Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

Es ist Samstag, der 4. Oktober 2025, der Tag nach dem Einheits-Feiertag. Ich will mit meinem Sohn in die Schiller-Bibliothek. Aber vorsichtshalber rufe ich vorher an, denn vielleicht ist ja geschlossen und die Bibliothekarinnen haben ein schönes langes Wochenende, so wie ich auch. Bei der automatischen Telefonansage, die ich unter der Telefonnummer erreiche, gibt mir eine freundlichen Frauenstimme die Auskunft, dass „alle Mitarbeitenden sind zur Zeit im Gespräch“ seien. Wunderbar, so kenne ich das fleißige Personal der Bibliothek: Sie arbeiten, wenn andere Urlaub machen. Auch auf der Website finde ich keinen anderen Hinweis . Also machen wir uns auf, zu Fuß durch einen regnerischen Morgen. Gut durchnässt lesen wir dann an der geschlossenen Tür einen Zettel, wonach am 3. und 4. Oktober Feiertage seien, und die Bibliothek deshalb geschlossen sei.

Hab ich da was verpasst? Wird hier im Wedding der Tag der Einheit gleich zwei Mal gefeiert? Immerhin war es ja hier, an der Bornholmer Brücke, wo die Berliner Mauer aufgemacht wurde. Oder wird an diesem Tag die ewige Einheit von Wedding und Gesundbrunnen beschworen? Ich weiß es nicht. Auf die Mail, die ich an die Bibliothek schrieb, kam die automatische Antwort, dass die Mitarbeiterin bis 6. 10. nicht anwesend sei. Also war Sonntag wohl auch zu, obwohl die Bibliotheken ja noch bis Ende des Jahres sonntags geöffnet haben sollen. Ich habs trotzdem nochmal ausprobiert. Sonntagfrüh stand ich mit einem Mann und seiner kleinen Tochter auf dem Laufrad vor verschlossenen Türen. Er schaute ungläubig auf den Zettel. „Heute ist doch der 5. Hier steht 3. und 4. ist zu.“ „Was machen wir jetzt?“ fragte ich ironisch. Der Mann blickt auf seine Tochter und grinst: „Fahrradfahren!“

Rolf Fischer
Die Krähe und der Einwegbecher
Mein Faible für Krähen kennt ihr schon. Hier ein weiterer Moment, Momente, die sich auf meinen Wegen im Wedding, die etwas grüner und stiller sind, beobachten lassen.
Dass die New Yorker Ratten typische kulinarische Vorlieben haben, die mit ihrer Gastroszene der heimischen Borough zusammenhängen, ist bekannt und wurde auch sehr eindrucksvoll in wenigstens einem Filmbericht festgehalten: Ratten, die in Chinatown leben, bevorzugen Reisgerichte, Ratten, die in einer italienisch dominierten Umgebung wie Little Italy hausen, lieben Pizza, und so weiter.

Wie ergeht es unseren Berliner Nebelkrähen? Es gibt enorm viel Müll auf den Straßen bei uns, man kann sich vielleicht vorstellen, dass die jährlichen Mengen um den Fernsehturm getürmt mehr oder weniger bis zur Kugel hinauf alles verdecken könnten.
Bei uns ist die Streetfoodszene mit weit über 10.000 Buden eines bestimmten Mindestumsatzes etwas kleiner und vor allem nach ihren Produkten durchmischter, was Döner, Seitan, Asia und Pizza angeht. Dazu gibt es verschiedene Tüten- und Cupformen, spitze, eckige, halbrunde und unterschiedliche Verbundmaterialien wie Pappe, Papier, Plastik in diversen Stärken, Pergament und Verbundmaterial. Neben dem Imbiss gibt es vor allem aber mega-viele Einwegbecher, vielleicht 170 Millionen pro Jahr – achtlos hingeworfen auf die Straßen.
Aber es geht mir um das, was unsere urbane Vogelwelt damit anzufangen weiß. Schon oft sah ich Krähen mit Tüten kämpfen, um den Inhalt überhaupt erst zu inspizieren oder etwas daraus zu ergattern. So zum Beispiel eine kleine duftende knautschige Pommes am Ende einer spitzen und verklebten Tüte, die auf dem Gehweg herumlungerte.
Also offen gesagt, da ist keine Schadenfreude angesagt, obwohl es slapstickartig ist, was dann passiert: Der Krähenkopf und der spitze lange schwarze Schnabel stecken tief in der Tüte… und das Tier kommt trotz Schütteln und Zappeln, womöglich wegen verklebter Federn, nicht an das Leckerli heran. Frust. Erschreckte Umkehr, ein hastiger Blick zurück über den Flügel und ein hektisches Herumgetappel, um eventuell einen neuen Angriff zu wagen oder nachzusehen, ob das Ding womöglich Verfolgung aufnahm.
Das Abnagen von Knochen sieht man eher selten, aber das Stöbern rund um Beutel schon öfters. Letztens sah ich in der Brüsseler Straße den Streit etlicher Krähen um einen irgendwie geheimnisvoll interessanten weißen Plastikbeutel. Tatsächlich konnte einer der Vögel das Ding greifen, es hing um seine Kralle, er flog siegessicher los, die signalweiße Plastiktüte blähte sich im Wind – und…? Die große Krähe mit dem weißen Ballonteil musste auf einem Autodach notlanden, immer noch siegesgewiss über den ratlosen anderen Vögeln auf dem Gehweg. Tja.
Wie bekommt die Krähe überhaupt den Eingang zu einer solchen komplizierten Verpackung heraus? Vermutlich muss sich das im Wind bewegen und eher frisch sein, um vom Geruch her zu locken. An Parkbänken und in Marktnähe bekommt man solche durchaus lustigen Pick-und-Hack-Kämpfe mit behänder Fußarbeit und hüpfenden Ausweichmanövern zu sehen.

Also, langer Rede, kurzer Sinn. Erst gestern sah ich zwischen zwei parkenden Autos eine Krähe mit einer braunen Papiertüte im Nahkampf, und es war wegen des Materials nicht schwierig, alles zu zerfetzen und dennoch auf Nichts zu stoßen und das blöde Ding mit schwarzen langen Füßen niederzutreten und verächtlich hinter sich zu lassen.
Aber: Dass Krähen auf Kaffee stehen, hätte ich nicht gedacht. Wie das Foto beweist, war da eine richtig neugierig, mit Jieper unterwegs oder koffeinsüchtig. Als sich der Becher als leer herausstellte, wurde er eben noch durch Drauftreten zerknautscht. Dadurch ist der Müll zwar nicht weg, aber wenigstens nimmt er – das unterstelle ich auch mal dem Tier: im Sinne des Anti-Littering – jetzt weniger Platz in Anspruch.
Renate Straetling
Und jetzt seid ihr dran!
Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an:
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Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.


Ach Rolf, das war doch ein Vordruck, der sich leicht routiniert ausfüllen lässt! – Was mich seit vielen Jahren ärgert ist, dass viele Webseiten mit öffentlichen Terminen, Öffnungszeiten und Filialadressen nicht zeitig Updates erhalten und falsch im Web herumgeistern, obwohl es so einfach ist, Webseiten zu aktualisieren!
Renate, bitte mehr von deinen Nebelkrähenbeobachtungen. Das sind so tolle Tiere. Dein Faible für sie kann man nur teilen und du teile bitte mit uns deine Erfahrungen.
Simone
Simone, sehr gern tue ich das. Allerdings ist es nicht immer einfach, trotz gezückter Kamera auf`m Zeppi, einen besonderen Schnappschuss zu machen.
Ich kenne das Problem aus dem Schillerpark, wo ich stets eine Tasche voller Hundefutterkekse bei mir habe, die ein besonders geschicktes Exemplar immer dreifach stapelt und dann losfliegt und sich ans Vergraben macht.
Simone