Was wie ein staubtrockener Verwaltungsakt klingt, hat es in sich: Das Finanzamt Wedding wird geschlossen und mit dem Finanzamt Mitte/Tiergarten fusioniert. Ab 2029 zieht die gesamte Behörde ins neue Haus der Statistik am Alexanderplatz – und der graue Koloss an der Osloer Straße bekommt einen neuen Mieter.

Wer heute an der Osloer Straße 37 vorbeifährt, erkennt das Finanzamt Wedding schon von Weitem – und zwar nicht wegen seiner einladenden Ausstrahlung. Der kantige Riegel aus Beton und Schlitzfenstern vermittelt vielmehr die Botschaft: „Zahl deine Steuern – aber komm mir bloß nicht zu nahe.“ Rainer G. Rümmler, der Architekt, hatte Mitte der 60er offenbar einen Tag, an dem ihm nach maximaler Bürgerdistanz mit den Mitteln der Moderne zumute war. Allein schon der Eingang, der außerhalb der Öffnungszeiten mit metallischen Jalousien verrammelt ist, wirkt wie ein Schlund in eine dystopische Bürokratiehölle. Ein Gebäude, das wie eine Steuererklärung mit ganz vielen Formularen wirkt, nur eben in Beton gegossen.

Dabei hat der Architekt des Klotzes einige Jahre später ganzen 53 (!) U-Bahnhöfen ein meist poppig-buntes Bild verpasst. So auch bei uns: Die beiden Ebenen des U-Bahnhofs Osloer Straße, mit riesigen norwegischen Flaggen in blau und rot verziert, gehören zum künstlerischen Werk Rümmlers, der eine bemerkenswerte Entwicklung nahm: Denn nur zehn Jahre liegen zwischen dem kühl-effizienten Finanzamtsriegel und dem farbenfrohen Bahnhof direkt darunter.


Aber bald ist es mit dem eigenen Finanzamt für den Wedding ohnehin vorbei. Die große Neuordnung der Berliner Amtslandschaft rollt an, so hat es der Berliner Finanzsenator Stefan Evers angekündigt, berichtet der Tagesspiegel. Wenn nun aber unser Stadtteil seinen lokalen „Geldspeicher“ verliert, verschwinden die Finanzbeamten nicht aus dem Kiez: In das frei werdende Gebäude zieht 2029 nämlich das Finanzamt Berlin International ein, eine Behörde, die tätig wird, sobald die steuerpflichtige Person oder Firma nicht in Deutschland ansässig ist. Dort werden künftig Themen wie Umsatzsteuer ausländischer Unternehmen, Einkommen ohne Wohnsitz, internationale Erbschaften und Schenkungen sowie Doppelbesteuerung und Quellensteuer bearbeitet – kurz: alles, was steuerlich nicht in einen normalen Behördenbriefkasten passt.

Vielleicht passt es ja: Ein unnachgiebiges Amt in einem trockenen Zweckbau. Schließlich schreit die Architektur schon heute „Pflicht“, „Disziplin“ und „Bitte keine weiteren Fragen“. Fast so, als habe das Haus geahnt, dass es irgendwann einmal für internationale Steuerfälle zuständig sein wird – und sich schon präventiv jede Form von Charme abtrainiert.





Es wäre ein perfekter Ort für Kunst und Kultur / Ateliers!
Wichtiger als die Optik ist mir der kurze Weg zum Finanzamt. Die Zentralisation in „Alt“-Mitte gefällt mir nicht – es hat auch etwas Undemokratisches, wenn man als BürgerIn durch die halbe Stadt zu den Ämtern fahren muss. Ich finde, dass „Mitte“ generell vor den „Wedding“ gestellt wird, das merkt man z.B. auch an den Angeboten der Volkshochschule. Die meisten interessanten Kurse sind in der Linienstraße, in der Antonstraße findet hauptsächlich Deutsch-Unterricht statt. Das ist auch undemokratisch, da ich als über 70-Jährige gezwungen bin – wenn ich denn einen Kurs machen will – ebenso durch die Stadt gurken muss – und das mit diesen Verkehrsmitteln….Also mein Fazit: Nähe ist demokratisch, Ferne nicht.
Die Gegend drumherum wird sich dadurch nicht verbessern.
Vielleicht würde ein neuer Anstrich und ein paar neue Jalousien dem Gebäude helfen. Wer ist denn Eigentümer der Liegenschaft?
Das Land Berlin.
Deswegen wird es ja auch nicht aufgegeben.
Früher gab es in der obersten Etage eine Kantine, für jederman zugänglich. schmackhafte Kost. Lange vorbei. Ich bedauere die Schließung des FA-Wedding, bedeutet es doch längere Wege. Die Finanzämter in Berlin, die einzigen noch funktionsfähigen Behörden in failed City Berlin.
Morjen mal wieder
nur ganze zweimal war ich in diesem Gebäude… das erste mal 1986, da konnte meine Steuererklärung nicht gefunden werden… also bin ich ganz nach oben wo der Chef sein Büro hatte, der saß gemütlich hinter seinem Schreibtisch, Beine obendrauf zeitungslesend. Ruckzuck war das Problem nach einer kräftigen Ansage mit meiner Steuererklärung geklärt.
Beim 2ten mal ging es um das nicht bezahlen der GEZ…. in den Büros sah es nicht nur so ungemütlich aus wie das Gebäude von aussen … nein auch die Meinschen darin grau und unfreundlich
sonnige Woche noch
Irgendwann war ich da mal zu einem Termin. Ist/war da nicht auch mal ein Bürgeramt drin? Die Beschreibung des Gebäudes ist treffend. für mich geht es aber noch weit darüber hinaus. Dieser Ort, diese Kreuzung ist für mich der mit Abstand hässlichste Ort in Berlin. Der brutale Verkehr, die Gebäude, der Dreck, die komplett dysfunktionaken „Radwege“, der ekelige, abgeranzte U-Bahnhof, die U8, die Armut, die einen da anspringt, das Labyrinth von Gängen, die einen immer am falschen Ausgang ausspucken, der Bus, den man verpasst, selbst wenn man 5 Min vorher da ist, weil man noch 8 Ampeln überqueren muss, während die 128 einem vor den Augen davonfährt, die widerwärtige Bushaltestelle… Für mich wäre es oft schneller, an der Osloer umzusteigen, aber ich vermeide es wann immer ich kann.
Woow „Allein schon der Eingang, der außerhalb der Öffnungszeiten mit metallischen Jalousien verrammelt ist, wirkt wie ein Schlund in eine dystopische Bürokratiehölle. Ein Gebäude, das wie eine Steuererklärung mit ganz vielen Formularen wirkt, nur eben in Beton gegossen. … Schließlich schreit die Architektur schon heute „Pflicht“, „Disziplin“ und „Bitte keine weiteren Fragen“.“
Ich bin beeindruckt.
Vllt, wenn noch mehr Internationales in den Wedding zieht und das Europäische Mahngericht ergänzt, kann das
schicke barocke Gebäude am Brunnenplatz ebbes von seinem Zuckerguss abgeben….