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Porträt eines Künstlers:
“Ich fühle mich einem Baum näher als einem geschriebenen Text”

Der Tänzer, Choreograph und Dozent David Bloom über Begehren, Erleuchtung, Fermentation und sein Solo 'Alles Vergängliche', das er im November in Berlin wieder live aufführt

Foto aus dem Film “Trans­fe­ren­ci­as” von Rober­to Duarte

David Bloom lebt mit sei­ner Fami­lie und zwei Kat­zen in der Erd­ge­schoss­woh­nung eines klas­si­schen Ber­li­ner Alt­baus im Prenz­lau­er Berg. Hier ver­bringt er sei­nen All­tag, koor­di­niert sein Leben als Tänzer, Künstler und Fami­li­en­va­ter und unter­rich­tet seit Coro­na – natürlich – auch online. Er reist viel her­um, vor allem um Work­shops in ver­schie­de­nen Tanz-Zusammenhängen zu geben, teil­wei­se eher kunst­ori­en­tiert, man­che mehr im Bereich Körperarbeit und Selbst­er­fah­rung, (wie z.B. das Touch and Play Fes­ti­val in Süddeutschland).


Gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist David Bloom in Hei­del­berg, als Sohn einer jüdischen Fami­lie aus Brook­lyn. Sei­ne Mut­ter kam als jun­ge Opernsängerin nach Hei­del­berg. Hier fing David mit etwa 15 Jah­ren an zu tan­zen, klas­si­sches Bal­lett. Mit Anfang 20 stu­dier­te er Tanz in Frank­furt am Main, wo er auch begann, selbst in den Tanz­stu­di­os der Stadt zu unter­rich­ten. Sei­nen Mas­ter in Cho­reo­gra­phie mach­te Bloom in Ber­lin, wo er seit 15 Jah­ren – zeit­wei­se auch im Wed­ding – lebt und neben sei­ner haupt­be­ruf­li­chen Tätigkeit als Tänzer, Cho­reo­graph und Dozent zeit­wei­se auch als Musi­ker und Fil­me­ma­cher arbei­tet.
David Bloom hat kei­ne Hob­bys und zählt auch das Fer­men­tie­ren, das er im Lock­down für sich ent­deck­te, zu sei­ner Kunst. Er war sofort bereit zu einem Gespräch über sei­ne Arbeit, so dass wir uns an einem Mor­gen im August in sei­ner Küche, dem Ber­li­ner Zim­mer, zusammenfanden.

Stand­bild aus einem Video von Wal­ter Bickmann


Von Beginn sei­ner Pra­xis als pro­fes­sio­nel­ler Tänzer an hat David Bloom unter­rich­tet. Es ist wich­ti­ger Teil sei­ner Ein­kunfts­quel­le, aber auch sei­ner Recher­che­ar­beit als Künstler. Im Zen­trum sei­nes Inter­es­ses steht dabei das Begeh­ren, Gren­zen und Intimität. Dies hat unter ande­rem viel mit der zeitgenössischen Bil­der­welt zu tun, die mit Sex und Ero­tik auf­ge­la­den und vol­ler Pro­jek­tio­nen ist. Dem ver­sucht Bloom auf sei­ne Art als Künstler und Tänzer zu begeg­nen, unter ande­rem, indem er die ero­ti­sche Begeg­nung zwi­schen Workshopteilnehmer:innen und Performer:innen zulässt und in den Tanz inte­griert. Im Zuge die­ser Ent­wick­lung sei­ner Arbeit mach­te er eine Urban Tan­tra-Aus­bil­dung und dreh­te zwi­schen 2013 und 2016 drei eige­ne Por­no­fil­me (die Sex & Space ‑Tri­lo­gie), die auf dem Porn­film­fes­ti­val Ber­lin und später auch in Tanz-Kon­tex­ten gezeigt wurden.


David Bloo­ms Inter­es­se am The­ma des Begeh­rens hat sich in letz­ter Zeit vom expli­zit Körperlichen hin zu einer wei­ter gefass­ten ero­ti­schen Bezie­hung zur Umwelt und zur Welt an sich ent­wi­ckelt. Er stellt sich und uns die Fra­ge: Wie kann ich eine ero­ti­sche Bezie­hung zur Welt ein­ge­hen? Dies ist die meta­phy­si­sche Kom­po­nen­te sei­ner Arbeit, die Bloom u.a. in Zusam­men­hang mit sei­ner jüdischen Her­kunft bringt. Das Mys­ti­sche im Juden­tum fas­zi­niert und beschäftigt ihn und er ver­bin­det es mit sei­nen ande­ren Lei­den­schaf­ten, wie der Fer­men­ta­ti­on, die Bloom während der Lock­downs für sich ent­deck­te. Das Fer­men­tie­ren von Gemüse spie­gelt in sei­ner Anwen­dung Aspek­te vom Innen und Außen des Körpers wider, dem Kreis­lauf des Köpers mit sei­ner Umwelt. Bloom sieht dar­in eine „göttliche Inter­ak­ti­on“ zwi­schen ihm und den „mikro­bi­schen Kul­tu­ren, die überall um uns her­um sind“. All die­se Kom­po­nen­ten, das Körperliche, das Spi­ri­tu­el­le und das For­schen­de sind Teil des Tan­zens, so wie David Bloom es für sich ver­steht. Es ist in allem die Möglichkeit, „in den Aus­tausch mit der Umwelt zu gehen und den Körper sich selbst als Teil von einem größeren Gan­zen erfah­ren zu las­sen“, so Bloom. So ist es für ihn kein gro­ßer Unter­schied, ob er einen Por­no dreht oder einen Work­shop über Fer­men­ta­ti­on gibt.


Zu Beginn sei­nes jüngsten Solos ‘Alles Vergängliche’ entzündet David Bloom Wun­der­ker­zen, die das Datum der Aufführung anzei­gen. Während sie noch bren­nen, zitiert er sin­gend die Nach­rich­ten des Tages. Bloom beginnt zu tan­zen und die Musik Gus­tav Mah­lers setzt ein. Die Nach­rich­ten tau­chen immer wie­der auf, wer­den mehr und mehr zum Zitat und bespielt von Bloo­ms vielfältigen Tanzerzählungen, die sich in ihren unter­schied­li­chen Qualitäten übereinander legen, von klas­si­schem Bal­lett über zeitgenössischen Tanz bis hin zu Hip Hop. Sein Tanz reicht von frei expres­sio­nis­ti­schen Bewe­gun­gen mit poe­ti­sche Ges­ten bis zur Ver­aus­ga­bung in einem Wir­bel um sich selbst. Es ent­ste­hen Bil­der von Schönheit, Eksta­se und aus­ge­lie­fert sein; sie erin­nern an Pina Bauschs kon­tem­pla­ti­ve Cho­reo­gra­fien und Char­lie Chap­lins Rast­lo­sig­keit in Modern Times.

Stand­bild aus einem Video von Wal­ter Bickmann 

Das Stück basiert auf Mah­lers 8. Sym­pho­nie, die unter ande­rem Text­tei­le aus Goe­thes Faust II enthält. Hier liegt auch die Refe­renz zum Titel: ‘Alles Vergängliche ist nur ein Gleich­nis; das Unzulängliche, hier wird’s Ereig­nis’. Die­ses Zitat wählte David für sein Stück, in das er „Alles“ hin­ein­brin­gen woll­te, ähnlich der Inten­ti­on Mah­lers zu sei­ner Sym­pho­nie, jedoch in einer ande­ren Zeit. Einen ver­gleich­ba­ren Ver­such, ‘alles’ zu fas­sen, sieht David par­al­lel zur Musk und zum Tanz in der Abbil­dung der Gescheh­nis­se der Welt in den Nach­rich­ten, wie z.B. der Tages­schau.
Die Nach­rich­ten als For­mat haben David schon immer fas­zi­niert, als Jugend­li­cher hat er viel CNN geschaut: aus den unend­lich vie­len Facet­ten einer Sto­ry wer­den die ‘wich­tigs­ten’ her­aus­ge­sucht und zu einem ein­di­men­sio­na­len Bild, der Schlag­zei­le, zusammengefügt. In die­ser Ver­ein­fa­chung sieht David eine „Fik­ti­on“, eine Geschich­te aus wah­ren Bege­ben­hei­ten, die sich ständig wei­ter­ent­wi­ckelt (er macht eine krei­sen­de Bewe­gung mit den Händen, ähnlich einer sich dre­hen­den Schrau­be). „Wie gehe ich als Künstler mit die­ser immer überwältigender wer­den­den Ent­wick­lung um? Was pas­siert da drau­ßen, und was pas­siert zugleich hier drin­nen, wo ich bin, im Tanz­saal? War­um tue ich das überhaupt, mich auf die Bühne zu stel­len und mit den Armen rum­zu­we­deln, während sich das da drau­ßen abspielt?“ fragt sich David mit sei­nem Stück. Je kras­ser die Umstände, des­to drin­gen­der wird die­se Fra­ge. „Was kann ich bei­tra­gen? Ist es wich­tig, etwas beizutragen?“


David Bloom webt, dekon­stru­iert, legt Schich­ten von Tanz, Musik und Spra­che übereinander. Als Per­for­mer ist er im In- und Out­put zugleich. Es ist eine ech­te one man show. Es gibt aber auch stil­le Momen­te im Stück, in denen Bloom ganz mit sich und sei­ner Bewe­gung ist und wir als Publi­kum einen klei­ne Ahnung von sei­ner alltäglichen Tanz-Pra­xis erle­ben. Der Tänzer, wie er die Welt als Künstler erfährt, aktiv und rezep­tiv, spie­lend und in der Ges­te wahr­neh­mend. Dann ist auf ein­mal alles ganz leicht erfahr­bar, räumlich und phy­sisch. Gus­tav Mah­ler, eben­falls jüdisch, kon­ver­tier­te zum Chris­ten­tum, um in München Anschluss an die Gesell­schaft zu fin­den, was ihm trotz­dem nicht rich­tig gelang (zwan­zig Jah­re später, unter den Nazis, durf­te sei­ne Musik nicht mehr aufgeführt wer­den). Für ihn galt aber zu sei­ner Zeit: ich bin Musi­ker, und dar­in ist alles ent­hal­ten. So würde es David auch für sich und den Tanz sagen: „Sexualität, Spiritualität, Fer­men­ta­ti­on, das alles gehört für mich zum Tanz und dar­in ist alles enthalten“.

Der Ver­such, ‘alles’ zu fas­sen und auf die Bühne brin­gen zu wol­len, dar­an zu schei­tern und es doch immer wie­der zu ver­su­chen, beschreibt einen Zustand, in dem Bloom sich selbst und auch die Welt heu­te sieht. Wir – die Men­schen der west­li­chen Welt – wol­len ratio­nal alles erfas­sen, benen­nen, bestim­men, regu­lie­ren. Während wir dies unent­wegt ver­su­chen, ent­rinnt uns die Geschich­te. Die Geschich­te unse­rer Körper und des Planeten.

Die Musik ist ver­klun­gen, die Wun­der­ker­zen ver­brannt, der Tag ist vor­bei. „Ich wer­de wei­ter tan­zen“, sagt David in unse­rem Gespräch, „egal, ob die Welt 1,5 , 2 oder 3°C wärmer wird.“ Und zitiert eine Zen-bud­dhis­ti­sche Weis­heit: „Vor der Erleuch­tung: Holz hacken, Was­ser holen. Nach der Erleuch­tung: Holz hacken, Was­ser holen.“ Gefragt, ob er den Tanz auch als Spra­che ver­steht, erwi­dert David ganz klar: Tanz, Bewegung,

Stand­bild aus einem Video von Wal­ter Bickmann 

Musik und abs­trak­te Male­rei unter­schei­den sich deut­lich von Spra­che. „In der Bewe­gungs­pra­xis würde ich mich einem Baum näher fühlen, als einem Stück geschrie­be­ner Spra­che, weil der Sinn-Aspekt ein ande­rer ist.“ Ein ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor von ihm sag­te ein­mal, die Spra­che sei dazu gemacht, Sachen von­ein­an­der zu tren­nen. „Wenn du etwas benennst, sagst du (impli­zit, Anm. der Autorin) auch die unend­lich vie­len Sachen, die es nicht ist.“ Dabei ist die Spra­che für David eine Modalität von Erfah­rung von vie­len. „Beim Tanz kann die Erfah­rung gemacht wer­den, dass Ich und Du das Glei­che sind, oder Außen und Innen das Glei­che oder man Sachen gleich­zei­tig erfah­ren kann“ während die Spra­che die­se Din­ge nicht in einer sol­chen Dich­te zusam­men brin­ge. Sicher­lich gebe es poe­ti­sche und pro­phe­ti­sche Spra­che, die vie­les in einem auslösen könne; „es soll­te einem als Künstler aber bewusst sein, dass es eben nur eine Modalität des Aus­drucks ist und die der Spra­che in unse­rer Kul­tur eine sehr domi­nan­te ist. Es gibt eine weit ver­brei­te­te Ein­stel­lung in unse­rer Gesell­schaft, dass etwas, das man nicht sprach­lich benen­nen oder beschrei­ben kann, nichts wert ist.“

Ob auch Ele­men­te und Wahr­neh­mun­gen aus sei­nem All­tag in sei­ne Cho­reo­gra­phien mit ein­flie­ßen, möchte ich von David wis­sen. „Ich ver­brin­ge wenig Zeit mit Din­gen, wo es nicht um alles geht. Mein All­tag ist Yoga, mein All­tag ist Fer­men­ta­ti­on, das Zusam­men­sein mit Kin­dern. Bei all dem befas­se ich mich exis­ten­zi­el­len Fra­gen. Das alles macht auch Spaß und ich befin­de mich nicht in einem per­ma­nen­ten Welt­schmerz.“ David lacht und fügt dann hin­zu: „Aber all das ist eine meta­phy­si­sche Erfahrung.“

David Bloo­ms Solo ‘Alles Vergängliche’ ist live zu sehen im Dock 11, Kas­ta­ni­en­al­lee 79, 10435 Ber­lin vom 25. – 28.11.21 jeweils um 19h. Die Pre­mie­re in der Tanz­fa­brik Ber­lin war am 26.2.2021

Text: Han­na Solms 

Info: Seit 2017 betreibt Han­na Solms den Dunst­sa­lon im Afri­ka­ni­schen Vier­tel im Wedding.

Der Dunst­sa­lon ist ein non-binä­rer Raum für Viel­falt und Krea­ti­vi­tät mit queer-femi­nis­ti­scher Phi­lo­so­phie. Er ist Ideen-Labor, Aus­stel­lungs­ort und setzt sich mit sei­ner direk­ten Umge­bung, dem Welt­ge­sche­hen und geleb­ten Uto­pien aus­ein­an­der. In Zukunft wird es dort auch Schreib­werk­stät­ten geben (geplant ab Herbst 2022). Der­zeit arbei­tet der Dunst­sa­lon vor allem vir­tu­ell und teilt sich die Räu­me mit der Tex­til­schnei­de­rei Vian­ko Mode. Zu erken­nen ist er an der Leucht­schrift ‘Salon’, die bei Events blau leuchtet.

Foto: Han­na Solms

Dunst­sa­lon, Lüde­ritz­stra­ße 16

Gastautor

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