Der Anna-Lindh-Schule stinkt’s

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Geschlossenen Toiletten – kein Einzelfall an der Anna-Lindh-Schule

Wenn man die Augen schließt und nur auf die Gerüche, die einem durch die Nase ziehen achtet, dann könnte man meinen, man stünde auf einem Bauernhof. Öffnet man die Augen, staunt man aber nicht schlecht. Man steht auf keinem Bauernhof, sondern mitten in einer Grundschule mitten im Wedding. Auch, wenn die Klassen in diesem Gebäudeabschnitt nach kleinen wie großen Tieren benannt sind, der Geruch stammt aus keinem Stall, sondern viel schlimmer, er entfleucht den Toilettenrohren und zieht ungehindert über die Flure. Man könnte auch sagen: In der Anna-Lindh-Schule stinkt’s und zwar teilweise gewaltig.

Die Anna-Lindh-Schule auf der Guineastraße im Afrikanischen Viertel ist mit zirka 790 Kindern und 32 Klassen die größte Grundschule im gesamten Bezirk Mitte. Der 2,1 Hektar große Schulpark wie auch die Hochbegabtenförderung sind mittlerweile bis weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Leider ist die Schule nicht nur die größte, sondern auch eine von vier Schulen der Stadt mit dem höchsten Sanierungsbedarf.

Eimer fangen im Klassenraum das Wasser von der Decke auf
Eimer fangen mitten in einem Klassenraum das Wasser von der Decke auf

Während sich viele Weddinger zum Thema Aufwertung die Köpfe heiß diskutieren, können die Eltern der Grundschüler hier nur mit den Achseln zucken. Dem denkmalgeschützten Schulgebäude von 1955 täte ein wenig Aufwertung ganz gut. Es tropft durch die Decke, manche Fenster halten nur das Nötigste draußen und auf den Fluren riecht es teilweise wie auf dem erwähnten Bauernhof.

Besonders die sanitäre Situation ist seit mehreren Jahren desolat. „Meine Tochter trinkt inzwischen morgens und tagsüber nichts mehr, damit sie nicht die Toiletten in der Schule benutzen muss.“ berichtet die Mutter einer Fünftklässlerin. „Ich puller immer nur ganz wenig in die Hose, das sieht keiner. Dann muss ich nicht auf die eklige Toilette gehen“, pflichtet ihr ein Erstklässler bei.

Grund für die unzumutbare Situation ist nach Ansicht der Eltern nicht allein die mangelnde Pflege, sondern die überfällige Sanierung der nach einem halben Jahrhundert intensiver Nutzung schlicht abgewirtschafteten Sanitäranlagen. Hinzu kommen Alterungsschäden. Zudem sickert Wasser durch die maroden Bauteile, sodass der Siphon seine Funktion als Geruchsverschluss nicht mehr erfüllen kann. Die Folge: Übel riechende Gase aus der Kanalisation können ungehindert in die Flure und Klassenräume dringen. „Jeden Morgen beim Bringen meines Sohnes stinken schon die Flure“, bestätigt ein Vater die Situation.

Frau Erler und Frau Liebscher von der "AG WC" an der Anna-Lindh-Schule
Frau Erler und Frau Liebscher von der so genannten „AG WC“

Aus diesem Grund unterstützt eine Elterninitiative die Schulleitung in ihrem Bemühen, die Situation der Toilettenanlagen endlich entscheidend zu verbessern. „Die Kinder haben uns beauftragt!“, sagt Frau Liebscher, Mitglied der sogenannten „Arbeitsgruppe WC“. Seit Jahren schon kämpft diese Elterninitiative für die Modernisierung des teilweise maroden und völlig überbelegten Schulbaus – bisher nur teilweise mit nennenswertem Erfolg. Immerhin wird derzeit einer von zehn maroden Toilettensträngen modernisiert. Finanziert wurde diese Maßnahme mit zirka einer Million Euro aus ungenutzten BAFöG-Mitteln, die von der BVV kurzfristig für die Schultoilettensanierung freigegeben wurden.

Ob und wann die restlichen neun Toilettenstränge saniert werden können, das weiß niemand. Immerhin wurde die Anna-Lindh-Schule nach Beschluss der BVV endlich in die Investitionsplanung 2016/2017 der Stadt Berlin aufgenommen. Doch ob das genug sein wird? Nicht nur das Schulgebäude selbst, sondern auch der im Jahr 2008 eingerichtete Hort mit Kantine bedarf ebenfalls einer dringenden Erweiterung wie Renovierung. Derzeit werden hier am Nachmittag anstatt der vorgesehenen 140 Kinder mehr als 380 Kinder betreut. Diesen 380 Kindern steht insgesamt nur eine Essensausgabe zur Verfügung – und gerade einmal vier Toiletten (zwei pro Geschlecht).

Marode Toilettenstränge und ein überbelegter Hort sind das eine, renovierungsbedürftige Decken, durch die es in die Klassenräume hineinregnet oder desolate Wände in den Fluren das andere. Viele der in den Klassenräumen nötigen Renovierungsarbeiten werden von Eltern schon selbst übernommen. Doch alles können sie ohne die Hilfe von außen natürlich nicht bewältigen.

Bleibt die Hoffnung, dass die nun begonnenen Renovierungsarbeiten in den folgenden zwei Jahren beständig weitergehen können. Angesichts des maroden Zustands des Gebäudes bleibt jedoch der Eindruck, dass noch viele weitere Jahre der Sanierung nötig sein werden. Zeit genug für Bezirksbürgermeister Hanke, sich selbst ein Bild von den Zuständen zu machen. Bis zum heutigen Tag hat er trotz Einladungen nämlich keinen Fuß in die Schule gesetzt. Er wird wohl wissen, warum. Aber wie heißt es so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein.


Text und Bilder: Tobias Weber

2 comments

  1. Pingback: Die Anna-Lindh-Schule: Gemeinsam kämpfen, gemeinsam feiern | Weddingweiser
  2. Pilar

    Das liest sich wirklich alarmierend… Mir tun die Kids leid! Könnte man nicht während die Toiletten richtig saniert werden Ökotoiletten einrichten?
    Ich kann nicht glauben, dass ein Kind in unserer Gesellschaft kein Wasser trinkt, weil es in der Schule keine hygienischen WCs gibt. Unfassbar!

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: