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Große und kleine Geschichten:
Kiez-Moment: Drüber stehen

19. Januar 2026
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Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

„Schönen guten Dienstagabend. Ich weiß, es ist eng heute, aber ich muss hier ein bisschen arbeiten.“ So begrüßen einen in der U6 im Wedding nicht die Kontrolleure, sondern die Bettler. Und dann kommt der immer gleiche Abspann: „Ich lebe auf der Straße (bin obdachlos) und würde mich deshalb freuen, wenn der ein oder andere etwas zu essen oder eine kleine Spende für mich übrig hätte.“

Mein heutiger Mitfahrer performed den gut eingeübten Satz mit der richtigen Mischung aus klagendem Leiern und rotziger Berliner Schnoddrigkeit, die mich nach meiner Börse greifen lässt: Ich liebe es, mit Profis zusammen zu arbeiten. Doch meine Hand kommt nicht bis zu meinem Geldbeutel, denn ich sitze neben einem schweigend schnaufenden Mann, einem regungslosen Berg aus Fleisch, der rittlings auf dem für ihn viel zu kleinen Sitz  hockt und mir seinen prall gefüllten Rucksack gegen meinen Arm drückt. Und nicht nur die Enge und der Schmerz sind erdrückend, auch sein Geruch. Es ist zum Glück nicht der abgestandene „ich bin ein alleinstehender, schwitzender Mann-Mief, und auch nicht der beißende, „ich bin hart arbeitender Handwerker, der seit drei Tagen im gleichen Polyester-Arbeitsschutzanzug von Baustelle zu Baustelle zieht-Gestank.

Nein, während ich versuche, meine Nase zu schließen und nur noch durch den Mund atme, arbeitet mein Unterbewusstsein ungewollt daran, sich zu erinnern, wo ich die herüber schwappende säuerliche Duftwolke schon einmal in der Nase hatte. Nach einigen gemeinsamen Stationen, in denen mein Nachbar sich keinen Milimeter bewegt weiß ich: Es ist etwas Organisches, aber etwas, das schon abgestorben ist. Etwas, was ich gut kenne. Weit wandern meine Gedanken zurück auf die herbstliche Wiesen meiner Jugend und unter die Planen der Fahrsilos, in denen die Bauern den Grasschnitt des Sommers verdichtet und luftdicht abgeschlossen hatten vergären lassen. „Sillage“ nennt man diese milchsauer fermentierte Pampe, deren sauerkrautartiger Duft im Winter die Kuhställe durchzog. Und während meine Erinnerung zurück kehrt zu blökendem Vieh, das von kühlen abendlichen Herbstwiesen in den Stall getrieben wird, zu Futterrüben, die in Strohmieten am Wegesrand gelagert wurden und die wir am Tag vor St. Martin ausgruben, um Laternen mit schrecklichen Fratzen daraus zu schnitzen, zu Weckmännern und Martinsfeuer, vergesse ich den eisernen Schwitzkasten, in den mein grober Nachbar mich immer noch gezwängt hat.

Doch mit dem Gedanken an das schöne Landleben wird die Situation erträglicher. Ein kerniger Bauernbursch ist er, da bin ich mir jetzt sicher, der auf dem Weg ist in den Stall, wo das Vieh nach ihm schreit, wenn sich mein Verstand sich auch nicht so recht zusammenreimen will, was ein Stallknecht abends um halb sechs in der U-Bahn unterm Wedding zu suchen hat. Egal, mit der nostalgischen Idee stehe ich bis zu meiner Haltestelle über den Dingen und merke auch erst beim Aufstehen, dass mir jemand während meiner Traumreise eine Büchse Red Bull über die Schuhe gekippt hat. Während meine klebrigen Sohlen auf den Fliesen des U-Bahnhofs schmatzen, versuche ich mir vorzustellen, dass ich in einen Kuhfladen getreten bin, aber das hilft jetzt auch nicht mehr.

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. . . . . warum ich dann doch lieber Auto fahre . . . . . abgesehen von Unzuverlässigkeit, Ausfällen, mangelnder Sauberkeit, mangelndem Sicherheitsgefühl auf verschiedenen Strecken / Linien und Bahnhöfen usw . . . .

  2. Man sollte die Obdachlosen und Penner ausschlafen lassen! !
    Wie oft sehe ich Passanten aggressionsfrei diesen Bündeln ausweichen.
    Und dieser dir nachstellende Kuhfladen erinnert einfach daran, dass unser soziales Stadtleben im Grundsätzlichen doch nicht so perfekt ist.
    Leider haben viele Menschen nicht in allen Lebenslagen das Glück und die volle Kraft, den teuren stolperkantendichten Stadt-Dschungel zu durchkämpfen.

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