Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Draußen spielt das Leben:
Teilhaben durch Mobilität und Begleitung

Der Mobilitätshilfedienst für Berlin-Mitte
2. Juli 2026

Einschränkungen bei der persönlichen Mobilität sind in Städten mit mehrstöckigen Häusern ohne Fahrstühle ein großes Problem und eine Minderung der Selbstbestimmung für Menschen mit Einschränkungen der Beweglichkeit.

In unserem Bezirk leben, wenn man den Durchschnitt für Berlin-Mitte zugrunde legt, mindestens 12.000 mobilitätseingeschränkte Menschen. Im Wedding wären es rechnerisch, dem Durchschnittswert von etwa 7 Prozent folgend, etwa 6.300 und in Gesundbrunnen etwa bis zu 6.700 Bewohner*innen.

Zuverlässig sind nur die Daten zum Schwerbehindertengrad über 50 %, und man muss davon ausgehen, dass unter die Mobilitätseingeschränkten zusätzlich auch ältere Menschen, temporär Verletzte und chronisch Kranke fallen.

Für jeden Berliner Bezirk gibt es einen Mobilitätshilfedienst. Diese Aufgabe wird in unserm Bezirk vom HVD übernommen. Ich führte ein Gespräch mit Kerstin Dyroff, Projektleiterin bei HVD für den Mobilitätshilfedienst Mitte.

Kerstin Dyroff, Projektleiterin des Mobilitätsdienstes des HVD für Berlin-Mitte

In den vergangenen Jahren, insbesondere seit der Corona-Pandemie, hat sich beim Mobilitätshilfedienst einiges verändert. Wir berichteten bereits Ende Oktober 2022 über diesen HVD-Hilfsdienst zur Unterstützung der Beweglichkeit außerhalb der eigenen Wohnung.

In meinem aktuellen Gespräch mit Kerstin Dyroff, der neuen Leiterin des HVD-Mobilitätsdienstes, werden neue Schwerpunkte sichtbar. Die Pandemie und die Vorschriften stellten zunächst eine große Herausforderung für den Mobilitätsdienst dar, doch dank des engagierten Einsatzes der Mitarbeitenden konnten die Klientinnen auch in dieser schwierigen Zeit zuverlässig unterstützt werden.

Einkaufen auf Augenhöhe – Foto HVD Mobilitätsdienst

Nach dem Ende der Einschränkungen stieg die Nachfrage jedoch sprunghaft an: Viele Menschen wollten wieder am öffentlichen Leben teilnehmen, wodurch inzwischen jährlich etwa 100 bis 130 neue Klient:innen aufgenommen werden. Gleichzeitig zeigt sich, dass der allgemeine Unterstützungsbedarf gewachsen ist. Viele Menschen sind stärker belastet, etwa durch Depressionen, und verfügen über weniger Kraft im Alltag. Hinzu kommt, dass – wie in vielen sozialen Einrichtungen – die Zahl der Ehrenamtlichen zurückgegangen ist, weshalb jede neue unterstützende Person besonders wertgeschätzt wird.

Die aktuelle Leitung wurde im Jahr 2024 durch Kerstin Dyroff übernommen, genau zu einem Zeitpunkt, als Haushaltskürzungen im sozialen Bereich spürbar wurden. Seitdem besteht die wesentliche Aufgabe darin, den Mobilitätshilfedienst finanziell stabil zu halten und gleichzeitig mit weniger Personal eine steigende Zahl an Menschen zu begleiten. Früher konnte das Team auf zusätzliche Kräfte aus Maßnahmen des Jobcenters zurückgreifen, doch diese Unterstützung ist inzwischen vollständig weggefallen. Dadurch stehen weniger Helfende einer wachsenden Nachfrage gegenüber. Umso wichtiger ist es, den Dienst zukunftsfähig aufzustellen und weiterhin eine verlässliche Unterstützung für die Klient*innen zu gewährleisten, was bislang vor allem durch das große Engagement des Teams gelingt.

Das Angebot des HVD richtet sich an Menschen ab 60 Jahren, die im Bezirk wohnen und ihre Wohnung nicht mehr selbstständig verlassen können. Wichtig zu wissen: Ein Pflegegrad ist dafür nicht erforderlich. Die Unterstützung umfasst Begleitungen zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, beispielsweise zum Einkaufen, zu Arztterminen oder bei Spaziergängen. Ziel ist es, die Mobilität zu erhalten und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Die Mitarbeitenden sind speziell geschult, etwa im Umgang mit Rollstühlen oder für die Begleitung blinder Menschen.

Unterwegs mit dem HVD Mobilitätsdienst – Fotos HVD Mobilitätsdienst

Für die Inanspruchnahme des Dienstes wird eine geringe Verwaltungspauschale erhoben. Wer regelmäßig einmal pro Woche für etwa eineinhalb Stunden begleitet wird, zahlt 100 Euro jährlich beziehungsweise 50 Euro halbjährlich. Für Menschen, die Grundsicherung beziehen, reduziert sich der Betrag auf 50 Euro jährlich oder 25 Euro halbjährlich. Eine einmalige Begleitung kostet 7 Euro.

Der Bedarf an solchen Angeboten ist hoch: Im Bezirk Mitte leben rund 26.500 Menschen mit einer Schwerbehinderung, was etwa sieben Prozent der Bevölkerung entspricht. Davon haben etwa 16.600 Personen einen Ausweis mit den Merkzeichen „G“ oder „aG“, die auf Einschränkungen des Bewegungsapparates hinweisen. Diese Zahlen bilden jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Situation ab, da viele Menschen – insbesondere ältere – ohne offiziellen Status in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Der tatsächliche Unterstützungsbedarf dürfte daher deutlich höher liegen.

Aktuell beschäftigt der Dienst 20 festangestellte Mobilitätshelferinnen. Der Wegfall der arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen seit Ende 2024 erschwert jedoch sowohl die tägliche Arbeit als auch die Gewinnung neuer Mitarbeitender deutlich. Früher konnten viele Kräfte direkt aus diesen Maßnahmen übernommen werden, was auch ein wichtiger Beitrag zur Integration von Langzeitarbeitslosen war. Heute erfolgt die Gewinnung neuer Kolleginnen vor allem über Empfehlungen oder Kooperationen mit anderen Mobilitätshilfediensten. Auf diesem Weg konnten in diesem Jahr immerhin zwei neue Mitarbeitende gewonnen werden.

Regelmäßige Ausflüge können derzeit aufgrund des Personalmangels leider nicht angeboten werden. Dennoch werden gelegentlich gemeinsame Aktivitäten organisiert, wie beispielsweise Ausflüge in den Britzer Garten oder ins Technikmuseum. Grundsätzlich wird versucht, auf individuelle Wünsche der Klient*innen einzugehen und im Rahmen der Möglichkeiten passende Angebote zu realisieren.

Trotz der angespannten Situation werden weiterhin neue Klient*innen aufgenommen. Interessierte können sich telefonisch anmelden. Der Mobilitätshilfedienst Mitte ist Teil eines berlinweiten Netzwerks von Mobilitätshilfediensten, die in jeweils jedem Bezirken vertreten sind und durch die Senatsverwaltung finanziert werden. Ziel all dieser Angebote ist es, Menschen mit eingeschränkter Mobilität dabei zu unterstützen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen – denn draußen spielt das Leben.

Hinweise und Links
HVD Mobilitätsangebote Berlin-Mitte

https://humanistisch.de/soziale-angebote/seniorenangebote/mobilitaetshilfedienst-mitte

Mobilitätsangebote Berlin-Mitte

https://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/beauftragte/menschen-mit-behinderung/mobilitaetshilfedienste


VdK

https://berlin-brandenburg.vdk.de/beratung-und-angebote/mobil-im-alter

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

nachoben

Auch interessant?