60 Minuten sind keine lange Zeit. In der Badstraße reicht sie trotzdem, um mehrere Zeitschichten zu streifen. Man muss nur stehen bleiben, ein paar Schritte gehen, wieder stehen bleiben. Die quicklebendige Straße erledigt den Rest.


Mit der Badstraße geht es hier bergab, im wahrsten Sinne. Hinter der Kreuzung Behmstraße/Hochstraße senkt sich der Asphalt, hier kippt das Gelände leicht zur Panke. Früher wurden hier Seifenkistenrennen veranstaltet, die sich das Gefälle zunutzemachten. Unten am Fluss an der Mühle lag ab 1760 das Luisenbad, rund um eine Heilquelle, ein Ausflugsziel vor den Toren Berlins. Der Name Badstraße ist ein Überbleibsel davon, ein Echo aus einer Zeit, in der man herkam, um gesund zu werden. Der Gesundbrunnen. Heute kommt man, wenn überhaupt, um einzukaufen oder in eine Bahn zu steigen. Über Gesundheit denkt man höchstens in einer der vielen Apotheken und Arztpraxen nach.

Die Badstraße ist ein einziges Verkehrschaos. Ein Lieferwagen bleibt in zweiter Reihe stehen, der Fahrer steigt aus und öffnet seine Türen. Kisten werden abgeladen, jemand ruft etwas Unverständliches, ein Radfahrer bremst abrupt, wechselt die Spur, schüttelt den Kopf und fährt weiter. Offiziell hat die Badstraße zwei Fahrspuren pro Richtung, praktisch ist sie ein Aushandlungsraum. Wer hier unterwegs ist, lernt das auf die harte Tour. Immerhin kommen so die wenigsten über das maximal erlaubte Tempo 30.


Vor Woolworth bleibt eine ältere Frau mit Hackenporsche stehen, prüft die Schaufenster-Schilder und geht hinein. Das Billigkaufhaus an der Ecke Stettiner macht in dieser Gegend sicher guten Umsatz. Nur ein paar Meter weiter schiebt jemand einen Kinderwagen an der Dönerbude vorbei, aus der der Geruch von warmem Fett und geröstetem Brot auf den Bürgersteig dringt. Vor dem türkischen Supermarkt Eurogida hängen zwei Gemüseverkäufer am Handy, die Auslage glänzt bunt und frisch und ist der einzige Farbtupfer an diesem grauen Wintertag.


Dass die Badstraße immer schon eine Straße der kleinen Leute war, merkt man auf Schritt und Tritt. Im Monopoly-Spiel war sie 1936 Namensgeber der billigsten Straße. Das Leben tobte hier schon ab dem 19. Jahrhundert, als die ländliche Gegend in den Sog der boomenden Hauptstadt geriet. Wer heute an der Ecke Grüntaler Straße steht und auf die Kreuzung schaut, steht ziemlich genau dort, wo ab 1842 Schranken die Straße versperrten, weil Züge die Straße schnitten. Die Stettiner Bahn verband Berlin mit der Hafenstadt am Haff. Erst 1897 wurden die im Einschnitt gelegenen Vorortgleise am Gesundbrunnen in Betrieb genommen, und dafür die ebenerdige Strecke der Stettiner Bahn stillgelegt – die Badstraße verlor also ihren Bahnübergang. Heute wirkt die Vorstellung, dass dort der Verkehr an einer Schranke zum Erliegen kam, abenteuerlich.

Ecke Grüntaler Straße, als es noch Schranken gab
Gegenüber des unscheinbaren Blochplatzes, einer kleinen Grünanlage, die mit ihren Bunkereingängen Treffpunkt für Touren der Berliner Unterwelten ist, fällt der Blick auf das Haus der Volksbildung an der Badstraße 10. Errichtet 1913–1915, wirkt es bis heute ungewohnt majestätisch an dieser hektischen Straße. Massive Pilaster, ein hohes Dach, ein Bau, der Ordnung ausstrahlt, auch wenn ringsum alles in Bewegung ist. Die wuchtigen Säulen geben der Badstraße fast schon etwas Erhabenes.


Aus der Grüntaler Straße rollt jemand ungelenk einen Einkaufswagen auf den Gehweg, schief beladen, ein Rad fehlt. Zwei Jugendliche diskutieren lautstark gestikulierend über ihre Lehrer. Sie nehmen die ganze Breite des Bürgersteigs ein, weichen im letzten Moment dem Gegenverkehr aus, ohne den Satz zu unterbrechen. Niemand rempelt, niemand entschuldigt sich. Die Badstraße gewinnt als Einkaufsmeile sicher keinen Schönheitspreis, aber alles läuft irgendwie. Und wie so oft im Wedding, sollte man den Nebenstraßen besondere Beachtung schenken: die Stettiner Straße mit ihren niedrigen Mietshäusern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Buttmannstraße mit den schönen Fassaden und dem Straßenbrunnen aus der Kaiserzeit, die breite Grüntaler Straße mit ihrem Weitblick.


Die Einmündungen der Stettiner Straße und die Buttmannstraße
Straßenbahnen sucht man hier vergebens, und auch Busse fahren nicht mehr (regulär) auf der ganzen Badstraße entlang. Dafür fährt unter der Straße seit 1977 die U-Bahn-Linie 8. Sie hält an der unübersichtlichen Kreuzung mit der Prinzenallee und der Pankstraße, zwei früheren Feldwegen, die sich schon immer hier kreuzten. Dort, am U-Bahnhof Pankstraße, einer nicht enden wollenden Dauerbaustelle, steigen Menschen ein und aus, einige eilig, andere suchend. Kaum jemand, der hier durch die verwinkelten Gänge huscht, denkt daran, dass dieser Bahnhof einmal als Atomschutzbunker gebaut wurde, mit Notküche und Frischluftfiltern, ausgelegt für über 3.000 Personen. Manchmal sieht man behelmte Besuchergruppen der Berliner Unterwelten, die die Bunkeranlagen hinter einer unscheinbaren Tür erkunden.


Selbst die alte Kirche nimmt sich auf dieser Straße sehr zurück. 1832-35 erbaute Karl Friedrich Schinkel an der Ecke Pankstraße eine seiner vier turmlosen Vorstadtkirchen, die Alte Nazarethkirche gehört auch dazu. Der Kirchturm von St. Paul kam erst Jahrzehnte später dazu. Später wurde die Kirche von Mietskasernen eingeschnürt, im Krieg zerstört, von außen wiederhergestellt. Gegenüber thront das 2013 gemalte Wandbild der drei fußballspielenden Boateng-Brüder über einem runden Nachkriegsbau – der abgebildete Profi-Fußballer Jérôme Boateng ist heute umstritten – das Wandbild bleibt, so als ob es zum Inventar der Badstraße gehört.


An einer Hauswand, Badstraße 64, bleibt jemand stehen, hebt kurz den Blick. Das Wandbild „Die Schöpfung“ von Peter Schmidt-Schönfeld verziert die Fassade hier seit 1980, farbig, präsent und doch so vertraut, dass es leicht übersehen wird. Die traditionsreiche Gesundbrunnen-Apotheke neben dem bunten Haus mit ihren goldenen Fraktur-Buchstaben wiederum wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. In diesem Haus lebte übrigens auch der bekannteste Weddinger Maler, Otto Nagel.


Bemerkenswerte Häuser: Das Wandbild „Die Schöpfung“ und der „Knick in der Badstraße“
Je näher die Stunde ihrem Ende kommt, desto dichter werden die Geschichten. Wo heute Wohnhäuser stehen, drängten sich im 19. Jahrhundert Vergnügungsorte. Später kamen Kinos dazu, das Marienbad-Lichtspielhaus eröffnete 1911 an der Stelle des alten Luisenbads, andere folgten. Die spektakulär leuchtende „Lichtburg“ an der Behmstraße wurde 1929 gebaut und als Großkino eröffnet. Nach Kriegszerstörungen, einer kurzen Nachnutzung ab 1947 und der endgültigen Schließung 1962 wurde das Gebäude 1970 abgerissen.Heute lässt sich davon nichts mehr erahnen, Kinos gibt es weit und breit keine mehr.
An der Badstraße 58 entstand 1902 das „Bernhard Rose-Theater“ – es war das letzte seiner Art dort, bis es 1922 in ein Kino umgebaut wurde. Hier befand sich bis letztes Jahr ein Supermarkt.


Hier an der Ecke Behmstraße stand bis 1970 die Lichtburg
Der Zweite Weltkrieg brachte einen harten Schnitt. Nach 1945 füllten sich die Kriegslücken schnell, provisorisch, geschäftig. Nach der Währungsreform entstand hier ein Schwarzmarkt, der vor allem Kundschaft aus dem Osten anzog. Zwischen 1949 und 1961 lebte die Straße vom Grenzverkehr, von Buden, Cafés, Kinos – alles war nur eine S-Bahnstation vom Osten entfernt. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 war damit abrupt Schluss. Die Badstraße lag plötzlich am Rand, umgeben von Leere.


Heute denkt daran niemand niemand mehr, die Badstraße hat nach dem Mauerbau ein neues Leben als Multi-Kulti-Einkaufsstraße begonnen. In den meisten Läden gibt es eine Nutzung, wird irgendetwas verkauft. Jemand sucht Kleingeld an der Kasse, ein Paket wird entgegengenommen, etwas zu essen wird über einen Tresen gereicht. In wie vielen Sprachen die Passanten sich unterhalten? Man kann es nicht ermessen. Die Straße ist voll von kleinen Alltagsgeschichten. So war es schon immer, zu jeder Zeit.


Schöne Gebäude am nördlichen, tief gelegenen Ende der Badstraße
Die Badstraße bleibt die Hauptschlagader des Gesundbrunnens. Sie ist nicht schön, aber aus dem Leben des Stadtteils nicht wegzudenken. Ihre Gebäude atmen Geschichte, der Alltag ihrer heutigen Bewohner ist auf jedem Meter zu spüren. Nur eine Stunde? Die Zeit vergeht hier wie im Flug.




Früher gab es noch gute Fachgeschäfte in der Badstrasse .
Heute läuft man einfach nur durch , ohne etwas zu
verpassen .
Danke für die Historie der Badstr., war sehr interessant. Aber nee, für mich ist die Badstr. keine Strasse, auf der ich mich gerne aufhalte. Die Müllerstr. geht denselben Weg. Weder zu der einen, noch zu der anderen, zieht es mich hin. Ich kann mich an frühere Zeiten erinnern, in denen das noch anders war. Gute Einkaufsstrassen mit kleinen Läden. Und jetzt?
Wirklich spannend, was die historische Geschichte uns da zusammengewürfelt hat, und das ist nur die städtische Oberfläche… … Wenn man sich die Weddingliteraturen anschaut, kommen recht viele Mikrokosmen hinzu, oder konkreter gesagt hinein. Was werden wir hinterlassen, um auch nur vom spaeteren Alltagsleben überlaufen zu werden?