Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

Postbankfiliale Müllerstraße: Die Frau hinter dem Schalter ist weißhaarig. Ihr müder Kollege am Schalter daneben und die kleine Frau, die im Lagerraum ein Paket wegträgt, auch. Es sind wohl die letzten Postbeamten des Wedding. Und auch vor dem Schalter: alte Leute wie ich, wenn mal mal von denen absieht, die Pakete nach Vietnam oder in die Türkei abgeben wollen. Gibt es eigentlich den „Postrentendienst“ noch, mit dem früher pünktlich zum Monatsersten alle Rentnerinnen und Rentner ihr Ruhegeld am Schalter bekamen?
Was es auf jeden Fall noch gibt, ist der behördliche Tonfall. Wie in den alten Zeiten werde ich erstmal angepflaumt: „Ihr Sparbuch auflösen? Da wären se mal besser vor 14 Uhr jekomm!“ Davon stand nichts in der Nachricht der Postbank, die mir mitgeteilt hatte, dass sie „…den Service Postsparbuch…“ in Kürze einstellen will. Aber weil das Berlin ist, kommt nach der Schnauze das Herz, und die Frau hinter dem Schalter macht sich mit einem sarkastischen „Na, dann jeben se mal her“ trotzdem an ihre traurige Pflicht. Sie tippt, lässt sich meinen Ausweis geben und ein Drucker fiept. Ein kleiner weißer Kasten, der noch so solide aussieht als sei er aus der BTX-Zeit der Bundespost, spuckt viele weiße Zettel aus, die die Postfrau akkurat mit viel Theater auf die grauen Seiten meines Sparbuchs klebt. „Was das alles für ein Abfall macht…“, seufzt sie. Es ist eine lange Prozedur und ich glaube, sie fühlt genau wie ich, dass wir beide hier etwas tun, was uns bald fehlen wird, dass wir ein sinnlos gewordenes Ritual aus längst vergangenen Zeiten ein letztes Mal gemeinsam zelebrieren. 2016 hatte ich noch einmal persönlich etwas eingezahlt. Seitdem lag das Buch in der Schublade. Von 2009 bis 2015 wurde die Postbank nach und nach von der Deutschen Bank übernommen. Was der Drucker ausspuckt, ist ernüchternd: Bis 2017 gab es jedes Jahr noch ein paar Euro Zinsen und einen extra Bonus für treue Sparer. Zwischen 2018 und 2022 waren es noch 7 Cent Zinsen – pro Jahr – und Boni gab nur noch für die Manager der Deutschen Bank. „Das sind mehr als 0,01 %. Da könn‘ se sich nich beschweren“, nimmt mir die erfahrene Kundenbetreuerin meine Enttäuschung aus dem Mund und haut noch einen drauf: „Is ja besser als nix.“
Aber auch die paar Cent müssen natürlich genau verbucht werden. Da ist die Postfrau noch richtig amtlich. Die Seiten in meinem Sparbuch reichen dafür nicht aus. Aus grauem Papier legt sie Extraseiten an und stempelt sie einzeln ab. Ganz zum Schluss schneidet sie die rechte untere Ecke ab und geht nach hinten. Ich höre den harten Knall eines eisernen Handstempels, wie man ihn nur in der Post hören kann, dann bekomme ich das Buch zurück. „Entwertet“ steht jetzt auf der letzten Seite. „Warten se noch ne Woche, bevor sie das Buch ihren Enkeln zum Spielen jeben“, verabschiedet sie sich. „Dann sollte das Geld auf ihrem Konto sein“, gibt sie mir auf den Weg und es klingt so, als würde sie es selbst nicht glauben. Es ist viel schief gelaufen bei der Deutschen Post, seit sie wiedervereinigt und privatisiert wurde. Dieses Jahr verabschiedete sich die Postbank von ihrer Filiale und ihren letzten Beamten am Kurt-Schuhmacher-Platz. Wie lange wird die Filiale in der Müllerstraße noch offen bleiben? „Wie lange noch?“ Diese Frage sitzt auch der gestandenen Postbeamtin in jeder Falte ihrer dünn gewordenen Dienstbluse.
Rolf Fischer

Novembermorgen
Nun ist es schon frisch, morgens knapp über Null, um die 3 oder 4 Grad Celsius, maximal 7 Grad. Nichtsdestotrotz ziehe ich die Sonnenbrille auf, wenn ich Richtung Zeppelinplatz direkt in die schrille Morgensonne des frühen November laufe. Aber wo sind die Kiez-Momente geblieben?
Stimmungsmäßig mau, vor allem grau-in-grau ist es mittlerweile. Die Nachbarschaft in die üblichen dunklen Jacken gehüllt, bedeckt mit Mützen, tief in die Stirn gezogen. So auch beim Stern-Bäcker, wo man Ecke Brüsseler Straße neben den noch jungen Pollern nun noch stiller am Kaffeepott nippen kann. Dort aber auch derzeit keine lachenden Grüppchen mehr wie an fröhlichen Sommertagen, sondern Einzelne, nicht einmal Ausschau haltend nach Passanten. Eine Katze – sie kennt mich schon -, behaglich auf der Fensterbank in Hochparterre vor dem offenen Kaninchendraht thronend, hat sogar das Radio mit launiger Mucke an und schaut mir beim Vorbeigehen in die Augen; schmunzelt sie etwa?

Am Zeppi angekommen, sehe ich schon durch die licht gewordenen Büsche, dass auch heute wieder – wie seit Tagen – die Studenten der BHT mit ihren Vermessungsgeräten rummachen – Heringe in den Boden gepiekst, weißrote Latten und ein Messgerät auf einem Dreifuß aufgestellt und selbst mit den obligaten gelben Warnwesten in Gruppen auf dem Rasen. Ob sie üben oder Prüfungen machen, wage ich nicht zu fragen, ich drücke mich auf dem schmalen in Metallleisten eingefassten Sandweg vorbei, gelächelt wird allseitig.
Nun ist es damit so weit gekommen, dass mein in dieser Kolumne oft schon beschriebener Krähenschwarm mittlerweile verscheucht ist. Nirgends ein Vogeltier und schon gar keines, das sich spielerisch am für Krallen und Schnäbel sperrigen Konsummüll bemüht. Schade. Als ich Genter Straße Ecke Limburger ankomme, schräg gegenüber ist der frische Wochenmarkt, der hinter dem Rathaus zweimal wöchentlich verkauft, was man zum Essen benötigt, und rechterhand der Lesegarten mit den Sonnenbänken, höre ich das laute, mit weit geöffneten Schnäbeln preisgegebene Gekrächze der beiden Krähen, die sich auf den obersten Rundungen der Laternenpeitschenmaste Platz suchten. Ein Geschrei, das ich irgendwie verstehen kann, denn offenbar sind vom gestrigen Wochenmarkt keine weiteren Happen übrig, weitere Vögel finden sich nicht an, weder Spatzen noch Tauben, die sonst beim Futtern dabei sind. Nun gut, auch dies eine einsame Etappe voller Tristesse.
Kaum unterquerte ich die Beamtenlaufbahn (ja, so nennt man diese internen Überführungen wie beim Bundestag über die Spree), da fällt mir schon die Deckenburg, nein, da sind in den vergangenen drei Tagen schon zwei Burgen nachgewachsen, unter dem alten BVV-Saal ins Auge. Grau, beige, anthrazit und nochmals grau – und ein geparkter E-Scooter gut platziert vor einer Art Eingang zum Wärmenest, bewehrt mit gepackten großen Plastiktüten. Das ehemalige Simit Evi ist auch nur eine fade eintönige Erscheinung mit Packpapier innen beklebt, weil seit Sommer 2024 renoviert wird.
Nun geht die Tristesse nicht so schlimm weiter wie bisher, man passiert Woolworth mit vielen Displays vor den automatischen Türen. Womit man sich novemberlich passend beliebt macht vor dem Advent, sind Dekoration, Dosen und Decken zu günstigen Preisen. Nur hier bildet sich einmal eine Menschentraube, denn auch die Wartezeit an der Halte vom beliebten 120er-Bus verführt zum neugierigen Schauen.
Als ich endlich die Postbank erreiche und die Card zücke, stehe ich mitten im Gewimmel an dem vorderen Engpass zu der großen Halle, und alleine hier gibt es nette Worte, freundliches Grinsen bei Ausweichmanövern, die beide Parteien zu dem Missverständnis verleiten, sich gegenseitig in den Weg zu treten oder mit allen Gefährten, die Fußgänger heute so mit sich führen, so richtig sperrig den Durchgang versperren kann. Und jemand öffnet ein Fach der Packstation, gegenüber den Automaten, womit wieder höfliche Attitüden nötig werden.
Aus dem Abgang zur U-Bahn drängt sich ein muffiger Geruch sondergleichen aus dem Schacht, wie soll das erst im Winter duften?





Auf dem Heimweg dachte ich schon, der Tag verbliebe ohne Lichtblick, aber – BINGO! – jetzt erst erkenne ich eine Nische in der Hecke, die ich auf dem Hinweg übersah: Da hat jemand eine Schrippe wie ein Stockbrot auf einen blattlosen Ast gesteckt und und nun pirschen sich die Spatzen ran. Der erste schaut sich um, reckt erst den Hals und pickt sich reichlich raus aus der Schrippe. Na, im nächsten Moment bildet sich schon eine Warteschlange auf dem kleinen Nebenast und einer nach dem anderen der putzigen Spatzen holt sich einen Schnabel voll Krume.
Na, der Tag ist irgendwie gerettet, mit besserer Laune gehe ich heimwärts.
Renate Straetling
Und jetzt seid ihr dran!
Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an: [email protected]
Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.


Rolf, da hättest du besser eine Tagesgeldkonto aufgemacht, als dir nochmals Papier & Pappe in die Hand drücken zu lassen und das blaue Buch mit nur drei Ecken für die Puppenstube mitgenommen… …
Lies mal Saidi`s Ratgeber von finfnztip.de (S. Sulilatu)!