Dezent verschallert strampele ich eines schönen Frühlingstages auf meinem kaffeebraunen Fahrrad die Steigung der Hochstraße empor Richtung Gesundbrunnen. Rechts von mir, hinter der S-Bahnschlucht, grünt majestätisch der Humboldthain mit seinen zwei Flaktürmen. Mal wieder auf’n Rave da hoch, das wär’s, denke ich, und beschließe, später mal in die entsprechende Telegramgruppe zu schauen, ob demnächst was ansteht.
Links, hinter und vor mir das ungeduldige Knurren drängelnder PKW’s. Man hat es eilig in Berlin, auch im Wedding, aber das ignoriere ich heute kackfrech. Mein Beitrag zur allgemeinen Alltagsentschleunigung. Außerdem ist es nicht meine Schuld, dass hier alle zwanzig Meter Baustellen quer über Fahrbahn und Gehweg gepinselt sind wie expressionistische Ölgemälde. Natürlich hätte ich einfach durch den Park fahren können, aber das wäre ja zu einfach gewesen.
Kurz vor dem Gipfel der Hochstraße spaltet sich der Weg endgültig entzwei. Ich ignoriere die gelbe Umleitungslinie für Fahrräder, die lieblos über Straße, Bordstein und Trottoir gekritzelt ist und fahre auf der Straße weiter. Mit aller Kraft in die Pedalen tretend, um einigermaßen mit den metallenen Ungetümen um mich herum Schritt zu halten. Und da passiert es.
Das Smartphone rutscht mir aus der flatterigen Jogginghose und bleibt auf der Fahrbahn liegen. Selbstverständlich hält niemand an außer mir und vom Straßenrand aus sehe ich nun einen Reifen nach dem anderen an meinem Endgerät vorbeiziehen. Hm, denke ich, vielleicht kann ich es vorsichtig aus dem Verkehr ziehen, also buchstäblich, aber da kommt er bereits angerollt, der Jeep Marke Chrysler.
Seine riesigen Reifen walzen im Schritttempo, regelrecht genussvoll, über mein iPhone hinweg und ein Geräusch wie von brechenden Fingerknochen dringt durch den Straßenlärm an meine Ohren. Das war’s, fühle ich deutlich. Game Over.

Während ich das Fahrrad abstelle, um mich vorsichtig in den Verkehrsfluss zu tasten, breitet sich nun ein Gefühl in mir aus. Es ist ganz seltsam. Statt eines Verlustschmerzes spüre ich eine tiefe Erleichterung, die mir warm, fast liebevoll, durch die Glieder fließt.
Mein Gott, ich bin erlöst, will etwas in mir schreien. Hallelujah! Keine Chatgruppen mehr, kein Doomscrolling, Onlinedating, keine Memes, Emojis, GIFs, soziale Medien, Selfies, Reels, unterwegs mal schnell gecheckte Emails, Kontostände, Wetterberichte, Schlagzeilen. Nur noch nackte Realität ohne digitale Zusatzstoffe. Ich bin zu Tränen gerührt und zur selben Zeit fasziniert über diese unerwartete Körperreaktion.
Es gelingt mir, das Endgerät aus dem fließenden Verkehr zu pflücken. Mit dem Screen nach unten liegt es da und bevor ich es greife, denke ich für ein, zwei Sekunden noch: Vielleicht hat es ja doch – und dann hebe ich es auf. Ein paar Bildschirmstücke rieseln auf den Asphalt zurück, ich drehe den Kopf, schaue dem Jeep hinterher, der natürlich unvermindert weiterfährt, als wäre nichts gewesen. Er verschwindet anmutig in einer Wolke aus fossilem Brennstoff hinter dem Gipfel der Hochstraße und entlässt mich kommentarlos in mein neue Freiheit.


Wunderbar! Ich liebe solche kleinen Kiez-Geschichten, die für immer untergehen würden, wenn sie nicht beim Weddingweiser aufgeschrieben werden würden. Danke!
Die Realität ist ja im Frühling sogar im Wedding gut zu ertragen. Und die Avantgarde nutzt ja angeblich wieder Solde Nokias aus den Nullerjahren. Bin gespannt.
vielleicht sind SUVs in der innenstadt also doch zu etwas gut!