„Oleanna“ und die Macht der Worte in der „Alten Kantine“

SAMSUNG CAMERA PICTURES
„Oleanna“, Alte Kantine Wedding. Foto: Katja Hantsche

Klein und verschüchtert sitzt Studentin Carol (Friederike Drews) auf ihrem Platz am Schreibtisch des Professors John (Thomas Giegerich). Sie hat Angst, die Prüfung nicht zu bestehen und möchte ihn um Hilfe bitten. Carol setzt an, von ihren Sorgen zu berichten, John illustriert gefällig die seinen, geht auf und ab, setzt sich auf den Schreibtisch, spricht ins Publikum. Er ist selbstsicher, das hat er gelernt – als Kind für dumm gehalten, hat er es doch geschafft und lehrt nun andere. Dennoch entweicht ihm Kritik an der Schikane, die das System, der Lehrbetrieb in seinen Augen ist. Eine Machtheischerei, in der er jedoch ein gemachter Mann geworden ist. Die Professur auf Lebenszeit steht bevor, parallel wird ein gemäßes Haus für die Familie gebaut, er ist ein gemachter Mann.

Es findet ein Dialog statt, der keiner sein wird. Zwei sich ständig unterbrechende Monologe aus zwei Welten, die sich schon auf verbaler Ebene nicht treffen, aneinander vorbeigehen. Gestört wird das Wortgemetzel durch ständige Anrufe von Johns Frau, es geht um den Hausbau. Carol möchte ihre Nöte darlegen, ist aufgebracht, bricht in Tränen aus. Er beruhigt sie, legt ihr beschwichtigend die Hände auf die Schulter. Akt I endet, als John telefonisch zu einer Party geladen wird, er bricht unversehens auf, Carol ihren Satz ab.

„Oleanna“, das der amerikanische Autor David Mamet 1992 in Anlehnung an einen pressebekannten Fall um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz schrieb, greift in seinem Lauf Feminismus, Gleichheit, akzeptierte Konventionen, elitäre Strukturen, Gewalt und sexuelle Belästigung auf.

Carol will das Aufsehen

In Akt II erfährt der Zuschauer in einem weiteren gescheiterten Versuch des Dialogs und Verstehens, dass Carol John der sexuellen Belästigung bezichtigt hat, sie verweist auf das Machtspiel, dass durch seine Hände auf ihren Schultern stattfand. Er beteuert, er habe keine Absichten gehabt, ihr geht es um die erfolgte Sache an sich. Die Situation eskaliert schließlich, John hält Carol gewaltsam vom Verlassen seines Büros ab.

Thomas_Wenzel_Oleanna
Friederike Drews (Carol). Regisseur Hans Hirschmüller und Thomas Giegerich (John). Foto: Thomas Wenzel

An einem weiteren Tag, Akt III, gibt Giegerich seiner Figur John den Anblick einiger aufreibender Nächte: rotes Gesicht, zerzauste Haare, er sitzt schlaff in seinem Stuhl. Carol steht aufrecht, gestikuliert, geht auf und ab, predigt. Es geht um das elitäre System, das Patriarchat der Universität und der Gesellschaft, das Ungleichgewicht von Mann und Frau und das konventionelle, sexistische Wort („Sie sehen heute hinreißend aus“, sprach der Professor zu einer Studentin). Die Phrase, die dahinplätschert und doch anzüglich ist, die Frau in eine Ecke drängt. Die jedoch so standardisiert ist, dass es wenig Aufsehen gibt. Carol will das Aufsehen, aktiv. Sie will ein Exempel statuieren, geht auf dem Rechtsweg und verbal bis zum Äußersten. Der Wortanteil hat sich gewandelt, sie verweist den Professor radikal auf seinen Platz. Bis ihm der Kragen platzt, er sie zusammenschlägt und das Wort „Fotze“ laut in den Raum dringt, gefolgt von weiteren wüsten Beschimpfungen. Doch Carol steht wieder auf. Ihre Worte „Einer muss immer leiden, bisweilen leiden wir alle“ schließen das Stück.

Richten kann nur, wer zuhört

Gefühlte Tat versus gewollte Tat – sie ist der Tropfen, der Carols Fass, gefüllt mit Ungerechtigkeit, schiefer Machtlage, einem harten Kampf um Bildung und sozialen Aufstieg, zum Überlaufen bringt und sie zur Kämpfernatur erwachsen lässt – stolz dargestellt von Friederike Drews. Regisseur Hans Hirschmüller hat die Proben meistenteils am Tisch stattfinden lassen, die Choreographie sollte sich von selbst ergeben. Dies gelang. Ganz natürlich wächst die Körperhaltung mit dem Wortanteil.

Hinzu kommt der zerhackte Dialog, der dem hilflosen Zuschauer den Puls in die Höhe treibt. Fehlendes Verständnis und mangelndes Zuhören, bekannte Thematiken, die jedoch nie vergehen können, wenn die Gesellschaft nicht zuhört.

Der Zuschauer hört. „Richten kann nur, wer zuhört“ heißt es im Trailer von „Oleanna“.

Doch fällt das Richten schwer, Carol erntet mit ihren im Kern wahren Ansagen Lacher im Publikum. Ihre Beweggründe, ihr Anliegen, ihr Räsonieren, so wahr und relevant sie sind, basieren doch auf einer Geste, der „Tat“, die für den Zuschauer nicht der logische Auslöser für ihren Kampf sein kann. Ihre Worte gleiten dadurch ins Absurde. Die Berechtigung für ihr eigenes Tun, die es in der Realität gibt, fehlt.

Das ist die Schwäche von Mamets Werk, die der Diskussion in den zwei Pausen jedoch keinen Abbruch tut. Im Publikum werden Erfahrungen und Meinungen ausgetauscht.

Polarisierenden Zündstoff zum wahren Gespräch, und das ist wichtig, gab es damit auch während der ausgebuchten Premiere und der Feier danach.

Zu sehen ist „Oleanna“ am 4. und 5. Februar um 19:30 Uhr in der Alten Kantine in den Weddinger Uferhallen, Uferstraße 8-11. Die Worte der Macher hier im Weddingweiser.

Simone Lindow

2 comments

  1. Pingback: Ein Exempel statuieren: „Oleanna“ und die Macht der Worte | LaSimona's Weblog
  2. Pingback: THEATER: OLEANNA – DAS STÜCK mit Thomas Giegerich | underplay

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: