Die Geschichte der Straßenbahn im Wedding

Foto: Hensel

„Als Kind fuhr ich am liebsten mit der Linie 3“, erzählte mir vor ein paar Jahren ein älterer Kollege, der in der Nähe der Osloer Straße aufgewachsen ist. Damals war gerade die Tramtrasse in der Mitte der Osloer- und der Seestraße als „Linie 23“ wiedereröffnet worden. Die historische Ringlinie 3 besaß durch die Teilung der BVG schon seit 1951 einen West- und einen Ostast. Beide Äste begannen bzw. endeten an der Osloer Straße / Grüntaler Straße. Ab dem Mauerbau 1961 war für die Ost-Linie 3 schon vor der Bösebrücke Schluss, wo 1962 an der Björnsonstraße eine Wendeschleife eingerichtet wurde. Letztendlich „überlebte“ die Linie 3 aber nur im Ostteil der Stadt: im Westen wurde die Strecke auf der Osloer- und der Seestraße nämlich am 1. August 1964 stillgelegt, das Linienende am Fehrbelliner Platz war nur noch mit Bus und U-Bahn erreichbar. Das ist nun über fünfzig Jahre her – doch die Geschichte dieser Strecke nahm noch einen interessanten Verlauf.

Noch heute ist Berlin in Sachen Tram quasi zweigeteilt: im Westteil wurde ab 1954 beginnend mit den Ku’dammlinien die Straßenbahn eingestellt und bis 1967 überall durch U-Bahnen und Busse ersetzt. Wie in anderen europäische Metropolen, in denen die Straßenbahnen ebenfalls abgeschafft wurde, wollte man in Westberlin „modern“ sein. Die Straßenbahn wurde als veraltetes Verkehrsmittel angesehen. Der stark wachsende Autoverkehr sei durch die Straßenbahnen behindert, argumentierte man. Die unabhängigen Gleistrassen in der Straßenmitte wurden in weitere Fahrspuren umgewandelt.

U-Bahn und Bus statt Tram

Straßenbahn auf der SeestraßeAm 3. Mai 1956 wurde ausgerechnet im Wedding die erste U-Bahn-Neubaustrecke nach 26 Jahren von Seestraße bis Kurt-Schumacher-Platz eröffnet. Als dann auch noch die Erweiterung vom Kurt-Schumacher-Platz bis Tegel am 1. Juni 1958 in Betrieb ging, wurde der Straßenbahnbetriebshof Müllerstraße geschlossen. Neue Autobuslinien übernahmen teilweise die Aufgaben der Straßenbahnlinien 28, 29, 41 und 68, während die Linie 25 eine neue Linienführung zur Bernauer Straße erhielt. Aus dem alten Straßenbahndepot Müllerstraße wurde am 1. Juni 1960 ein Betriebshof für Busse. Am 1. August 1964 war dann auch auf der See- und auf der Osloer Straße Schluss mit dem Tramverkehr – die traditionsreiche Linie 3 war in Westberlin Geschichte.

Rückkehr der „Elektrischen“

Straßenbahn Tram WeddingDas 150 Jahre alte Verkehrsmittel Straßenbahn (1865 fuhr die erste Pferdebahn in Berlin) ist längst wieder in den Wedding zurückgekehrt – in den ersten Bezirk des alten Westberlin, wo es 28 Jahre keine Straßenbahnlinie gegeben hatte. 1995 wurde die Neubaustrecke zwischen Bornholmer Straße/Björnsonstraße (wo die Ost-Linie 3 endete) und Louise-Schroeder-Platz in Betrieb genommen. Die Verlängerung zum Virchow-Klinikum folgte dann zwei Jahre später. 2006 wurde die Linie M10 von ihrer vorherigen Endhaltestelle Eberswalder Straße durch die Bernauer Straße in Gesundbrunnen weiter zum Nordbahnhof in Mitte verlängert. Auch diese Erweiterung der Straßenbahn in den Westteil Berlins liegt auf dem Gebiet des ehemaligen Bezirks Wedding. Im Dezember 2014 ist mit der Streckenerweiterung bis zum Hauptbahnhof und mit der Wendeschleife über Alt-Moabit und Lüneburger Straße ein kleines Stück im Westteil hinzugekommen.

Heute ist die Straßenbahn aus dem Wedding nicht mehr wegzudenken. Zwar passieren auf der modernen und mit hoher Geschwindigkeit befahrenen Strecke an der Osloer und der Seestraße relativ viele, manchmal sogar tödliche Unfälle, meist mit unaufmerksamen Fußgängern. Die enorme Beförderungsleistung dieses – lange Zeit ungeliebten – Verkehrsmittels ist jedoch unbestritten. Im Berufsverkehr fahren die gelb-weißen Züge der Linien M 13 und 50 auch an den endlosen Staus der Autobahnzubringerstrecken vorbei – dem eigenen Gleiskörper in der Straßenmitte sei Dank. Und wie bis 1951 kann man mit der Straßenbahn von West nach Ost fahren – und zurück…

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