.
Hinterhof der Kuscheltiere
Die schmale Haustür steht offen und gibt den Blick frei in einen schattigen Hinterhof mit etwas Grün. Grün im grauen Wedding? Neugier zieht mich in den dunklen Flur. Ein altes Schild „Kinderwagen und Fährräder abstellen strengstens untersagt!“ Ein neues Schild einer neuen Hausverwaltung aus Halle, die das füttern von Tieren im Hof verbietet, weil das „Ungeziefer“ anlocke. Der Hof war mal groß, jetzt wird er zum Nachbarhaus durch eine graue Wellblechwand getrennt, an der überfüllte Mülltonnen stehen. Die gefiederten hellgrünen Blätter von zwei wild gewachsenen Ebereschen machen das Grau der grob verputzen Hauswände nur noch dunkler. In den vergitterten Fenstern im Parterre des Vorderhauses sind schmuddelige Kuscheltiere eingeklemmt. Als ich ein Foto davon mache, steht plötzlich ein Mann neben mir. 1,90 groß, breite Schultern, schwarze Basecap, irgendwas in Frakturschrift auf seine schwarze Hose gedruckt. Security? Hausmeister? Nazi? Ich versuch‘s mit Dreistigkeit.

„Wissen Sie, wieso die Kuscheltiere dort hängen?“ Die Antwort verstehe ich nicht gleich. Er sucht die richtige Reihenfolge für die deutschen Worte. „Wasserpfeifen“, verstehe ich und „Dampf“ und ich reime mir zusammen, dass er die Shisha-Bar im Vorderhaus meint. „Weil die immer Dampf in den Hof blasen, und das so freundlicher ist, für die Nachbarn“, verstehe ich. Und er deutet auf die Mülltonnen: „Weil man dann was Schönes sieht und nicht den Dreck.“ „Wenn du Kinder hast: Nimm mit“, lädt er mich ein. „Drei Söhne“, fange ich an zu plaudern. „Aber die sind aus dem Alter raus.“ „Ich hab auch einen Sohn, 25, aber nicht ganz gesund. Lebt nicht bei mir.“ Trauriges Thema.
Er kommt von selbst auf was anderes. Erzählt, dass er schon lange hier lebe und, dass die Hausverwaltung gewechselt habe. „Kein Hausmeister. Immer wenn du was willst, musst du ein Formular schreiben.“ Aus dem Treppenhaus des Hinterhauses kommt ein Mann mit einer Werkzeugtasche und läuft geschäftig an uns vorbei. Ein Handwerker, und das an einem Samstagmorgen. „Kein Hausmeister?“, runzle ich die Stirn. „Und was ist das?“ „Das ist für die neuen Häuser“, sagt er. Ich suche mit den Augen einen Neubau, bis ich verstehe, dass die Handwerker leerstehende Wohnungen im Haus renovieren, die teuer neu vermietet werden. „Beim Nachbarn ist der Boiler kaputt. Seit drei Monaten. Da kommt niemand.“ Wir reden weiter über Politik, über Gaza und die kaputten Schulen und die Jobcenter. Da ist er Kunde. „Wird jetzt schwieriger, wegen der Regierung.“ Zwei Jahre habe er noch. Er sei 65, selber nicht mehr ganz gesund. Gutachten, Ärzte, Formulare. Er hoffe, dass er bald die Rente bekomme. „Ich hab auch noch zwei Jahre.“ „Wenn die Regierung uns nicht noch länger warten lässt“, flachst er ironisch zurück. Wir wünschen uns Glück, Gesundheit und ein gutes Wochenende.
Text und Bild: Rolf Fischer
Die Krähe und die Tüte
Ich gehe direkt in die späte Morgensonne, vor mir ein Vater mit seiner Tochter, die mit blinkenden Schuhsohlen, Sturzhelm, regenbogenenfarbenen Flügeln über dem Anorak neben ihm auf dem Roller fährt.
Im nächsten Moment scheren beide zur Seite aus und geben den Blick frei auf eine pralle Plastiktüte, die die Schlaufen hoch reckt wie ein Hase auf der Lauer. Ich denke, das kann eine Gelegenheit sein und fasse nach der Kamera, den Sichtschutz des Zauns suchend. Und Tatsache! Da wackelt eine Krähe hinter dem Podest der Parkuhr hervor.
Bingo! Next Level. Jetzt kommt die Challenge Knoten mit dem Schnabel öffnen. Nach Pommestüten und Einwegbecher ist das mal eine Stufe weiter.
Und überhaupt, mittlerweile stelle ich mir sonderbare Fragen, beispielsweise, ob sich in der lokalen Welt der Zeppi-Krähen herumgesprochen hat, dass ich mit einem schwarzen Ding auf Fotopirsch bin.
Jetzt also direkt wie gerufen, bestellt und in Topform performt: Die Krähe tappelt auf die Tüte zu, packt mit dem Schnabel die Schlaufe und zerrt an dem Ding, was sich spielend leicht auf den glatten Gehwegplatten bewegen lässt. Wohin eigentlich will sie damit? Kleines Päuschen ….und? Ein Windstoß schiebt die ganze schlohweiße Pracht bepackt mit viel versprechend glimmenden Silberfetzen und duftenden Inhalten über den Weg und müsste nochmals mit dem Schnabel eingeholt werden.




Die Krähe und die verknotete Tüte – Fotos Renate Straetling
Leider aber ist in der Stille und Einsamkeit des Morgens nur der Wind als game changer dabei, und der ist unvorhersehbar. Ein weiterer Stoß ergreift die Tüte, die Tüte kugelt und verliert sich im Windschatten am Bordstein, wird beäugt. Dort läge sie als Beute gut, im Feuchten etwas klebrig gesichert. Aber es kommt der finale Windhauch und fegt sie unter das Chassis des Mercedes.
Ooooooh! Die Krähe war echt interessiert, wenngleich leidenschaftslos abwartend, senkt den Kopf und schaut unter dem geparkten Wagen nach. Das schien nicht mehr attraktiv, und sie macht sich mit wackelndem gefiederten Popo in die Gegenrichtung davon.
Ja, schade, liebe Leserinnen und Leser, das nächste Mal klappt es dann hoffentlich mit dem verifizierendem Schnappschuss.
Renate Straetling
Und jetzt seid ihr dran!
Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an:
📩 [email protected]
Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.


Mahlzeit an Alle, auch an die, die nicht gegrüßt werden wollen.
Der heutige Zeitgeist in Verbindung mit heutigen (vermeintlich unendlich und schnellen!) Kommunikationsmitteln,
führt oftmals nicht zu “mehr Wissen und mehr Denken”. Mein Eindruck ist, das hieraus eher ein brutal schneller
Pawlowscher Reflex resultiert.
Wollen wir wirklich Menschen verorten, verurteilen und Einordnen nach der getragenen Kleidung?
Wollen wir wirklich Menschen verorten, verurteilen und Einordnen nach einem kurzen Gespräch?
Mir erscheint, daß viele von uns, zu schnell schlussfolgern über Menschen, die sie absolut nicht kennen können.
Im Prinzip, ist jede zugelassene Partei, eine Partei die gewählt werden kann.Die Entscheidung obliegt dem Souverän
in unserem Land: jedem Menschen!
Das ist die Grundlage unser freiheitlich und demokratischen Grundordnung.
Die Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden (frei nach Rosa Luxemburg).
Schönes FREIES WochenEnde (sic!).
Ach, lieber MoGo, wie recht Sie haben. Sie schreiben genauso wie Reinhard, der sich auch
schon stilistisch und inhaltlich so äußerte.
Selbstverständlich kann jede/r im Großen und Ganzen an Bekleidung tragen, was er möchte.
Und? Und:
Und jede/r Wahlberechtigte, der/die in der Wahlurkunde aufgeführt ist, darf jede zugelassene Partei wählen.
Nur die Wahlhelfenden dürfen während der Wahlhandlung im Wahllokal keine politischen Symbole am Körper
tragen und auch nicht politisch untereinander diskutieren. So siehts aus!
Schauen wir doch mal, was Wikipedia dazu sagt. Unter dem Suchbegriff „Fraktur“ kann man lesen: „ Gebrochene Schriften sind einerseits in der Modebranche als Markenname oder als Schriftzug auf Kleidung verbreitet, zum Teil sogar erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts (z. B. Brioni oder „Palm Angels“); andererseits werden sie ungeachtet der schließlichen nationalsozialistischen Frakturablehnung auch von Neonazis verwendet.“ Und dann gibt es noch, um beides zu verbinden, Modemarken, die gerne von Neonazis getragen werden. Wie z.B. „Thor Steinar“, die Fraktur, Runen und Wikinger-Symbole vermischen. So weit weg war die Vermutung also nicht. Und damit wünsche ich allen Beteiligten eine gute Nacht. Und vergesst die Kuscheltiere nicht. 🙂
Bezeichnenderweise wurden sie von den Nazis letztlich abgeschafft, weil sie als „Judenlettern“ galten.
Wikipedia dazu:
1941 verboten die Nationalsozialisten die Verwendung gebrochener Schriften durch Behörden und im Schulunterricht. Die Schwabacher Schrift und andere in Deutschland häufig verwandte gebrochene Schriften wurden im Normalschrifterlass als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet.
na das ist wieder mal typisch wenn es eng wird und jemand hartnäckig bleibt , wird die Diskussion abgebrochen und Kommentare gelöscht …. ist das nicht typisch links !!??
Hallo Reinhard! Rolf hat mit drei Fragezeichen die Symbolik und deren Anmutungen bedacht und sich liebevoll mit dem Mann unterhalten! Was, wenn der Sweater ein Secondhandteil für Drecksarbeit war, und der Sweaterträger Frakturschrift gar nicht unterscheidet?
Ich selber privat und ohne Ambitionen auf einen Artikel in diesem Moment wäre schon vor diesem hier oft kultivierten Ghetto-Outfit weggelaufen.
Wir schreiben ehrenamtlich, und ich möchte diesen Tag nicht länger mit verabreichten nassen Waschlappen als zu moderierende Kommentare verbringen.
wie schon gesagt… nun wird alles verharmlost weil es unbequem wurde. Dann sollte man vielleicht vorher überlegen was einem durch den Kopf in ersten Moment geht ob mit oder ohne ? oder beim Anblick vom Ghetto-outfit…. auf jedenfall scheint es nun eine für Sie unangenehme Situation zu sein sonst hätten Sie nicht den letzten Satz geschrieben
Jedenfalls hatte ich einen echt prächtigen Tag gehabt
Mannoooooo, jetzt kommt doch gerade ’nano‘ und schon wieder ein Comment von R.! – Nein, das war nicht unangenehm, weil Rolf richtig verfasst hat und weil es hier – hartes Faktum – nachweisbar anhand der Wahlergebnisse ( siehe mein Kommentar unten ) wirklich lebende politisch rechtsxwaehlende Mitbürgerinnen und Mitbürger gibt, mehr als anderswo in Berlin-Mitte. Nuuu is‘ juut, lier Reinhard!
Lieber Reinhard (hier stellvertretend für alle anderen, deren Kommentar nach Prüfung nicht erscheint), persönliche Beleidigungen werden schlicht und einfach nicht veröffentlicht, ebensowenig Verharmlosungen gesichert rechtsextremer Parteien. Liebe Grüße, Samuel
Liebe Renate, danke für deine Einordnung. Es wundert mich, dass ein einziges Wort in einem Text reicht, um den ganzen Rest der Geschichte in der Wahrnehmung des Lesers verschwinden zu lassen. Ja, es gibt Nazis im Wedding, aber der Mann, den ich beschrieben habe, war keiner. Das ist ja die Motivation für mich, beim Weddingweiser zu schreiben: Auf die Menschen zuzugehen und zu schauen, was hinter dem ersten Eindruck steckt.
Hi Rolf, ich denke, Reinhard kommentiert zu hart, denn wer
Symbole am Körper trägt,
muss auch damit rechnen,
so besehen oder so angesprochen oder dazu befragt zu werden.
Schön juten Morjen
oje das ist aber ziemlich daneben…. da steht also jemand mit einer Hose die mit Frakturschrift bedruckt ist und schon kommt der Gedanke Nazi … also ehrlich da werd ich aber echt sauer wenn ich so einen Mist lese , fehlt nur das er unter der Basecap ne Glatze zum vorschein kommt
Also nee Herr Fischer das ist nun echt schlimm wenn sie jemanden auf Grund seiner Hose mit Frakturschrift als Nazi einordnen
Dafür gibt es Rote Karte und Platzverweis
Reinhard, doch! Rolf hat das relativiert angesagt und nicht behauptet. Seit über 20 Jahren zähle ich bei jeder Wahl die Stimmen mit aus,
und im nördlichen Bezirk Mitte
(Wahlkreis 74) gibt es – neben den vielen Stimmen für Die Grünen – enorm viele rechtsextreme Wähler. Man kann die Ergebnisse wahllokalgenau
bei der Landeswahlleitung einsehen.
Schau mal bzgl BT-Wahl 2025
http://www.wahlen-berlin.de/wahlen/BU2025/afspraes/ergebnisse_wahlkreis_74.html
Hallo Renate Straetling
Nochmal – er sieht jemanden mit einer in Fraktur beschrifteten Hose und denkt sofort an Nazi , das ist genauso wie jeder der AFD wählt automatisch ein Nazi sein muss …. oder jeder mit dunkler Hautfarbe ist ein Dieb…. oder jeder der eine andere Meinung hat ist Nazi…das ist ein Denken das einfach zum k….. ist
meine Güte nochmal wo sind wir angekommen
… und wenn enorm viele was auch immer wählen wir leben doch in einer Demokratie wo jeder wählen darf und kann was er sie es will …. oder müssen alle links oder grün wählen … was für ein dummes Geschwätz
Gruß
Hallo Reinhard
Rolf und ich haben zweimal qualifiziert geantwortet und ich denke, wir sollten die kritische Frage
erst einmal ruhen lassen, denn Kleidung ist ein aktiver Hingucker und Symbole sind statements: es hängt von vielen Faktoren ab, wie
jemand in einer wie auch immer gearteten Situation damit umgeht bzw. beide oder mehrere.
Grüße von Renate