


Wer von der Barfusstraße auf die Aroser Allee tritt, steht plötzlich auf einer breiten Magistrale mit begrüntem Mittelstreifen – und zugleich an einer alten Grenze. Hier endete einst das Berliner Stadtgebiet, begann Reinickendorf. Gleich dahinter: ein Stück gebaute Sozialgeschichte, das bis heute erstaunlich geschlossen wirkt.
Zwischen Aroser Allee, Holländerstraße und Winkelriedstraße entstand von 1925 bis 1927 der Schillerhof – errichtet von der Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus (heute: degewo). Entworfen wurde die Anlage von Erich Glas, der mit einfachen Mitteln etwas schaffen sollte, das damals alles andere als selbstverständlich war: gute Wohnungen für kleine Mieten.


Die Lösung lag in kluger Planung. 422 Wohnungen, meist ein bis zwei Zimmer mit Kammer, Küche, Bad und Balkon oder Loggia, entstanden nach standardisierten Grundrissen. Entscheidender aber war der städtebauliche Ansatz: keine dunklen Hinterhöfe, sondern großzügige, begrünte Innenbereiche. Die viergeschossigen Gebäude rahmen bis heute weite Gartenhöfe, die durch aufgeschütteten Boden leicht erhöht wirken – fast wie kleine Terrassenlandschaften mitten im Block. Im Erdgeschoss gibt es blaue Fensterläden, was dem Ensemble einen ländlichen Touch gibt.
Auffällig ist der Zugang: Ein zurückgesetzter Torbau an der Aroser Allee markiert den Eingang zum Schillerhof. Ein Dreiecksgiebel betont die Durchfahrt, dahinter öffnet sich überraschend ein ruhiger, fast dörflich wirkender Hofraum. Die Architektur bleibt dabei bewusst schlicht, mit Putzfassaden, ziegelgedeckten Dächern und klassischen Proportionen. Und doch steckt im Detail mehr, als es auf den ersten Blick scheint.


Denn trotz Spardruck ließ Glas den Eingängen kleine Eigenheiten: Reliefs mit Tieren, Blumen oder spielenden Kindern, unterschiedlich gestaltet je nach Haus. Sie sollten Identität schaffen – und tun es bis heute.
Auch die ursprüngliche Farbigkeit war markant. Der Mitteltrakt zeigte einst graue und weiße Streifen mit dunkelroten Fensterrahmen, während die übrigen Häuser in Ocker gehalten waren. Diese Gestaltung ging nach dem Krieg verloren, wurde aber im Zuge späterer Sanierungen wieder angenähert.
Ende der 1990er Jahre wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt – als Beispiel für den sozialen Wohnungsbau der Weimarer Republik. Ab 2011 folgte eine umfassende Sanierung: energetische Ertüchtigung, neue Leitungen, gedämmte Fassaden und denkmalgerechte Fenster. Gleichzeitig wurden die Grünanlagen aufgewertet.


Heute leben hier mehrere Generationen auf rund 23.500 Quadratmetern Wohnfläche, umgeben von fast drei Hektar Freiraum. Kinder spielen im Hof, während alteingesessene Bewohner noch Geschichten aus den 1960ern erzählen können. Der Schillerhof wirkt dabei weder museal noch geschniegelt – eher wie ein Ort, der seine Geschichte einfach weiterlebt.

