Eigentlich wollte ich am Muttertag nicht raus. Habe der Mutter gestern schon sechs Stunden geschenkt, um die Dachterrasse nach dem kalten Winter auf frühlingstauglich zu trimmen. Besser als überteuerte Blumen oder Schokolade.
Heute genieße ich die Sonne auf meinen Balkon und schmökere im Weddingweiser. Mowe Festival – fehlen da nicht die Ü-Punkte? Ach so, mo steht für Moabit. Wedding und Moabit vereint – zumindest in der Kunst. Als ich entdecke, wie viel quasi bei mir ums Eck los ist, zieht es mich doch nach draußen. Sind ja nur fünf Minuten mit dem Rad.

Also ab in den Sattel und erst mal zur Inspektor-Villa auf den Flohmarkt: „Krempel de Luxe“. Daran bin ich schon oft vorbeigefahren und habe mich gefragt: „Wer mag wohl so exklusiv im Wedding wohnen?“ Finde ich heraus, als ich einen Anzug anprobieren möchte. Claudia bewacht die Eingangstür und lässt mich herein. Ich darf mich im Treppenhaus umziehen und in ihrem Spiegel im Flur begutachten. Die lange leerstehende Villa wurde 2012 vom Land Berlin verkauft und kernsaniert. Jetzt wohnt sie unten und hat oben ihre Geschäftsräume. Früher befand sich dort die Verwaltung des Krematoriums. Den großen Garten des Anwesens bevölkern heute die Besucher der Stände. Der Anzug ist mir leider zu klein.
Weiter geht es nur ein paar Schritte nach nebenan ins Silent Green: das ehemalige Krematorium Wedding. Heute ist dort Open House der Pictoplasma Konferenz. Erstmal die Rampe runter, wo früher die Särge hinabgefahren wurden. Anders als damals, ist in der Betonhalle alles erhellt: Riso-Drucke in grellen Neonfarben springen mir förmlich ins Auge. Selbst entworfene Charaktere auf Stickern, T-Shirts und Postkarten, bis hin zu winzigen, mit positiver Energie geladenen Figürchen aus Ton. Die soll man zum Schutz in seine Pflanzen stellen. Draußen auf der Wiese Aktionszelte und ein Grillstand vom MARS – soll ja keiner vom Fleisch fallen. Schnell eine Stärkung, bevor ich mich auf den Weg zum Gemeinschaftsgarten Himmelbeet mache.

Fast etwas unheimlich: Die Namen oder Orte stehen alle in einer Verbindung zum Tod. Im Himmelbeet läuft ein Pflanzenverkauf und gerade Live-Musik: Irgendwas mit Mond. Davor im Graffiti-besprühten Container, der Teil des mowe Festivals ist, irgendwas mit Moos. Ich streichle kurz über die grüne Fläche der Installation, die nicht zu mir durchdringt und mache mich mit einem Topf echter Minze und einem Bild vom Flohmarkt auf den Heimweg.

Für einen Tag, den ich zu Hause verbringen wollte, ganz schön viel erlebt in der Nachbarschaft. Wieder zurück auf meinem Balkon lasse ich mir zur Belohnung einen Mojito mit frischer Minze schmecken.
Fotos: Silke Gerlach

