Trinkverbot am Leo, oder: Wem gehört die Stadt?

Leopoldplatz
Trinkerbereich auf dem Leopoldplatz

Erst vor wenigen Jahren wurde die offene Trinkerszene am Leopoldplatz aus dem sichtbaren vorderen Bereich in den eher schmuddeligen hinteren Bereich verlegt. Dort mit eigenem Toilettenraum sowie eigenen Putzplänen versehen, wurden die dorthin Bugsierten zusätzlich und nur, um ganz sicher zu sein, durch eine massive Steinwand unsichtbar gemacht. Keine störenden Erscheinungen auf dem Bio-Markt mehr. Und auch die Eltern auf dem Spielplatz werden nicht allzu sehr von unerwünschten Anblicken gepeinigt. Alle schienen zufrieden. Doch nach vieldeutigen Aussagen des Bezirksbürgermeisters sowie der prompten Reaktion der Opposition ist plötzlich wieder Tumult angesagt. Ein Schreckgespenst namens Alkoholverbot macht die Runde.

Die sogenannte Trinkerszene ist längst nicht mehr so homogen, wie sie gern dargestellt wird. Das macht sich auch in deren Verteilung auf und rund um den Leopoldplatz bemerkbar. Der Leo könnte wieder abkippen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Besonders, seitdem der Trinkerraum unter teils fragwürdigen Begleitumständen geschlossen wurde.

Alkohol JobcenterAls vorläufiger Höhepunkt, oder eher Tiefpunkt, lugt die wahrscheinlich älteste aller reaktionären Maßnahmen wieder aus dem Giftschrank hervor. Von einem Alkoholverbot am Leopoldplatz ist die Rede. Übrigens: Na gut, könnte man meinen, die hiesigen Wochenmärkte schenken auf dem Leo ohnehin keinen Alkohol aus, gleiches gilt für das Café Leo – und einen echten Weihnachtsmarkt mit Glühwein, Grog und Whiskey-Mate wird es so schnell auf dem Leo ja auch nicht geben. Wen kümmert’s also?

Auslöser ist ausgerechnet eine Aussage des grünen Bezirksbürgermeisters Stephan von Dassel, welche sich die CDU zum Anlass nahm, gleich mal vorzupreschen. Man könnte auch sagen: klassisch ausgekontert. Aber Moment mal! Ein Platzverbot bei Verstoß gegen das Alkoholverbot – kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Genau, das wurde doch in Mitte ebenfalls schon praktiziert. Ob es den Alexanderplatz allerdings entscheidend befriedet hat, darf derweil bezweifelt werden. Machen wir uns nichts vor: Was in Alt-Mitte nicht funktioniert, das wird auch im Wedding nicht funktionieren. Ein Ortsteil, der es nicht einmal schafft, Hundebesitzer ein den Rehbergen nach Kackbeuteln zu fragen, der wird auch nicht in der Lage sein, den Leo zu kontrollieren. Im Übrigen hat das vor etlichen Jahren bereits ausgesprochene Alkoholverbot am Leopoldplatz ebenfalls nichts gebracht. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch.

Alkohol Leopoldplatz Platzverbot heißt nichts anderes als „Was ich nicht sehe, das gibt es auch nicht!“ Das Problem ist: Wohin soll die Szene gehen? Der Vorplatz des Jobcenters gehört bereits einer anderen Gruppierung. Und mit dieser ist man sich nach allem Hörensagen so gar nicht grün. Und die Szene, die sich insbesondere an den U-Bahn-Ausgängen tummelt, ist noch einmal völlig anders gelagert. Was in dieser Diskussion nämlich oft vergessen wird: Auch Alkoholabhängige sind Menschen, leben in losen Zusammenhängen – und mögen nun mal nicht jeden. Platzverweise auf dem Leopolodplatz, an den U-Bahn-Eingängen oder angrenzenden Bereichen müssen also zwangsläufig zu Konfrontationen zwischen den einzelnen Szenen führen. Damit wäre das Ansinnen, einen sicheren öffentlichen Raum zu schaffen übrigens auch, um es mal mit den Worten der Achtziger zu sagen: futschikato.

So, und was sagen die Weddingerinnen und Weddinger? Nichts genaues weiß man nicht, denn im Wedding regiert nicht die Ratio, hier herrscht allein das Gefühl. „Ich fühle, hier wird aufgewertet!“ – „Ich fühle, hier geht es bergab!“ Zwei Aussagen, die sich im postfaktischen Zeitalter übrigens überhaupt nicht gegenseitig ausschließen. Das zeigt auch die anhängige Diskussion auf unserer Pinnwand.

Die einen lästern über die angeblich zugezogenen Hipster, denen der Wedding noch immer nicht geleckt genug ist. Die anderen schweigen oder verweisen vergeblich auf das Recht eines jeden Menschen auf Würde und Beteiligung. Bei all den Zwischentönen stellt sich stets die wiederkehrende Frage: Wem gehört die Stadt eigentlich? Den Eingeborenen? Den Zugezogenen? Nein, die Stadt gehört allen! Dem Junkie gehört Berlin, dem Alki gehört Berlin, auch dem Zugezogenen gehört Berlin. Anstatt Platz- und Alkoholverbote bzw. Abstammungsbäume zu diskutieren, sollte man sich also besser darum kümmern, auch denjenigen ein Zuhause zu geben, die man hinter einer Steinwand unsichtbar machen oder schlimmer noch: in einen anderen Bezirk abschieben möchte.

6 comments

  1. Petra Wille

    Hallo Tobias, wo weit ich weiß, war es ein Wunsch der Trinker, einen etwas weniger sichtbaren Aufenthaltsbereich zu bekommen und nicht mehr vorn „auf dem Präsentierteller“ zu sitzen. Die Umgestaltung des Leopoldplatzes war ja ein gemeinsames Projekt und die Trinkerszene wurde mit ihren Wünschen berücksichtigt (wie auch andere Gruppen auf dem Leo).

  2. Klara Bell

    Ich finde auch, dass Trinker, Obdachlose und alle anderen Menschen ein Recht haben, in dieser Stadt zu leben. Das Problem ist nur, dass diese Armut, das unangenehme Benehmen, das ganze Elend nur sehr schwer auszuhalten ist. Man sollte hier noch viel mehr Sozialarbeit betreiben und den Leuten aber auch mal ihre Grenzen aufzeigen. Ich denke das ist auch das, was die meisten Alkoholiker und andere Drogenabhängige brauchen: sichere Lebensumstände und klare Regeln ……… wo auch immer in Berlin.

  3. Moritz Berger

    Und Danke lieber Tobias Weber,

    dass das postfaktische Zeitalter jetzt auch im Wedding Einzug gehalten hat 🙂

    Und vielleicht solltest Du einmal hier schreiben, warum und weswegen der Trinkerraum geschlossen wurde :“Besonders, seitdem der Trinkerraum unter teils fragwürdigen Begleitumständen geschlossen wurde“ und statt der „post truth“ doch einmal die“ ante truth “ wieder einführen und etwas besser recherchieren?

    Aber vielleicht ziehen die social bots auch in den Weddingweiser ein 🙂

    https://www.basicthinking.de/blog/2016/10/17/social-bots/

  4. Moritz Berger

    „Anstatt Platz- und Alkoholverbote bzw. Abstammungsbäume zu diskutieren, sollte man sich also besser darum kümmern, auch denjenigen ein Zuhause zu geben, die man hinter einer Steinwand unsichtbar machen oder schlimmer noch: in einen anderen Bezirk abschieben möchte.“

    Wer ist “ man “ lieber Tobias Weber??

    Man scheint bei der gesamten Sanierung wohl gedacht haben, wenn alles “ sauber “ ist 🙂 dann gibt es auch kein Alkoholproblem mehr und die Sozialarbeiter würden arbeitslos 🙂

    Vielleicht sollte die Stadtplanung beim nächsten Mal gleich das Budget für die Sozialarbeiter mit berücksichtigen, statt Millionen für eine Sanierung ausgeben, der Verfall sich z.B. bei den tollen Sitzbänken zeigt!!

    Ein Blick über den Stadtplanungstellerrand hätte hier sicherlich geholfen

  5. Eva Müller-Boehm

    Lieber Tobias Weber, danke für diesen Bericht. Gut zu wissen, dass die Trinkerszene auch aus unterschiedlichen Milieus zusammengesetzt ist, das macht die sache ja nicht einfacher. Aber was soll ih damit anfangen: „.. auch denen ein Zuhause zu geben …“ Weiß denn wirklich jemand wie das geht? Und müssen nicht auch hier unterschiedliche Angebote entwickelt werden. Wer tut es und vor allem wie sollte das aussehen?

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: