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Eine Valentinstagsgeschichte:
Kiezmoment: Ein Sturm im Popcorneimer

16. Februar 2026

Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding. Heute geht’s ins Kino.

Eigentlich wollte ich schon einen Tag früher ins Kino, um diesen Film zu sehen, aber der 12. Februar war verregnet und ich hatte keine Lust auf einen Heimweg im nassen Regen auf von Streusplitt strotzenden Straßen. Und der 14. Februar versprach nur angekündigten nassen Neuschnee, wenngleich an diesem Datum Valentinstag ist – passend zu dieser Filmpremiere.

In der Kinoschlange im Cineplex Alhambra Ecke Seestraße geht mir ein Licht auf, denn am Freitag, den 13. mag vermutlich kaum ein Pärchen ein Liebesdrama schauen. Im Display der Kasse sind nur sehr wenige Sitze eine Viertelstunde vor Filmstart überhaupt reserviert, was mir einen mittigen Platz mit guter Aussicht ermöglicht.

Völlig verdutzt sitze ich kurz daruf mit weiträumig verteilten weniger als 10 weiteren Besucherinnen in dem Kinosaal. Schnelle Trailer mit motzigen Kostümaufgeboten und einschüchternder Lautstärke. Ich verkrieche mich tief in der weichen Rückenlehne.

Der Film beginnt erstaunlich: mittendrin in einem Volksfest in Yorkshire Moors im nördlichen England. Britischer schwarzer Humor wird hier gefeiert und versüßt zunächst die ländliche Grobheit der Leute, beschreibt fast nebensächlich die Verwaisung des Protagonisten und begibt sich in die familiäre Situation, die voller Besäufnis und Desolatheit ist, wenngleich zwei Dienstmädchen die Haltung für Catherine und ihren versoffenen Vater wahren.

Keine Lebensgeschichte mit besonderer Handlung wird erzählt, sondern frei nach Emily Bronte`s Roman „Wuthering Heights“, veröffentlicht im Jahr 1847 unter Pseudonym, wird in großen Szenerien gezeigt, wie die Kindheit von Heathcliff und Catherine als Stiefkinder verläuft und wie sehr die beiden zusammenhalten, wenn auch sehr ungleich.

Im Kinosaal herrscht eine stille, fast sachliche Atmosphäre, da nicht besonders warm, anheimelnd ist oder belebt. Und erst als es zum Eheversprechen der 16-jährigen Chatherine an den wohlhabenden Edgar im Herrenhaus in der Nachbarschaft kommt, raschelt es hinter mir im Popcorneimer bedenklich.
Heathcliff, der belauschen konnte, was die junge Catherine dazu ihrer Kammerdienerin mitteilt, ist erschüttert und tief verletzt und reitet davon – bis er Jahre später wohlhabend nach Wuthering Heights wiederkehrt.

Der Film setzt sich fort und erklimmt Sturmhöhe, unter dem gigantischen Himmel Nordenglands, unter vom Wind getriebenen grauen Wolken, als die glückliche Ehe des sensiblen Edgar mit Catherine unter den Schock der Rückkehr Heathcliffs gerät. Sie wird nun von beiden Männern geliebt. Ein fast 250 Jahre altes Drama um Liebe aus einem Klassiker der englischen Literatur!

Der Film endet, und im Saal ist es völlig still, kalt still. Mir fehlt plötzlich doch das Hüsteln, das Kichern und Lachen, die schnell unterdrückten Seufzer oder das Ausbrechen von Emotionen in einem Wort; das Rascheln der Mäntel, die sachten Worte in den Reihen gehender Gäste; die Wärme, die der Film unter diesen grauen verregneten Himmeln nicht gibt, und das Unabwendbare dieser Gefühle, die verwoben sind, steht im Raum wie ein zu beschreibendes weißes blankes Seidenblatt.

Als ich den Kinosaal verlasse, treffe ich auf diese beiden sehr jungen Mädchen, vielleicht knapp über 16, die mich bewegt fragen, wie mir der Film gefallen habe. Ich sage, es sei ein wirklich sehr großer Film über die Liebe zwischen wenigen verbundenen Menschen, aber bemerkenswert sei, dass die anglikanische Kirche in diesem historischen Opus gar keine Erwähnung finde. Beide sind Muslima, das erkenne ich. Als die schwere Saaltür mit Klicken in den Rahmen fällt, verstehe ich noch einen kurzen Kommentar, den sie austauschen: „Das sind ja Tiere!“

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

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