prime time: Wie es wurde, was es ist

Oliver Tautorat hat sich nach einer Vorstellung eigens die Zeit für ein Gespräch mit dem Weddingweiser genommen. Es ist jetzt genau 15 Jahre her, dass das PrimeTime-Theater gestartet ist. Dass es vor allem mit der Theater-Soap „Gutes Wedding Schlechtes Wedding“ (GWSW) so erfolgreich werden würde, konnte keiner ahnen, als maximal 30 Zuschauer in einem Ladenlokal im Soldiner Kiez bei der ersten Folge dabei waren. Auf der Bühne: Constanze Behrends als Ayse und Nicole, Oliver Tautorat als Murat und Mahmud. Die Mitgründerin und langjährige Autorin der Folgen ist inzwischen nicht mehr dabei, und so erinnert sich der heutige Theaterchef Tautorat für uns, wie alles angefangen hat.

Es fing ganz klein an

„Ich bin aus München gleich in den Wedding gezogen und habe in Berlin nirgendwo anders gewohnt“, sagt der 45-Jährige. Dieser Stadtteíl ist für den gebürtigen Würzburger, der als Kind unendlich oft umgezogen war, der Ort, nach dem er sich gesehnt hat: „Rau, rotzig, aber vor allem, wo es alles zu essen gibt, was ich gerne mag“, meint er schmunzelnd. Und doch ist die Idee für das Theater in Pankow entstanden, wo die beiden Schauspieler Behrends und Tautorat einen „Kurzfilmabend zur Prime-Time“ veranstaltet haben. Auch der Spielort in der Freienwalder Straße war eigentlich als Probebühne für ein anderes Theaterprojekt gedacht. Die erste Folge dauerte nur eine halbe Stunde, und ständig musste man sich umziehen. Zum Glück war Sauregurkenzeit, als „GWSW“ im Januar 2004 startete, und die Presse sprang begeistert darauf an. Es kamen also viele Dinge zusammen, die diese Weddinger Geschichte mit inzwischen 120 Episoden einen Erfolg werden ließen.

„Die, die sonst nie ins Theater gehen“

Der Spielort wanderte zur Osloer Straße, später an die Müllerstraße und zuletzt in die Burgsdorfstraße. Trotz aller Veränderungen sind ein paar Dinge gleich geblieben. „Ich habe schon immer die Abendkasse und das Warm-up gemacht, am liebsten in den Rollen des Mahmud oder des Postboten Kalle“, erzählt Tautorat. „Ich muss einfach den Kontakt zum Publikum haben und die Betriebstemperatur des Abends messen“. Denn sich auf die Gäste des jeweiligen Abends einzustellen, entsprechend zu improvisieren und die Leute da abzuholen, wo sie sind, ist für Tautorat das Wichtigste, um die Menschen später zum Lachen zu bringen. Die vielen Stammgäste – einer kommt jede Woche – und die neuen Besucher wissen, dass die Schauspieler, die Atmosphäre und die Geschichten niemals völlig neben dem Nerv der Stadt liegen. Im Laufe der Zeit wurden Einspielfilme immer wichtiger, ganze Handlungsstränge werden so eingebaut. Nur Live-Musik gab es, bis auf die aktuelle Hamlet-Inszenierung, noch nie. Das alles funktioniert noch immer wie ein großer Kindergeburtstag, bei dem alle Altersgruppen gleichermaßen Spaß haben. „Wir lotsen viele Menschen zu uns, die sonst nie ins Theater gehen würden“, ist sich der Theaterchef sicher. Ihm macht es Spaß, den quietschbunten Spielort mit seinen knappen Ressourcen zu managen und allein schon deshalb die Publikumsbindung immer wieder neu zu erobern.

Bei der staatlichen Schauspielprüfung sagte man Tautorat, er sei „ein seltenes Exemplar von Proletariat auf der Bühne“. Das empfindet er als Ritterschlag. Dafür schlüpft er in alte und neue Rollen: „Mahmud spricht wie viele südländische Freunde aus meiner Schulzeit, den Slang habe ich damals permanent um mich herum gehabt“, sagt Tautorat. Er spielt das so überzeugend, dass viele Türken ihn für einen Landsmann halten – dabei ist er Deutsch-Grieche. Doch Kalle, der schnoddrig-charmante, berlinernde Postbote mit Vokuhila-Frisur, ist Tautorats wichtigste Rolle. „Wenn ich so darüber nachdenke, ist er fast so etwas wie mein Alter ego“,findet er. Das Theater-Aushängeschild Kalle habe Seiten, die er bei sich gar nicht mehr auslebe.

15 Jahre nah am Publikum

Das einzigartige Format der Theater-Soap, bei der bis heute gut 30 Schauspieler in unzählige Rollen geschlüpft sind, wird ab 2019 wieder nur von einem Autoren geschrieben, die Regie bleibt ebenfalls in einer Hand. Wer es im prime time Theater zum Schauspieler gebracht hat, musste sich ganz klassisch bewerben, ein Video mit bestimmten Vorgaben einschicken und bei einem Live-Casting überzeugen. „Die Ausbildung ist nicht so wichtig, für mich zählen vielmehr Erfahrung, komisches Talent und Ensemblegeist“, so beschreibt Tautorat die hohen Anforderungen. Nach wie vor gilt es, ein möglichst breites Publikum an sich zu binden, denn das Theater braucht eine sehr hohe Auslastung, um überleben zu können. Denn so leichtfüßig wie das Spiel mit den Klischees erscheint, ist es im harten Pflaster Wedding dann eben doch nicht.

seit 10. Januar läuft die Jubiläumsfolge „15 Jahre GWSW“

prime time Theater, Müllerstr. 163 Ecke Burgsdorfstr.


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