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Warum ist die Triftstraße so breit?

9. September 2012

Einst eine wichtige Verkehrsader im Sprengelkiez – heute wieder für den Fahrradverkehr von Bedeutung

Das Leit­bild der »ver­kehrs­ge­rech­ten Stadt« in den 1950er und 60er Jah­ren und die Tei­lung Ber­lins degra­dier­ten die einst­mals stol­ze Trift­stra­ße zur Nebenstraße.

Ursprüng­lich hat­te alles sehr beschei­den begon­nen. Der Begriff »Trift« beschreibt die eins­ti­ge Funk­ti­on der Stra­ße: näm­lich die eines Feld­we­ges, über den das Vieh von der Wei­de in den Stall getrie­ben wur­de. Immer­hin war die­ser Weg 1820 bereits befes­tigt und als sol­cher in den Stadt­plä­nen ver­zeich­net. Eine groß­städ­ti­sche Bebau­ung ließ aller­dings noch eini­ge Jahr­zehn­te auf sich war­ten. Auf dem Gelän­de des spä­te­ren Virch­ow-Kran­ken­hau­ses sorg­te damals eine Abde­cke­rei, in der unter staat­li­cher Kon­trol­le Tier­ka­da­ver besei­tigt wur­den, mit ihren Talg­schmel­zen, Kno­chen­müh­len, Sei­fen­sie­dern und Ger­be­rei­en für erheb­li­chen Gestank. Nach deren Umzug in die Mül­lerstra­ße 81 (am jet­zi­gen U‑Bahnhof Afri­ka­ni­sche Stra­ße) wur­de zwi­schen 1899 und 1906 das damals moderns­te Kran­ken­haus Euro­pas auf­ge­baut, damit begann auch der Auf­bau des Spren­gel­kiezes. Die ca. 35 Meter brei­te Trift­stra­ße bil­de­te über die Gericht- und Acker­stra­ße die Ver­bin­dung des Virch­ow-Kran­ken­hau­ses mit dem Ber­li­ner Zen­trum. Im Jahr 1925 rat­ter­te hier alle 7 12 Minu­ten die Stra­ßen­bah­nen der Linie 9 zum Wed­ding­platz, wo man in sie­ben wei­te­re Tram­li­ni­en und eine U‑Bahnlinie umstei­gen konn­te. Wei­ter ging es über Vol­ta- und Watt- in die Ber­nau­er Stra­ße und dann (ent­spre­chend des Ver­laufs der heu­ti­gen M10) zur War­schau­er Brü­cke. 1938 führ­ten gar drei Stra­ßen­bahn­li­ni­en über den eins­ti­gen Feld­weg. Da der Woh­nungs­bau im Ers­ten Welt­krieg zum Erlie­gen kam, blie­ben der größ­te Teil der nörd­li­chen Sei­te der Trift­stra­ße und vie­le Flä­chen der heu­ti­gen Beuth-Hoch­schu­le unbe­baut. Hier ent­stan­den in den kri­sen­ge­schüt­tel­ten 1920er Jah­ren Klein­gär­ten zur Selbst­ver­sor­gung mit Lebensmitteln.

Eine Ver­än­de­rung stell­te sich erst Jahr­zehn­te spä­ter im Kal­ten Krieg ein, als sich der Bahn­hof Zoo­lo­gi­scher Gar­ten als das neue Zen­trum für West­ber­lin her­aus­bil­de­te, das neu errich­te­te Han­sa­vier­tel erschlos­sen wer­den soll­te und 1953 durch die teil­wei­se Sper­rung der U‑Bahn im Ost­teil der Stadt deut­lich wur­de, dass West­ber­lin eine eige­ne und unab­hän­gi­ge Ver­kehrs­füh­rung benötigt.

Die Stadt­vä­ter im Rat­haus Schö­ne­berg beschlos­sen, mit gro­ßem Auf­wand eine von Ste­glitz über den Zoo bis zur Oslo­er Stra­ße füh­ren­de U‑Bahnlinie »G«, die spä­te­re U9, sowie die par­al­lel dazu füh­ren­den Stra­ßen­zü­ge anzulegen.

Dabei wur­de die Luxem­bur­ger Stra­ße durch das Gelän­de der Lau­ben­pie­per geführt, die Schul­stra­ße ver­brei­tert, das Zen­trum des Wed­dings vom Wed­ding­platz an den Leo­pold­platz ver­legt und dort spä­ter auch das Waren­haus Kar­stadt errich­tet. So gelang­ten vie­le bedeu­ten­de Stra­ßen­zü­ge des Wed­dings qua­si in den Hin­ter­hof – auch die Trift­stra­ße, die nun ledig­lich die Lade­ram­pe eines Gewer­be­be­trie­bes und das Park­haus der Beuth-Hoch­schu­le erschließt. Aber der auf­merk­sa­me Betrach­ter, der heu­te mit dem Fahr­rad ent­lang des mehr­fach ver­rie­gel­ten Stra­ßen­zu­ges von Trift- über Gericht- und Acker­stra­ße bis zur Muse­ums­in­sel fährt, kann hier inter­es­san­te Details der Ber­li­ner Stadt­ge­schich­te entdecken.

Autor: Eber­hard Elfert

Wich­ti­ges Ziel in der Trift­stra­ße 67 (Hin­ter­hof) sind der Brau­kel­ler und der Bier­gar­ten der Haus­braue­rei Eschenbräu

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