Radeln ohne Alter, ein intergenerationelles Projekt für nachhaltige Teilhabe, hält, was es verspricht: Jüngere und Rüstige radeln mit der Rikscha Ältere zu Ausflügen durch die Stadt und in die Parks. Wir haben uns den Weddinger Ableger angeschaut.
Calle Overweg hatte vor über zehn Jahren diese Idee und suchte sich Mitstreiter. So wurde 2015 ein Verein gegründet, 2019 ein Dachverband für dieses Projekt, und im Jahr 2025 bekam der Verein den heutigen Namen Radeln ohne Alter e.V. (RoA).
Deutschlandweit sind die Rikschapilot:innen unterwegs und begeistern ältere Menschen mit „Wind im Haar“, was der Werbeslogan wurde, denn mit den Einladungen zum Rikschafahren wird genau das in die Tat umgesetzt.
Über das Weddinger Projekt sprach ich mit Ulrike, die in unserem Stadtteil dafür den Hut aufhat.

Ulrike vom Verein Radeln ohne Alter (RoA) im Wedding – Foto Renate Straetling
Wann wurde der Rikschastandort im Alloheim in der Schwyzer Straße aufgebaut? Wie viele Pilot*innen seid ihr dort? Fahrt ihr elekrtisch?
Wir sind seit Ende 2022 am Alloheim, was einer von sieben Stützpunkten in Berlin ist. Aktuell haben wir dort 11 Rikschafahrerinnen und -fahrer. Weiterhin suchen wir Fahrerinnen und Fahrer jeden Alters!Wir fahren elektrisch mit Akku. Das Strampeln geht bei der E-Rikscha mehr auf die Arme als auf die Beine.
Wie regelmäßig fahrt ihr für die Anwohner.innen? Können sich die Anwohner.innen eine Begleitperson einladen?
Wir fahren dort nur die Bewohnerinnen und Bewohner des Alloheims aus. Jeden Monat bieten wir 3 bis12 Fahrten an. Unser digitaler Kalender ist auch in der Rezeption hinterlegt. Sobald sich eine Fahrerin oder ein Fahrer eingetragen hat, werden von der Warteliste interessierte Fahrgäste übergetragen. Begleitperson kann jede nahe stehende Person sein, Pflegepersonal oder auch die Verwandtschaft. Oft gibt es Fahrten mit zwei Bewohnenden des Alloheimes.
Wie kommt man als Nichtheimbewohner.in im Wedding zu einer Rikschatour?
Man kann im Paul-Gerhardt-Stift eine E-Rikscha namens Pauline kostenfrei buchen. Sie gehört zu fLotte Sozial. Zu der gebuchten Zeit, maximal drei Tage, kann man fahren wohin man möchte.
Gibt es bestimmte beliebte Routen?
Früher, vor der BVG-Baustelle am U Seestraße, haben wir gern Schaufenstertouren auf der Müllerstraße gemacht, heute gibt es leider nicht mehr so viel zu sehen. Wir fahren in die Rehberge, jetzt auch zu den grasenden Schafen, nach Jungfernheide, sogar durch den Kletterpark, auch wenn es da eng ist, an den Plötzensee, zum Coffee Man am Leopoldplatz, weil ein Gast dort gern Kaffee trinkt. Wir fahren auch am Schifffahrtskanal entlang, zum Leeren des heimischen Briefkastens, oder auch zu Blume 2000 am Kutschi, beispielsweise.







Ihr seid in eurem ehrenamtlichen Engagement stark nachhaltig bei euren Einsätzen. Ihr beschreibt eure positive Ziele und Wirkungen für drei SDG-Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen #3, # 10 und # 11. Aber vor allem hebt ihr die Freude auch der Jüngeren, die die Älteren fahren und begleiten, hervor.
Naja, wir haben auch viele Ruheständlerinnen und Ruheständler, die für die Älteren radeln, die also auch schon älter sind ….
Anzumerken ist: es gibt auch junge Menschen, die im Wohnheim leben oder zur Kurzzeitpflege dort sind. Wohnheim heißt nicht automatisch „nur ältere Menschen“.
Die Geschichten, die bei diesen Abenteuern und Ausflügen zum Vorschein kommen, sind rührend. Gibt es besondere Weddinggeschichten?
Mir sind keine besonderen erzählten Anekdoten bekannt. Vielmehr fällt mir ein, dass ich einen eher jungen 40-jährigen Gast, der nach einem Schlaganfall invalidisiert war, kutschierte. Als wir am Flughafen auf der unteren Ebene Tegel eintrafen, kamen mir vor Überwältigung die Tränen! Plötzlich stiegen etwa 15 Taxifahrer, die dort an der Rolltreppe im Außenbereich der Gates standen, aus und begrüßten meinen Fahrgast. Er war dort als Taxi-Kollege allseits bekannt. Auf dem Heimweg war uns wehmütig zumute und wir genossen den Fahrtwind schweigend und im Herzen berührt.
Wie schön sind Jubiläen mit den Rikschafahrten?
Einmal gab es die Gelegenheit, eine Goldene Hochzeit eines Weddinger Paares zu fahren. Die Rikscha wurde von den Angehörigen, die das Jubiläumspaar überraschen wollten, geschmückt – und dann ging es los durch den Wedding! Zwar hatte ich mir einen Text zurechtgelegt, um den Wedding vorzuführen, aber der goldene Jubilar kannte so Vieles und so viele Orte besser als ich, dass ich baff war. Abends hat er die gesamte Tour im Detail aufgeschrieben und mir über den Sohn per Mail zukommen lassen.
Sind wieder große Ausflüge geplant, gemeinsam mit anderen Stadtteilen? Zum Beispiel gab es eine große Mauertour im Jahr 2019. Seniormass 2026., Frühlingsfahrten, Kiezfahrten durch Mitte, Sternfahrten im Juni, ADFC-Lichterfahrten im Oktober.
Derzeit ist nichts geplant, auch ist es für unsere Fahrgäste zu heiß. Aber es wird sicherlich mal wieder ein großes Event geben.
Ulrike, welche Aufgaben genau übernimmst du bei den Rikschatouren? Seit wann? Was ist deine Motivation, dich für die Organisation der Touren einzusetzen?
Ich bin seit 2016 dabei. Zunächst waren wir beheimatet am Altenheim Domicil Transvaalstraße, dann im Schillerpark-Wohnheim, jetzt sind wir im Alloheim stationiert.
Ich bin seither immer als Kapitänin dabei. Und meine Motivation ist ganz schlicht Spaß zu haben und Freude zu bereiten.
RoA ist auch international aufgestellt. Das internationale Netzwerktrefffen, der CWA Summit 2026, wird in diesem Jahr Mitte September in Budapest stattfinden. Das diesjährige Anliegen ist, die Generationen noch stärker zu verbinden und ein weltweites Netz für geteilte Weisheit aufzubauen. Was kann Berlin besonders oder beispielhaft dazu beitragen?
Treffen solcher Art gibt es auch auf Landesebene (im Mai in Worms), wo wir Ideen und Erfahrungen austauschen, neue Konzepte diskutieren und weiter Lösungen für die üblichen Probleme (an erster Stelle Fundraising und Gewinnung von Pilotinnen und Piloten) suchen. Und weil die Herausforderungen keine lokalen oder nationalen sind, ist die Vernetzung zwischen den Nationen wichtig, um auf eine friedliche und lebenswerte Zukunft für alle Generationen hinzuarbeiten.
Was sind weitere Anliegen oder Vorhaben für die Berlinflotte?
In enger Zusammenarbeit mit allen Gruppen, die ebenfalls eine umweltfreundliche Mobilität für alle anstreben, suchen wir Möglichkeiten, diese solchen Bevölkerungsgruppen zukommen zu lassen, deren Mobilität aus welchen Gründen auch immer eingeschränkt ist. In Berlin arbeiten wir daher eng mit der fLotte SoziaL zusammen und engagieren uns bei der Senior Mass.
Hast du ein weiteres Herzensanliegen?
Wir wünschen uns noch mehr Ehrenamtliche und Freiwillige an allen Standorten, und natürlich bessere Radwege und Radstrecken in ganz Berlin. Wünschenswert sind mehr Rücksicht aller Verkehrsteilnehmer untereinander, aber besonders gegenüber den Schwächeren (Fußverkehr, Radverkehr).
Hinweise und Links
Radeln ohne Mauer
Mauertour 2019

