Straßennamen prägen unseren Alltag – oft, ohne dass wir über ihre Herkunft nachdenken. Doch manche Namen tragen eine Geschichte, die von Unterdrückung und Kolonialismus erzählt. Nach jahrzehntelangem Einsatz von Initiativen und Anwohnenden erinnern nun vier Gedenkstelen im Wedding an diese Zusammenhänge: Drei im „Afrikanischen Viertel“, die die neuen Namensgeber*innen vorstellen, sowie eine an den sogenannten „Asiatisch-Pazifischen Straßen“, die den kolonialen Hintergrund erklären. Da im Zuge der Umbenennungen bislang wenig über die Beweggründe vermittelt wurde, dokumentieren wir hier den Wortlaut der Stelen.

Die Gedenkstelenausstellung wurde unter dem Titel „Wege des Erinnerns“ im Rahmen von „Dekoloniale – was bleibt?!“ geplant und vom Team Erinnerungsort Kolonialismus am Stadtmuseum Berlin realisiert.
Standorte der Stelen: Manga Bell-Platz/Afrik.Str. bzw. Grünfläche vor der Manga-Bell-Platz/Maji Maio-Allee
Aus dem Nachtigalplatz wurde der Manga-Bell-Platz
Der Manga-Bell-Platz ehrt Rudolf Duala Manga Bell (* 1873 † 1914) und Emily Duala Manga Bell (* 1881 † 1936). Nach Plänen der deutschen Kolonialregierung sollte die Volksgruppe der Duala und die gesamte afrikanische Bevölkerung aus dem Zentrum der gleichnamigen Stadt vertrieben werden. Zunächst kooperierte das Königspaar – Rudolf war getauft und hatte in Deutschland das Abitur gemacht. Doch er wehrte sich zunehmend gegen die Landnahme, unterstützt und beraten von Emily. Als die Deutschen planten, die Duala in Sumpfgebiete zu vertreiben, während zentrale Gebiete deutschen Kolonist*innen vorbehalten sein sollten, beharrte Manga Bell auf der Einhaltung geschlossener Verträge.
1914 wurde er wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und gehängt – trotz Protesten Emilys. Am selben Tag tötete die Kolonialverwaltung weitere Gemeinschaftsführer im ganzen Land. Der Widerstand der Duala Manga Bells lieferte wichtige Impulse für spätere Unabhängigkeitsbewegungen.
Der vorige Namensgeber Gustav Nachtigal (* 1834 † 1885) war Arzt, Afrikaforscher und Berater der deutschen und belgischen Kolonialmächte. Ab 1884 stellte er als Reichskommissar für Westafrika Gebiete in Togo, Kamerun und dem heutigen Namibia unter deutschen Schutz. In der Folge verübten sogenannte Schutztruppen in diesen Gebieten Gewaltverbrechen. In Namibia legte Nachtigals Ausdehnung des Reichsschutzes die Grundlage für den von Deutschen verübten ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.
An die Stelle der Ehrung eines Reichskommissars, der die Grundlagen für die deutsche Kolonialaggression in mehreren deutschen Kolonien geschaffen hat, werden nun mit Rudolf und Emily Duala Manga Bell Personen geehrt, die Widerstand geleistet haben. Die Umbenennung des zentralen Platzes im Afrikanischen Viertel verstärkt Fragen wie: Was sind die Perspektiven des Widerstandes und der Selbstbestimmung in Bezug auf die Orte, Gebiete und Geschichte der über 25 Straßen, deren Namen im Afrikanischen Viertel koloniale Bezüge haben?

Aus der Petersallee wurden die Anna-Mungunda-Allee und die Maji-Maji-Allee
Carl Peters (* 1856 † 1918) war einer der grausamsten deutschen Kolonisatoren. Er gründete die Gesellschaft für deutsche Kolonisation und später den Alldeutschen Verband.
Beide Organisationen warben für den Auf- und Ausbau eines deutschen Kolonialreichs. Mit einer Söldnertruppe zog Peters 1884 selbst durch Ostafrika und brachte durch Drohungen, Gewalt und Betrug Gebiete unter seine Kontrolle – die Grundlage für die 1885 beginnende Kolonialherrrschaft über Deutsch-Ostafrika. Im Rahmen der kolonialen NS-Propaganda ehrten ihn die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren mit Straßennamen.
Die Anna-Mungunda-Allee ehrt Anna Kakurakaze Mungunda (* 1932 † 1959), eine Befreiungskämpferin der OvaHerero, die im heutigen Namibia bei Anti-Apartheid- Protesten ums Leben kam. Ihr Todestag, der 10. Dezember, wird in Namibia als nationaler Frauentag begangen.
1959 kam es im Windhoeker Viertel Old Location zu einem vor allem von Frauen initiierten Protest gegen die Zwangsumsiedlung der Bevölkerung durch das Apartheid-Regime. Das Militär reagierte mit tödlicher Gewalt, der unter anderem auch Anna Mungunda zum Opfer fiel.
Das Massaker hatte zur Folge, dass mehrere Schlüsselfiguren des namibischen Widerstands ins Exil gingen, um von dort den bewaffneten Freiheitskampf zu organisieren.
Die Anna-Mungunda-Allee erinnert an die zentrale Rolle von Frauen in den antikolonialen Befreiungskämpfen. Im Rahmen des Genozids in Namibia erfolgte eine Landverteilung an zumeist deutschstämmige Siedler*innen. Die daraus entstandene Ungleichheit im Land war ein wesentlicher Pfeiler des Apartheidregimes, das erst 1990 abgesetzt werden konnte. Wesentlich für die Befreiung Namibias war der bewaffnete Kampf, der nach Anna Mungundas Tod verstärkt wurde.
Die Maji-Maji-Bewegung (1905 bis 1907) ist eine der wichtigsten antikolonialen Widerstandsbewegungen in Ostafrika. Über Sprach- und regionale Grenzen hinweg schlossen sich ihr mehr als 20 Gemeinwesen an, um gegen die deutsche Kolonialherrschaft zu kämpfen. Die Maji-Maji-Bewegung breitete sich über eine Fläche aus, die etwa der Größe Deutschlands entspricht. Kinjikitile, eine medizinische, moralische und spirituelle Autorität, gab den Impuls für die Bewegung. Die dahinter stehende Idee der übergreifenden Allianzen in einer geeinten Gesellschaft zog viele Kämpfer*innen an. Die deutsche Kolonialadministration schlug die Bewegung nicht nur militärisch nieder, sondern entwickelte eine „Politik der verbrannten Erde“. Sie beinhaltete das Niederbrennen von Dörfern und Feldern sowie die Plünderung von Ernten. In der Folge starben von den bis zu 300.000 Kriegstoten viele an Hunger.

Standort der Stele: Kongostr./Corn.Fred.Str.
Aus der Lüderitzstraße wurde die Cornelius-Fredericks-Straße
Cornelius Fredericks (auch: Frederiks / * 1864 † 1907) , nahm während des Genozids an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) ab 1904 eine Führungsrolle bei den !Aman ein. Diese Gruppe der Nama zog in den bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Kolonialaggression, wie etwa gegen die Vertreibung durch Siedler*innen. Die Kolonialverwaltung setzte ein Kopfgeld von 3.000 Reichsmark auf Fredericks aus. Nach seiner Kapitulation wurde er in eines der ersten offiziell so bezeichneten deutschen Konzentrationslager auf der Haifischinsel deportiert. Bis zu 75 % der dort internierten Männer, Frauen und Kinder starben an den unhygienischen Bedingungen, den Folgen von Zwangsarbeit und medizinischen Versuchen.
Nach Fredericks’ Tod soll sein Kopf zu rassistischen Forschungszwecken nach Berlin gebracht worden sein. Sein Verbleib ist ungeklärt. In Deutschland befinden sich nach wie vor tausende menschliche Gebeine aus der Kolonialzeit.
Der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz betrog 1883 die !Aman mit einem gefälschten Landnutzungsvertrag, dem sogenannten „Meilenschwindel“, um ihren Besitz. Dafür wurde er mit dieser Straße von 1902 bis 2022 als „Kolonialpionier“ geehrt.
Die Umbenennung beendet die Ehrung eines Kolonialbetrügers, dessen Landnahme eine Grundlage für den Genozid war. Sie ermöglicht außerdem den Perspektivwechsel hin zu Persönlichkeiten des antikolonialen Widerstands. Darüber hinaus lädt dieser Ort dazu ein, zu fragen: Wofür – für welche Idee von Gemeinschaft und Verantwortung – Cornelius Fredericks gekämpft hat.

Standort der Stele zu Asiatisch-pazifischen Straßen: Pekinger Platz/Kiautschoustraße
Wonach wurde der Pekinger Platz benannt?
Die Benennung des Pekinger Platzes 1905 sollte an die vermeintlichen Heldentaten der deutschen und anderer imperialer Truppen im Jahr 1900 in China erinnern. Anlass für deren Militäraktionen war die Belagerung des internationalen Gesandtschaftsviertels in Beijing durch die Yìhétuán 義和團 Boxertruppen und Soldaten der Qing-Regierung . Diese Belagerung ist als Widerstand gegen christliche Missionierung und Kolonisierung einzuordnen.
Mit einer Umbenennung des Platzes – zum Beispiel nach Lin Hei’er (林黑兒), einer Anführerin des antikolonialen Widerstands – könnte ein dekolonialer Perspektivwechsel auf diese Ereignisse im öffentlichen Raum verankert werden.
Bereits seit dem ersten Opiumkrieg (1839–1842) war die chinesische Bevölkerung kolonialrassistischer Gewalt durch imperiale Mächte ausgesetzt. 1900 schlossen sich Großbritannien, Frankreich, das Deutsche Reich, Japan, Russland, die USA, Italien und Österreich-Ungarn zu einer imperialistischen Allianz zusammen, um ihre Interessen in und ihren Zugriff auf China gemeinsam durchzusetzen. Ihre Militäraktionen richteten sich im Anschluss an die Kämpfe um das Gesandtenviertel nicht nur gegen die Yìhétuán und das chinesische Militär, sondern auch gegen die unbeteiligte Bevölkerung. Bis zur Unterzeichnung des Boxer-Protokolls 1901 wurden in Nordchina tausende Chines*innen verletzt und ermordet, Kulturgüter zerstört und geplündert.
Wonach die Samoastraße benannt ist
1905 wurde diese Straße nach der Kolonie Deutsch-Samoa (1900–1914) benannt. Die Kolonie umfasste die Inseln Upolu, Savaii, Apolima und Manono. Bereits in den Jahrzehnten vor der Kolonisierung Samoas bereicherten sich dort deutsche Unternehmen im Plantagengeschäft. Das Unterzeichnen von Kolonialverträgen 1900 erleichterte ihnen den Landraub, sowie den Zugriff auf natürliche Ressourcen und steigerte ihre Profite. Der Zusammenschluss samoanischer Familienoberhäupter verhinderte die Verpflichtung von Samoaner*innen zur körperlichen Arbeit auf Plantagen und Infrastrukturbaustellen. Deshalb wurden Arbeiter*innen aus Melanesien, Mikronesien und aus China, zum Teil für Zwangsarbeit, auf Schiffen nach Samoa gebracht.
Angeführt von Laulaki Namulau’ulu Mamoe organisierte sich die samoanische „Mau a Pule“-Bewegung mit dem Ziel der Unabhängigkeit. Ihre Anführer*innen wurden von den Deutschen 1908 auf die Marianen verbannt. Samoanerinnen protestierten gegen die Rassenhygiene-Kampagne des Siedlers Carl Eduard Michaelis, der Beziehungen zwischen weißen Deutschen und Samoaner*innen verbieten lassen wollte und deren Kinder rassistisch herabwürdigte. Junge samoanische Mitarbeiter*innen der Kolonialverwaltung forderten 1914 eine mit den Deutschen gleichberechtigte Stellung. Ihr Anführer Taio Tolo wurde nach Neuguinea abgeschoben.
1906 griff Sitivi, ein Samoaner, mit antikolonialer Motivation deutsche Siedler*innen an, und 1914 folgte die Fitafita-Aktion, bei der vier junge samoanische Polizisten einige deutsche Siedler*innen niederschossen. Darüber hinaus protestierten Arbeiter*innen wiederholt gegen die alltägliche, auch physische Gewalt, durch das Plantagenmanagement.

Wonach die Kiautschoustraße benannt ist
1905 wurde diese Straße nach der deutschen Kolonie Jiāozhōu 膠州 (Kiautschou 1897 bis 1914) an der chinesischen Ostküste benannt. Die Verpachtung dieses 552 km² großen Gebiets, das unter der Verwaltung des deutschen Reichsmarineamts stand, wurde erzwungen, um direkten Zugang zu einem Hafen, dem chinesischen Markt und Bodenschätzen zu bekommen. In Qīngdao 青岛 (Tsingtau), dem Zentrum der Kolonie, und dem umliegenden Gebiet lebten räumlich und sozial getrennt circa 140.000 Chines*innen und 5.000 Europäer*innen. 1900 wurde die kolonial-administrative Chinesenordnung eingeführt, deren Nichteinhaltung Konsequenzen bis hin zu körperlicher Bestrafung vorsah.
Zahlreiche Chines*innen, darunter konfuzianische Gelehrte, kaiserliche Beamte sowie Bäuer*innen, leisteten Widerstand gegen das deutsche Kolonialregime. Zum Beispiel die ländliche Bevölkerung, die negativ vom kolonialen Bauprojekt einer Eisenbahntrasse betroffen war. Sie war zum Teil in den Yìhétuán 義和團 Boxertruppen und Dēng Zhào 燈照 „Leuchtenden Laternen“ organisiert. Das deutsche Militär brannte widerständige Ortschaften nieder, verletzte und ermordete deren Bewohner*innen. Bis heute gibt es dafür keine Entschuldigung der deutschen Regierung bei den Nachkommen.
1914 übernahm das Japanische Kaiserreich die Kolonie und 1919 formierte sich dagegen die urbane „4. Mai-Bewegung“ 五四運動 (Wusì Yùndòng). Diese Bewegung ist der zentrale Bezugspunkt der Geschichte der chinesischen kulturellen Moderne, des Nationalismus, der Auseinandersetzung mit Imperialismus, an dem auch das Deutsche Reich beteiligt war. Die Umbenennung der Straße nach einer oder einem Intellektuellen dieser Bewegung würde zu einem dekolonialen Perspektivwechsel beitragen.




Gut so. Es war teilweise Verdruss zu spüren, dass über die Köpfe der Bürger Straßen und Plätze umbenannt werden. Diese Aktion versucht die Menschen vor Ort mitzunehmen und ein Gefühl von Teilhabe zu erreichen. Sowas brauchen wir mehr um unsere Demokratie resilienter zu machen.
Hallo
nanu wollte nochmal schauen, ob noch mehr Kommentare zum Thema kommen… aber nun ist der einzige K. gelöscht
warum wieso weshalb
Gruß
Ich weiß nicht, was mit dem Kommentar passiert ist. Er war nicht zu beanstanden.