Ein gutes Alter für eine gute Geschichte

Brauseboys essen Döner. Foto: Brauseboys.
Brauseboys essen Döner. Foto: Brauseboys.

Jemanden auf einer Weddinger Straße anzusprechen birgt Risiken. Kann aber auch ganz überraschend ausgehen. Lesebühnenautor Robert Rescue probiert es einfach mal aus.

„Hey, du Arsch!“

Der Mann vor mir ging ins Fitnesscenter. Nicht einmal im Monat, nicht einmal die Woche, nein, täglich. Er drehte sich um und seine Miene war eindeutig. Mein Ruf war bewusst gewählt, denn sonst bekam ich seine Aufmerksamkeit nicht. Ein bloßes „Hey“ oder „Hey, du“ hätte als Eröffnung für mein Spiel nicht gereicht. Es hätte ihn nicht gereizt. Er wäre kopfschüttelnd weitergegangen oder hätte sich kurz angehört, was ich zu sagen habe, um dann seinen Weg fortzusetzen. Der Mann war ungefähr in meinem Alter, etwa 40 bis 45 Jahre alt. Ein gutes Alter für eine gute Geschichte. Ich musste jetzt die Nerven behalten, sonst bekäme ich in Kürze die Dresche meines Lebens. Ich breitete die Arme aus und lächelte, ein Lächeln des Wiedersehens und der Deeskalation.

„Erinnerst du dich an mich? Ich bin es, Robert.“

Sein Gesicht zeigte jetzt Verwirrung. Ich war auf einem guten Weg. Aber erst musste er seinen, zu erwartenden Zug machen. „Nein, ich kenne dich nicht, Typ. Hast du irgendein Problem?“

„Hey, hey, warte“, rief ich aus. „Ich meine, ich sehe diese imposante Gestalt vor mir, diesen wohlproportionierten Muskelberg, die Glatze mit der markanten Beule und denke mir, meine Güte, das muss doch, das muss doch Ralf sein.“

Berlin-Wedding, Streetart, Kunst im öffentlichen Raum
Foto: Sulamith Sallmann, 2010

Mein Gegenüber trat einen Schritt auf mich zu. Er musterte mich und überlegte, wie er mit der Situation umgehen sollte. Dann sagte er: „Ich heiße Rayk.“

„Ja, natürlich, Rayk!“, rief ich aus. „Ich wusste doch, es war was mit R und A am Anfang. Rayk, das hätte ich wissen müssen. Niemand hatte damals einen so ungewöhnlichen Vornamen wie du. Wie kam ich bloß auf so etwas Gewöhnliches wie Ralf?“

Er schlug nicht zu. Der erste Schritt war gemacht, ich wusste seinen Namen und lag mit meiner Vermutung fast richtig, was seine Aggression zu dämpfen schien.

„Was willst du von mir?“

„Ähm, nichts, also nichts direkt. Ich habe dich gesehen und wiedererkannt und wollte dich grüßen. Wir haben uns so lange nicht gesehen und ich war so überrascht nach all den Jahren, deshalb war ich in meiner Wortwahl unpassend. Ich musste auch gleich an unsere Kindheit denken, als wir gemeinsam die Grundschule, die, ähm … ach verdammt …“

„Eduard-Mörike-Schule?“, ergänzte mein Gegenüber.

„Ja, genau. Eduard-Mörike-Schule. Meine Güte, ich hatte den Namen total vergessen. Das ist doch bestimmt dreißig Jahre oder länger her.“

„Fünfunddreißig, um genau zu sein“, sagte Rayk. „Aber ich kann mich trotzdem nicht an dich erinnern.“

Es lief alles nach Plan. Selbstverständlich konnte er sich nicht an mich erinnern. Aber es gab jemanden in seiner Nähe und ich musste herausfinden, wer das gewesen sein könnte.

„Aber doch bestimmt an Hassan?“ Wir standen mitten auf der Müllerstraße im Wedding. Jeder zweite Türke hieß Hassan. Es gab also eine gute Chance, dass ich zufällig richtig lag.

„Ja, an einen Hassan erinnere ich mich“, sagte Rayk langsam.

„Und mit ihm warst du oft am Leopoldplatz, nicht wahr?“, fachte ich seine Erinnerung an. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich ihn so weit hatte, dass er mich zu kennen glaubte. Dann hatte ich sein Vertrauen erlangt und konnte endlich mein Anliegen vorbringen.

„Das ist richtig“, gab Rayk zu und wiederholte: „Aber ich kann mich trotzdem nicht an dich erinnern.“

1978 muss es gewesen sein, bei Karstadt

„Das ist auch schwierig“, gab ich zu. „Denn wir haben uns nur ein einziges Mal getroffen. Das war im Karstadt gewesen.“ Damit konnte ich nicht falsch liegen. Der Karstadt am Leopoldplatz hatte 1978 eröffnet, also musste Rayk sich vor 35 Jahren in seiner Freizeit dort herumgetrieben haben. Die Geschichte wurde immer besser. Ich war richtig gut drauf heute. „Du warst damals mit Hassan und ein paar anderen unterwegs. Ihr habt was geklaut und einer der Verkäufer hat es bemerkt. Ihr seid durch die Abteilung gelaufen und auf mich zugekommen. Du hast das Zeug, ich weiß nicht mehr, was es war, auf den Boden geworfen und mit einem Fußtritt zu mir befördert. Der Verkäufer hat euch gestellt, aber konnte nichts finden. Ich habe die Ware unauffällig nach draußen gebracht. Eine Weile später habe ich euch auf dem Leopoldplatz bemerkt und bin zu dir hin und habe dir die Sache gegeben. Du warst damals schon muskulös und hattest die Beule auf dem Kopf. Ich war der Nachbar von Hassan und der hatte mir viel von dir erzählt. Ich hatte Angst vor dir, deshalb habe ich, bis auf den einen Tag, nie die Nähe zu dir gesucht.“

Rayk nickte zustimmend. „Daran kann ich mich erinnern. Wir haben eine Menge Sachen aus dem Karstadt geklaut, aber die Aktion war was Besonderes gewesen. Du bist damals gleich abgehauen und ich habe Hassan gefragt, wer du bist. Aber irgendwie habe ich dich wieder vergessen. Hassan ist ja dann auch weggezogen nach Moabit.“

Ich wurde aufmerksam. Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise verhielt sich mein Gegenüber passiv, bestätigte meine erfundenen Erzählungen und brachte aber selbst keine Details ein. „Ja, stimmt“, rief ich mit überraschter Stimme, um keine Pause entstehen zu lassen. „Oh Mann, das hatte ich ganz vergessen.“

„Er ist jetzt Lehrer an einer berufsbildenden Schule in Wilmersdorf. Wir treffen uns zweimal im Jahr. Ich kann ihn das nächste Mal von dir grüßen, Ronald.“

„Robert“, korrigierte ich. „Ja, mach das mal. Vielleicht sehe ich ihn mal wieder.“

„Okay, ich muss weiter, Robert. War schön, dich mal wieder getroffen zu haben“, sagte Rayk und hielt die Hand hin.

„Eine Sache hätte ich da noch. Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, aber weil ich dich jetzt wiedergetroffen habe … Kannst du mir vielleicht einen Zehner borgen?“

„Borgen?“, fragte Rayk zurück. „Ich bin mir nicht sicher, wann wir uns wiedersehen werden. Womöglich gar nicht mehr.“

„Dann schenk mir den Zehner doch einfach“, platzte ich heraus. „Der alten Zeiten wegen. Ehrlich gesagt, ich bin gerade etwas knapp bei Kasse und kann jeden Euro gebrauchen.“

Rayk nickte und zückte seine Brieftasche. Ich steckte den Schein in die Hosentasche.

„Übrigens“, begann Rayk und klopfte mir auf die Schulter. „Ich heiße gar nicht Rayk, sondern Thomas. Und ich komme nicht aus dem Wedding, sondern aus Eberswalde. Ich besuche gerade meine Tochter, die an der Beuth-Hochschule studiert. War eine schöne Geschichte, die du mir da erzählt hast.“

(c) Robert Rescue

Ich klappte den Mund auf, bevor ich einige Sekunden später anerkennend nickte. Das hatte noch keiner mit mir gemacht. Rayk bzw. Thomas ging seiner Wege und ich sah ihm lange hinterher. Dann schaute ich mich um. Auf der anderen Straßenseite sah ich einen Türken. Er war auch im Fitnessstudio gewesen, aber das war eine Weile her. Er war etwa 40 bis 45 Jahre alt. Ein gutes Alter für eine gute Geschichte. Gut möglich, dass es sich um Hassan handelte. Ich könnte ihm von Rayk erzählen und den wilden Jahren in der Kindheit rund um den Leopoldplatz. Es war gut möglich, dass es sich um einen sentimentalen Menschen handelte, der sich gerne an etwas erinnern ließ und dafür einen Zehner spendierte.

Es war interessant, das herauszufinden.

Autor: Robert Rescue

Erschienen in „Zum Glück habe ich wenigstens Pech“, Kurzgeschichtensammlung, Periplaneta Verlag Berlin, ISBN:: 978-3959960007.

Als Teil der Weddinger Lesebühne Brauseboys ist Robert Rescue regelmäßig im La Luz und an anderen Orten im Wedding zu erleben, jeden Donnerstag ab 20.30 Uhr.

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