Ungewöhnliches aus den Gerichtshöfen Teil 1 – denttabs

Foto: Tilman Vogler
Foto: Tilman Vogler

Unter Künstlerateliers, Werkstätten, Wohnungen und Handwerksbetrieben findet man in den Weddinger Gerichtshöfen so manch wundersame Dinge. Hier wird gewerkelt und gebastelt, gemalt und gelebt. Wir haben uns an diesem historischen Ort mal umgeschaut und berichten über unsere Begegnungen und Erlebnisse.

Vom Gewerbekomplex zum Standort für Kunst

Gerichtshöfe Durchfahrt1860 als Fabrikgelände mit Wagenremisen und Pferdeställen errichtet, wurde das Gelände später erweitert. Es diente dem Eigentümer „Chemische Fabrik J.D. Riedel AG“ vor allem mit dem Keller als Lager für explosive Chemikalien der eigenen Glühstrumpfherstellung. Erst 1912 gründete sich die „Industriestätte Nordhof“ und im Zuge dessen wurden die bis heute erhaltenen vierstöckigen Fabrikhäuser und das Wohnhaus errichtet.

Durch die historische Vergangenheit und der späteren unattraktiven Lage nahe der Berliner Mauer, zog es die ersten Kunstschaffenden erst 1983  wieder in die leerstehenden Gewerberäume. Schnell jedoch wuchs der Standort zu einem dynamischen Kunstquartier. Nun ist es vor allem der 2004 gegründete Verein „Kunst in den Gerichtshöfen e.V.“, der die Nachbarschaft und den Ort mit diversen Veranstaltungen wie zum Beispiel der „Langen Nacht der Gerichtshöfe“ belebt und über die Geschichte des Ortes informiert.

Aber es ist nicht nur die filmreife Geschichte eines verlassenen Industriestandorts, der – typisch Berlin – von Künstler:innen belebt und wieder attraktiv gemacht wurde. Mitten im Weddinger Gewusel bieten die insgesamt sechs Hinterhöfe beinahe Schutz vor dem Trubel auf den Straßen. Der Duft von gebackenen Teigwaren vermischt sich mit frischem Farbgeruch. Lieferant:innen telefonieren wild umher und wissen nicht so recht wohin in dem Labyrinth aus Hinterhöfen und zahlreichen Aufgängen. Fahrradfahrende ärgern sich, dass das Tor zur Wiesenstraße geschlossen und die Abkürzung misslungen ist. Die Gerichtshöfe sind ein belebter Ort der Sinneserweiterung.

Hof 3, Aufgang D – zu Besuch bei denttabs

Geschäftsführer Axel Kaiser zeigt die Verpackungsmaschine für die denttabs

Mittendrin im Labyrinth der Höfe bin ich mit den Menschen verabredet, welche Zahnpasta in Tablettenform herstellen. Für manch einen klingt das vielleicht neu und man fragt sich, wie so ein wasserfreies Zahnputzmittel wohl funktionieren soll. Genau dem ist ein Zahnarzt schon vor 20 Jahren in den Gerichtshöfen auf dem Grund gegangen, wie mir Axel, Gründer von denttabs und früherer Zahntechniker, erzählt. Basierend auf der Doktorarbeit des Arztes sollte eine Zahnpasta-Alternative entstehen.

Zusammen mit einigen anderen Beteiligten und „einer Verkettung von Zufällen und Dickköpfigkeit“ konnte so schon 2003 die erste Tablette, wie wir sie heute sogar im Drogeriemarkt kaufen können, gepresst werden. Der frühere Zahntechniker erzählt mir eine Menge über das richtige Putzen mit den mikrofeinen Zellulose-Fasern, aus denen die Tabs zum Großteil bestehen. Es geht ums Polieren, nicht ums Schrubben.

Nachhaltigkeit bringt Erfolg

Wie bei jeder anderen Tablette – die Herstellung des Zahnputzmittels unterscheidet sich nicht.

Kein Belag, kein Karies. So das Versprechen. Wissenschaftliche Studien gibt es dazu bisher nicht – mit der Zahnpasta-Lobby will es sich wohl keiner verscherzen. Ich finde gut, dass sie frei von Mikroplastik und kaum verpackt sind. Zugegeben, viel Ahnung von Zahnmedizin habe ich nicht. Aber ich bin von den Räumlichkeiten fasziniert! Überall lagern Kisten in der schmalen Halle. Vollgepackt mit Zahnpastatabletten. Hier fertigen sie also die Tablette, welche ich vor allem beim Reisen selbst immer in der Tasche habe. Die Nachfrage sei hoch, sie kommen mit der Produktion kaum hinterher.

Denttabs LogoVom Wedding direkt in die Regale der Geschäfte. Es fing als banale Idee an und wurde ein voller Erfolg. 2003 war das so noch nicht abzusehen. Heute sind die denttabs vor allem aus Gründen der Nachhaltigkeit bekannt: ökologisch, circa 80% weniger verpackt als herkömmliche Zahnpasta und ohne unnötige Zusatzstoffe. Manche Dinge brauchen eben viele Jahre, bis genügend Leute ihre Notwendigkeit erkennen.

Das Labyrinth „Gerichtshöfe“ hat sich mir nach diesem Ausflug ein wenig erschlossen. Und doch frage ich mich, was für besondere Dinge hinter all den anderen Türen wohl Tag für Tag passieren mögen, wenn es im Hof 3, Aufgang D 15 Millionen produzierte Tabletten monatlich sind. Ich werde wiederkommen und dem Ungewöhnlichen begegnen.

 


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