Kutschi: Einflugschneise in den nördlichen Wedding

Dieser wichtige Verkehrsknotenpunkt liegt zwar nicht im Wedding, aber so dermaßen haarscharf an der Bezirksgrenze, dass auch viele Weddinger dort umsteigen, einkaufen oder essen gehen. Klar, dass wir vom Weddingweiser den Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf nicht ignorieren können. Seit jeher verkürzen die Berliner seinen sperrigen Namen zu Kutschi. Klingt ein bisschen schnoddrig und ein wenig lieblos. Aber es sagt bereits alles darüber, wie dieser Platz wahrgenommen wird.

Dabei gibt es hier etwas Besonderes zu erwähnen: Einmalig in Deutschland ist die Tatsache, dass Flugzeuge direkt über den wuseligen Platz und somit über die Köpfe unzähliger Menschen in nur 150 bis 200 Meter Höhe donnern. Das ist für Besucher und Ortsfremde manchmal irritierend, denn es ist kaum zu glauben, dass dieser ohrenbetäubende Irrsinn hier Alltag ist. Für die Ortsansässigen ist es ganz normal, das  Gespräch kurz zu unterbrechen und nach ein paar Sekunden wieder zur Tagesordnung überzugehen. Für Flugzeugfans hingegen ist es die Gelegenheit, verschiedene Flugzeugtypen und -lackierungen aus nächster Nähe zu sichten. Am meisten Gänsehaut verursacht dies beispielsweise auf dem oberen, offenen Parkdecks des Einkaufszentrums, von dem aus das Landemanöver mit Blick auf die Landebahn beobachtet werden kann.

Der Versuch, aus einer Kreuzung einen Platz zu machen

Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg; Willy Pragher

Bis in die Fünfzigerjahre war der Platz nur eine unscheinbare Kreuzung zwischen der Berliner (heute Ollenhauer-) und der Scharnweberstraße. Als dann 1956 die U-Bahn-Verlängerung ab der Seestraße bis zum Kurt-Schumacher-Platz eröffnet wurde, verband man die Ollenhauerstraße mit dem Spandauer Weg (heute Kapweg) und schuf dadurch eine durchgehende Nord-Süd-Achse. Ganz modern wurde auch eine Hochstraße entlang dieser autogerechten Schnellverbindung gebaut, die den neuen Platz kreuzungsfrei überquerte. Der Platz selbst wurde mit einer typischen Fünfzigerjahrebebauung auf der Nordseite versehen, die bis heute uneinheitlich wirkt. Dort gibt es Cafés, Banken und auch einige Arztpraxen.

In den Achtzigerjahren wurde die hässliche Hochstraße abgebaut und der eigentliche Platz ganz im postmodernen Stil gestaltet. Rankgitter und Brunnen zeugen von dem – gescheiterten – Versuch, die verkehrsumtoste Kreuzung zu einer Piazza umzubauen. 1988 eröffnete auf der Südostecke des Platzes unter Einbeziehung des U-Bahn-Eingangs ein kleines Einkaufszentrum namens Der Clou, das man nicht wirklich als ein Shoppingparadies bezeichnen kann. Immerhin gibt es dort eine Post, einen Elektronikmarkt, ein Schuhcenter, einen großen Lebensmittelladen, eine Filiale einer großen Modekette sowie ein paar kleinere Läden. Originelles oder Einmaliges gibt es in den vielen austauschbaren Gewerbeflächen am Kutschi auf jeden Fall nicht.

Absolut uninspiriert

Ein wirklich urbaner Ort ist die ganze Gegend jedenfalls nicht geworden. Vor allem auf der Südwestecke lässt sich der provisorische Nachkriegscharakter des Kutschis mit niedrigen, absolut uninspirierten budenartigen Flachbauten ohne jede architektonische Qualität noch gut erleben. Das Gefrickel verschiedener Epochen der Nachkriegszeit bildet hier ein ganz und gar unstimmiges Gesamtbild. Zugegeben: Der Platz erfüllt seine Funktion für viele Tausend Nordberliner, sonst nichts. Er ist einfach ein wichtiger Kreuzungspunkt für den Straßenverkehr, ein Umsteigebahnhof vom und zum Flughafenbus und ein kleines Nahversorgungszentrum für die umliegenden Kieze. Um den zugigen Kutschi herum gibt es kaum richtige Bewohner. Dafür eine Kaserne, einen Baumarkt, Gewerbegebäude, Tankstellen, eine Busabstellanlage, Fastfoodfilialen, Friedhöfe und dazwischen einen nicht enden wollenden Strom von Autos. Das alles macht aus einer Kreuzung eben keinen Ort, wo man sich gerne länger aufhält. Das ist Vorstadt-Feeling pur, das so gar nichts von Berlin hat, sondern genausogut im Ruhrgebiet oder am Stadtrand von Hamburg erlebbar sein könnte. Deswegen gibt es hier auch kein schickes Café, kein Künstleratelier und auch keine Nachbarschaft.

3 Kommentare
  1. jott sei dank

  2. Es gibt in der Nähe des Kutschi, Scharnweber Str. 159, aber doch etwas Besonderes. Nämlich das SUZ, Schulumweltzentrum, Gartenarbeitsschule Wedding. Auf diesem Gelände mit seinen vielen Beeten und Bäumen findet man die einzige Sanddüne innerhalb Berlins, die u.a. vom NABU bearbeitet und geschützt wird. Von der Düne aus hat man einen (schrecklichen) Ausblick auf unter anderem das „Bauhaus“ am Kutschi und man kann neben der Bodenbearbeitung auch interessante Flugzeuge sehen. Diese Mischung ist wirklich typisch für den nördlichen Wedding.

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