Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Rund um Heilung und Pflege im Alter:
Orte der Fürsorge an der Reinickendorfer

Wer durch die Reinickendorfer Straße läuft, ahnt kaum, dass sich hier einige der der ältesten sozialen Einrichtungen Berlins erhalten haben. Zwischen Bäumen, Kopfsteinpflaster und roten Backsteinfassaden liegen zahlreiche Gebäude, die seit über 100 Jahren der Fürsorge gewidmet sind.

Die Wurzeln reichen sogar noch weiter zurück. Die Hospitäler zum Heiligen Geist und St. Georg, gegründet im 13. Jahrhundert, kümmerten sich schon im mittelalterlichen Berlin um Arme und Kranke. Als die Stadt im 19. Jahrhundert rasant wuchs, wurde es in der Innenstadt zu eng. 1886 zog die Stiftung deshalb an den damaligen Stadtrand – hierher, wo noch Platz war. Der große, schlossartige Bau an der Reinickendorfer Straße wirkt bis heute wie ein Versprechen: Versorgung sollte nicht nur funktionieren, sondern auch Würde ausstrahlen. Heute ziehen sich die modernen Gebäude der Stiftung bis zur Ecke Osloer Straße.

Wenige Jahre später entstand gegenüber, zwischen Reinickendorfer und Groninger Straße, ein ganz anderer Typ Einrichtung. Das Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus wurde 1890 eröffnet – als Antwort auf die hohe Kindersterblichkeit der Großstadt. Statt eines einzigen Gebäudes verteilte man die Stationen auf mehrere Pavillons. Luft, Licht und Abstand sollten vor Infektionen schützen. Noch heute lässt sich dieses System im Gelände ablesen: einzelne Backsteinbauten, dazwischen Wege, Höfe und Grünflächen.

Mit der Zeit wuchs das Ensemble weiter. Es kamen Infektionspavillons, ein eigenes Kraftwerk und später ein Schwesternwohnheim hinzu. Seit den 1990ern wird der Komplex als Evangelisches Geriatriezentrum genutzt. Wo früher Kinder behandelt wurden, stehen heute ältere Menschen im Mittelpunkt – die Idee der Fürsorge ist geblieben, nur die Zielgruppe hat sich verschoben. Auf dem Gelände gibt es u.a. eine Akutklinik, eine Tagesklinik und einen Pflegestützpunkt.

Auch andere Einrichtungen erzählen von den sozialen Vorstellungen ihrer Zeit. Die 1879 gegründete Kaiser-Wilhelm- und Kaiserin-Augusta-Stiftung war eine der ersten sozialen Einrichtungen am nördlichen Stadtrand Berlins und errichtete ab 1880 an der Schulstr. 80 eine Dreiflügelanlage mit Gartenhof. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg blieb nur das linke Seitengebäude erhalten, das mit seiner Backsteinarchitektur und Terrakotta-Details typisch für den Stil der Zeit ist. Die Einrichtung bot einst rund 200 bedürftigen Menschen kostenlose Versorgung, während ein späterer Erweiterungsbau von 1906/07 heute bis auf sein Portal ebenfalls verloren ist.

Die Clara-Lange-Schucke-Stiftung etwa richtete sich Ende des 19. Jahrhunderts gezielt an alleinstehende Frauen aus wohlhabenderen Kreisen. Ihr Gebäude fällt bis heute durch die farbige Backsteinfassade und den markanten Giebel auf – ein wenig repräsentativer, ein wenig individueller als die benachbarten Anlagen. Bis heute betreibt die Stiftung einige Seniorenwohnanlagen in Berlin.

Und nur wenige Schritte entfernt entstand mit dem Jüdischen Krankenhaus ein weiterer bedeutender Ort. Es setzte früh auf einen kompakten Krankenhausbau statt auf Pavillons – ein moderner Ansatz für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Zugleich ist das Haus ein Erinnerungsort: Während der NS-Zeit war es Ort von Ausgrenzung, aber auch von Überleben.

Auch ein Jüdisches Altersheim entstand 1902 gegenüber in der Iranischen Str. 3. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war das Dach des Altenheims teilweise zerstört, Fenster fehlten und die einstigen Bewohner deportiert. Trotzdem begann für das Haus eine neue Zeit. Es wurde hergerichtet und wieder als Jüdisches Altenheim genutzt. Im Jahr 1980 wurde das Haus aufgegeben.

So verdichtet sich rund um die Reinickendorfer Straße eine ganze Stadtgeschichte: von der Tradition der Armenpflege über die Reformmedizin um 1900 bis zur heutigen geriatrischen Versorgung. Die roten Ziegel erzählen dabei leise weiter – von einer Zeit, in der Berlin begann, Fürsorge nicht nur zu organisieren, sondern auch baulich am Stadtrand umzusetzen.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Beitrag, vielen Dank. Hoffentlich bleibt uns das Jüdische Krankenhaus erhalten. Es hat die dunkelste Zeit überstanden und ist nun durch die zunehmende Ökonomisierung und wegen eines unverschuldeten Wasserschadens insolvent. Im Moment gewinnt man den Eindruck, die Politik duckt sich bei diesem Thema weg.

    • Vielen Dank, wir haben diese beiden Orte ebenfalls im Artikel ergänzt, da sie der Vollständigkeit halber bei der Aufzählung nicht fehlen sollten.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

nachoben

Auch interessant?