Der Name „encounters“ sagt es bereits: In Mary Lees Projektraum geht es um Begegnungen. Auch wenn der Ort auf den ersten Blick wie ein regulärer Kunstbuchladen wirkt – mit Romanen, Bildbänden, Magazinen und selbstverlegten Zines im Regal –, geht es der Autorin und Übersetzerin aus Hongkong nicht in erster Linie ums Verkaufen. „Im Mittelpunkt steht der Austausch“, betont sie.

Die meisten Bücher sind auf Chinesisch – sowohl in den traditionellen Schriftzeichen, wie sie in Taiwan und Hongkong verwendet werden, als auch in der vereinfachten Schrift, die in der Mao-Ära eingeführt wurde und heute in der Volksrepublik Standard ist. Einige Werke sind zudem ins Deutsche oder Englische übersetzt. Daneben finden im Raum Veranstaltungen statt: Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen und Teeworkshops.
Aus Hongkong nach Berlin
Mary Lee selbst hat den Großteil ihres Lebens in Hongkong verbracht. 2019 kam sie nach Berlin – eigentlich nur auf der Durchreise. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Auf die pro-demokratischen Proteste in ihrer Heimatstadt folgte die Pandemie. Danach erließ die Hongkonger Regierung ein neues Sicherheitsgesetz, das die ehemalige britische Kolonie mit dem autoritär regierten Festland auf Linie bringen sollte. Auch unabhängige Buchhandlungen und Kunsträume bekamen die Folgen zu spüren, einige mussten unter den verschärften Bedingungen schließen. Jedes Mal, wenn sie ihre alte Heimat besucht, fragt sie sich, ob bestimmte Orte überhaupt noch existieren, sagt Lee. „Man weiß nie, ob man sie zum letzten Mal betreten hat.“

„encounters“ – Lee schreibt den Namen minimalistisch klein – möchte diesen besonderen Kulturstätten ihrer alten Heimat Tribut zollen und gleichzeitig all jenen einen Raum bieten, die – wie sie selbst – einen Ort suchen, an dem man gemeinsam darüber reflektieren kann, was es bedeutet, fernab der eigenen Wurzeln zu leben. Sie bespielt die Räume heute zusammen mit bóbó books, einer unabhängigen Hamburger Buchhandlung mit Schwerpunkt auf chinesischen Publikationen, Impression Taiwan, einem taiwanischen Filmfestival in Berlin sowie Deerland Tea, einer ebenfalls aus Taiwan stammenden Tee-Expertin.
Besucherinnen und Besucher sollen blättern, verweilen, ins Gespräch kommen – vielleicht auch Freundschaften schließen. Dass das funktioniert, erlebte Lee schon bei den ersten Veranstaltungen, als Menschen aus Hongkong, Taiwan und dem chinesischen Festland in den Räumen zusammensaßen. „Wenn so ein Raum solche Begegnungen ermöglicht, ist das wunderbar.

Denn sprachlich und kulturell ist die Frage, was „chinesisch“ bedeutet, tatsächlich kompliziert. Viele Menschen in Hongkong oder Taiwan wehren sich dagegen, sich als „Chinesen“ zu bezeichnen – zu sehr ist der Begriff mit dem autoritären Regime auf dem Festland verknüpft. „Wir brauchen neue Begriffe, um Zugehörigkeit zu beschreiben“, sagt Lee. Manche Wissenschaftler sprechen von „Sinophone Studies“, sie selbst plädiert für den Begriff „interasiatisch“, der es ihr auch erlaubt, kreative Szenen aus anderen Ländern wie Indonesien oder Malaysia in ihren Treffpunkt einzubeziehen.
Dass dieser spannungsreiche Ort heute hinter der unscheinbaren Fassade einer ehemaligen Shisha-Bar in der Prinzenallee 60 eine Heimat gefunden hat, verdankt Lee unter anderem dem Filmkunst-Kollektiv Sinema Transtopia, das an der S-Bahn-Station Wedding ausgehend von Filmen einen transnationalen Diskursraum geschaffen hat und dort regelmäßig auch asiatische Werke zeigt. „Sie haben mir den Tipp gegeben. Und als ich die Räume das erste Mal sah, wusste ich: das ist es.“
Lee, die in Prenzlauer Berg lebt, hat den Wedding von Anfang an als Stadtteil der Kunst und Kultur wahrgenommen – dank Sinema Transtopia, dem Silent Green Kulturquartier und SAVVY Contemporary. Auch die Vielfalt des Kiezes empfindet sie als Stärke: „Wir dachten, es macht Sinn: Wedding ist vielfältig und offen für unterschiedliche Kulturen.“
Die ersten Erfahrungen mit der Nachbarschaft waren dann auch überwiegend positiv. „Die Leute leben hier einfach ihr Leben. Ab und zu schaut jemand Neugieriges vorbei.“ Nur ein Nachbar regte sich einmal über Pakete auf, da „encounters“ momentan nur zweimal die Woche öffnet und die liegengebliebene Post bei ihm abgegeben wurde. Lee nimmt es mit Humor: „Ich habe gehört, das ist eine normale deutsche Erfahrung. Stimmt das etwa nicht?“
encounters, Insta-Profil von Lee
Prinzenallee 60, Fr/Sa 13 – 18 Uhr


