Immer gleich Großalarm im Wedding

Kunstwerk
Was im Kopf passiert. Foto: Marcel Nakoinz

Meinung Alles fing ganz harmlos an, indem ich zusagte, jeden Tag in der Zeitung nachzuschauen, ob da etwas über den Wedding steht. Nach ein paar Monaten dieses Tuns muss ich zugeben: ich habe mich verändert. Wie es der Algorithmus der Suchmaschine schaffte, mein Wedding-Weltbild zu ändern.

Ich stelle mir vor, ich sitze am Telefon einer Hotline, in der Notrufzentrale. Da ruft mir ein junger Spund ins Ohr, in die Schule XYZ seien Männer hinein gerannt. Ich rufe mir den Stadtplan auf meinem Monitor auf und lese: Gesundbrunnen. Das ist der Moment, wo es bei mir *Klick* machen würde. Was würde ich jetzt tun? Die Lage analysieren und bewerten und dann handeln oder sofort Terroralarm auslösen?

Amokalarm in der Wilhelm-Hauff-Grundschule, die Polizei sperrte am 5. Juni die Prinzenallee. Foto: Hensel
Wahrscheinlich oder unwahrscheinlich: Amok an Weddinger Schule. Foto: D. Hensel

Wahrscheinlich würde ich heute, nach mehreren Monaten des täglichen Schreibens des Weddingtickers und des Newsletters, genauso handeln wie der Polizist, der am 5. Juni gegen halb elf hinter der Nummer 110 Dienst tat  – und den Großalarm auslöste. Ich bin nicht Polizist, sondern nur ehrenamtlicher Wortemacher. Ich kann keinen Großalarm auslösen. Ich poste bloß „Eilmeldung“ auf Facebook. Noch zu Beginn des Jahres, vor meinem täglichen Kontakt mit dem Algorithmus, hätte ich weit mehr Geduld und Unglauben im Gepäck gehabt und an der Großalarmlage zumindest kurz gezweifelt. Warum sind die Zweifel fort?

Täglicher Glückskeks: bei Google Wedding eintippen

Hochzeit
Für Google ist Wedding vor allem Hochzeit. Foto: Weddingweiser

Wer täglich das Wort „Wedding“ bei Google eintippt, der weiß bald alles über das Royal Wedding von Herrn Wales und Frau Markle. Wie teuer der Ring war, wann die Queen den Raum betritt, wer die Rosen gießt. Hochzeiten stimmen frohgemut. Nach den vielen Wochen mit den guten Nachrichten über das Eheglück, hätte ich bei einem Anruf eines Meinungsinstituts wahrscheinlich dem Satz zugestimmt: die britische Monarchie ist für die Demokratie in Großbritannien unverzichtbar.

Ungesundbrunnen

Gesundbrunnen
Idylle passt zu Gesunbrunnen? Nicht für Google. Foto: Andrei Schnell

Welch Gegenprogramm ergibt dagegen die tägliche Onlinesuche nach „Gesundbrunnen“. „85-jähriger ermordet Rentnerin in Seniorenwohnheim“, „Jeside schoss, weil Tochter Muslim liebte“, „Mit Baseballschläger verprügelt“, „Arzt attestiert Messeropfer natürlichen Tod“. Es dauert lange bis ich merke, nicht der Gesundbrunnen liebt die Gewalt, sondern Google. Es ist bloß der Algorithmus. Die weltweite Suchmaschine verschweigt mir konsequent, was im Gesundbrunnen in Augsburg los ist. Oder in Bautzen. Oder in der Gesundbrunnen-Klinik in Heilbronn. Was dort so geschieht, erfahre ich auch nach tausend Suchanfragen nicht.

Menschen, die gewiefter sind als ich, wissen natürlich: das liegt an der Standorterkennung. Aber ist das Leben am Berliner Gesundbrunnen wirklich so ungesund, wie es Marlon Brando in Der Pate formulieren würde? Nur Mord und Totschlag? Ich frage – obwohl ich die Antwort ahne – beim Landeskriminalamt nach. Wird im Gesundbrunnen mehr gemordet als in anderen Stadtteilen? „Entgegen Ihrer Wahrnehmung ist der Ortsteil Gesundbrunnen auch im stadtweiten Vergleich unauffällig“, lautet die Antwort.

Die tägliche Polizeimeldung höhlt den Stein

Zeitung
Wie gut filtern die Zeitungen? Manche weniger gut.  Foto: Andrei Schnell

Und außerhalb von Google? Zeitungen zum Beispiel werben damit, für mich zu filtern. Doch in Wirklichkeit übernehmen manche Polizeimeldungen in ungezählter Menge. Gibt man in den Onlineportalen der großen Zeitungen aus Berlin die Stichworte Wedding oder Gesundbrunnen ein, erhält man (bei einigen!) zunächst eine lange Liste mit Blaulicht-Fotos. Jeden Tag. Mit einem Male verstehe ich den Leser, der uns eine Weile mehrmals pro Woche auf Kriminalität im Wedding hinweisen wollte. Über die wir bitteschön mal berichten sollten. Ich begreife: er hatte kein verdrehtes Weltbild, er hat lediglich täglich eine bestimmte Zeitung gelesen.

Gehirnwäsche mit eigenem Kopf erlebt

Früher nannte man es Gehirnwäsche, was die sich stets wiederholenden, einseitigen Antworten des Algorithmus anrichten. Ich habe es selbst ungeplant erfahren. Am Ende glaubte ich tatsächlich, ein Amoklauf in einer Weddinger Schule ist bei der (dünnen) Faktenlage die wahrscheinlichste Szenario. Ich warte nicht ab, was dran ist an der Meldung. Wo täglich Rentner dran glauben müssen, kann es auch Schüler erwischen. So der Kurzschluss in meinem Kopf. Ich tippe: Eilmeldung …

Autorenfoto Andrei SchnellAndrei Schnell merkt, wie der Algorithmus der Suchmaschine sein Bild von Wedding und Gesundbrunnen veränderte.


1 Kommentar
  1. Ich musste echt schmunzeln.

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