Reinickendorfer Straße: Viel Charakter

Eine glanzlose, nicht ganz geradlinige Straße wie die Reinickendorfer verdient wie so viele Weddinger Straßen einen zweiten Blick. Die einzige Bundesstraße des Wedding (B 96) durchzieht unseren Stadtteil von Nord nach Süd genau an der 2001 recht willkürlich gezogenen Grenze zwischen Wedding und Gesundbrunnen. Doch gerade diese vermeintlich nichtssagende Straße ohne Sehenswürdigkeiten ist typisch für die Weddinger Mischung und erzählt viel vom Charakter unseres dichtbesiedelten Stadtteils.

ExRotaprint: Strahlkraft für Kunst und Gewerbe im Wedding

Das Projekt ExRotaprint steht für eine behutsame Entwicklung des Kiezes an der Reinickendorfer Straße in Berlin-Wedding. Denn die Gesellschafter der gemeinnützigen ExRotaprint-GmbH profitieren nicht von den Einnahmen des Geländes und können bei Verkauf ihrer Gesellschaftsanteile keinen Mehrwert realisieren. Dadurch kann langfristig stabil zu selbst geschaffenen Konditionen gearbeitet werden. Dass sie gerade hier bleiben und alles langfristig gestalten können, darin liegt für die Initiatoren der wirkliche Profit.

Klaus Kirsten – den Namen dieses Architekten dürften nur die wenigsten kennen. Die von ihm gebauten Häuser sind kaum bekannt, sein Lebensweg ist schwer zu rekonstruieren.  Hingegen sind die Erweiterungs- und Ergänzungsbauten der Fabrik „Rotaprint“ in Berlin-Wedding, die er als junger Architekt in den Fünfzigerjahren realisierte, umso bemerkenswerter. „Gerade die Architektur dieser Gebäude hat uns dazu inspiriert, uns hier dauerhaft zu engagieren“, sagt Daniela Brahm, Gesellschafterin der „Ex-Rotaprint“- gGmbH und zusammen mit Les Schliesser und Anna Schuster Mit-Initiatorin von ExRotaprint. Man sieht ihr auch nach zehn Jahren noch die Begeisterung für diesen einzigartigen Gebäudekomplex im Wedding an. Die Künstlerin hat ihr Atelier in einem der beiden Gebäudeteile aus den Fünfzigerjahren. „Der Eckbau an der Gottschedstraße und dieses Gebäude sind wie ungleiche Zwillinge“, findet Daniela Brahm. Das repräsentative Quergebäude hingegen, das durch seine riesige, rechteckige Glasfront beeindruckt, bietet sich für die Einbindung in die Öffentlichkeit geradezu an: „Hier könnten wir uns perspektivisch eine Art Kongresszentrum vorstellen“, sagt Daniela Brahm mit einem Augenzwinkern. Das geht bei diesem Modell nicht kurzfristig – es ist klar, dass die Sanierung der erhaltenen Fabrikgebäude nur langfristig vonstatten gehen kann: „Hier soll etwas Dauerhaftes passieren. Die Leute, die sich hier engagieren, wollen in Berlin etwas aufbauen, was funktioniert.“

Die einzigartige Architektur der früheren Fabrik für Druckoffsetmaschinen, die zwar noch Bauten aus der Vorkriegszeit umfasst, aber keine Fertigungshallen mehr, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Auch Außenstehende vermag diese Architektur für das gesamte Projekt zu begeistern. Das Umfeld, ein sozial schwacher Kiez, erfordert zudem Rücksicht – anders als es Immobilienspekulanten für gewöhnlich tun: „Wir wollen den Standort hier nicht überrollen und ihm etwas Fremdes überstülpen“; erklärt Brahm. „Daher haben wir hier zu je einem Drittel eine Nutzung durch soziale Träger, Gewerbe und Kulturwirtschaft. Fast die gesamten 10 000 Quadratmeter sind vermietet.“ Das Kleingewerbe – immer noch typisch für den Ortsteil – soll so einbezogen und eben nicht verdrängt werden. Daniela Brahm weiß, wovon sie spricht: sie hat „ihren“ Verdrängungsprozess ab 1990 in Berlin-Mitte erlebt: „Da ist es mir später fremd geworden“, sagt sie, „als Künstler haben wir uns durch unsere Vorarbeit selbst hinausgetrieben.“ Die so genannte Gentrifizierung droht dem Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße zwar nicht im gleichen Maße wie die historische Innenstadt, aber man kann man schon von der obersten Etage des Fabrikgebäudes sehen, dass Luxus-Dachgeschosse entstanden sind, erzählt Daniela Brahm.  Die Künstlerin kennt diesen Teil des Wedding seit über einem Jahrzehnt und ist sich bewusst, dass das von ihr mitverantwortete Projekt auch eine Strahlkraft für den Kiez besitzt: „Man macht letztlich immer mit bei der Aufwertung eines Viertels – aber dieser Kiez kann das gut gebrauchen!“

Wie kam es zum Grundstückskauf?

Damit das Gelände nicht der Immobilienspekulation anheimfallen konnte, war viel Geschick erforderlich: dass es im September 2007 gelungen ist, die Fabrik durch die „ExRotaprint gGmbH“ zu übernehmen, war ein Signal des Aufbruchs. Einige der damaligen Mieter der Rotaprint-Fabrik gingen gemeinsam vor, um zu verhindern, dass das Areal vom Berliner Liegenschaftsfonds an einen Investor verkauft wird, Damit wollten sie der Perspektivlosigkeit der Rotaprint-Fabrik etwas entgegensetzen. Die Rechtsform einer nicht-gewinnorientierten gemeinnützigen GmbH war der Kompromiss, auf den sich die damaligen Akteure nach langen Diskussionen einigten. Zwei Stiftungen, deren Zielsetzung es ist, sich gegen die Spekulation mit Grund und Boden zu richten und Alternativen zu fördern, halfen beim Kauf des Grundstücks. Mit den Stiftungen hat die ExRotaprint gGmbH einen 99-jährigen Erbbaupachtvertrag geschlossen und ist somit alleinverantwortliche Betreiberin des Geländes. Statt sich für den Grundstückskauf zu verschulden, können die Mieteinnahmen und Kredite nun für die dringend benötigte, behutsame Gebäudesanierung verwendet werden. Darin liegt der entscheidende Vorteil für ExRotaprint.“Es ist ja so, dass die Bauten der Fünfzigerjahre nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr energieintensiv sind“, erklärt Brahm die heutige bauliche Situation einiger Gebäudeteile.“

Schon beim Tag des Offenen Denkmals 2007, als die Architektur der Nachkriegsmoderne im Mittelpunkt stand, fanden sich erstmals zahlreiche Besucher zu den von Daniela Brahm und dem Architekten Bernhard Hummel geführten Besichtigungstouren in der Fabrik ein. Auch in den folgenden Jahren fanden viele Interessierte den Weg auf das Rotaprint-Gelände. „Die Architektur gibt uns die Energie für dieses Projekt, und deswegen haben wir’s gewagt“ – für Daniela Brahm ist es das, was das Projekt ExRotaprint so attraktiv macht.

Zu vermieten sind dauerhaft ein Projektraum und Gästewohnungen. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Kantine, die die Mieter und die Nachbarschaft mit Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen versorgt. Sie bietet gutes Essen für Alle zu fairen Preisen. Das Team der Kantine kann für das Catering von Veranstaltung in und außer Haus gebucht werden.

ExRotaprint

Gottschedstr. 4/Reinickendorfer Str.

U Nauener Platz

Beitrag auf panke.info

„Der Wedding #4“: Der Westen in Grau

Der Wedding hat viele Seiten. Wer aber in der vierten Ausgabe des gleichnamigen Magazins Geschichten aus diesem Ortsteil sucht, wird nur wenig über den Wedding erfahren. Vordergründig zumindest.

Denn dieses Mal haben sich die Macher ganz ihrem klein gedruckten Untertitel „Magazin für Alltagskultur“ verschrieben, während „Der Wedding“ zwar als Titel ins Auge springt, im Heft aber eigentlich kaum vorkommt. Man hat den Eindruck, der Wedding ist mit seiner einmaligen Mischung aus unaufgeregten Alltäglichkeiten in den vorherigen Ausgaben des Magazins auserzählt. Etwas wirklich Neues können die Magazinmacher ihm wohl nicht mehr abgewinnen. Sei’s drum. Den Ärger darüber kann man getrost herunterschlucken.

So klar und so aufgeräumt wie diese Ausgabe war „Der Wedding“ noch nie zuvor. Seriös und nüchtern kommt das bislang so verspielt wirkende Magazin jetzt daher. Selbst die Farbfotos wirken in dem spröden Layout blutleer und ausgewaschen. Irgendwie scheint alles von gestern zu sein. Das passt dann auch gut zum Leitthema „Westen“.  Das unzeitgemäße Thema liegt oberflächlich betrachtet auf der Hand, wird doch der Wedding manchmal „der Osten des Westens“ genannt. Als Grenzbezirk war der Wedding am 9. November 1989 der erste Ort, an dem die von der Bösebrücke strömenden Ostberliner in den Westen gelangten. Doch davon kommt im „Wedding #4“ wenig vor. Das Magazin versucht eher, das Lebensgefühl und das Bild des Westens in Worte und Bilder zu fassen. Es geht um das verloren gegangene West-Berlin, die alte Bundesrepublik, den Mythos des Goldenen Westens, der in Wirklichkeit so golden nicht war und konsequenterweise auch in diesem Magazin auch nicht so daherkommt.

Die Fotos, die Reportagen, die Porträts und die gestalterischen Ideen sind von gewohnt hoher Qualität. Allein deshalb lohnt sich die Anschaffung der vierten Ausgabe. Auch wenn man nicht so viel Wedding erwarten sollte: es geht um das, was es im Wedding genauso gibt wie woanders. Nach der Logik dieser Ausgabe bedeutet das: um etwas vom Wedding zu sehen, kann man ebenso ins Ruhrgebiet schauen.

Der Wedding #4 ist in Bahnhofsbuchhandlungen und Weddinger Buchhandlungen und Geschäften erhältlich. Er kostet 6,99 Euro.

Herausgeber: Axel Völcker,Chefredakteurin: Julia Boek

Eine Rezension der dritten Ausgabe von „Der Wedding“ auf diesem Blog