

Es ist früher Mittag, alles grau in grau – die Sonne hat sich heute nicht durch die Wolken gekämpft – , als sich der DHL-Lieferwagen mit einem Quietschen an die Bordsteinkante setzt. Einer dieser gelben Riesen, die die Straßen verstopfen und ohne die in Wirklichkeit der Handel zusammenbrechen würde. Der Fahrer springt heraus, zieht seine Sackkarre hinter sich her, als sei sie ein störrischer Esel. Er schichtet in Windeseile einen Turm Pakete auf. Dann wuchtet er die Ladung die kleine Stufe zum Lottoladen Bulut hoch, vorbei am Schaufenster mit der blauen LED-Leuchtanzeige, die im Dauerwechsel verkündet, was es hier alles gibt: Lotto, Zeitschriften, Tabak, Paketservice, Fahrscheine, Süßwaren – eine ganze kleine Infrastruktur, flimmernd in Rot und Blau.
Der Laden selbst ist ein Quadrat. Dafür ein kleines Universum. Auf engstem Raum verdichtet sich hier alles, was ein Kiez zum Funktionieren braucht. Kaffee inklusive. Fehlen nur noch Schrippen. Der Raum ist von oben bis unten voller bunter Dinge, aber nicht so grell und leuchtend wie so mancher Späti inzwischen daherkommt. Dieser Laden braucht keine blinkende Reklame, denn im Kiez kennt ihn sowieso jeder.


Drinnen stehen Ali und Suzan Bulut hinter dem Tresen, sie haben jeden Zentimeter des Raumes im Blick. Seit zehn Jahren betreiben sie den Laden, flankiert von einer Mitarbeiterin, und es geht zu wie im Taubenschlag. Wer hier einkauft, kauft selten allein: Der Raum ist immer schon besetzt von Geschichten, Begegnungen und den Geräuschen der Müllerstraße, die durch die geöffnete Tür hereindrängen.


Ein Blick genügt, um zu verstehen, warum die Nachbarschaft irgendwann zwangsläufig hier vorbeikommt. Vielleicht, weil ein Paket abgeholt werden muss. Vielleicht, weil man doch ein Feuerzeug braucht. Oder eine Zeitung. Oder einen Busfahrschein. Oder eine kurze menschliche Begegnung.
Gegenüber liegt die Paul-Gerhardt-Apotheke, der Verkehr auf der nahen Kreuzung rauscht auf Abstand vorbei. Im Lottoladen Bulut spürt man diese Außenwelt nur gedämpft. Es gibt keinen Quadratzentimer, der nicht genutzt wird: Die Regale sind bis oben voll mit Zeitschriften, Tabak, Spirituosen in kleinen und großen Flaschen, Bier, Süßigkeiten, Knabbereien, Gummitieren aus einem Selbstbedienungsregal – für eine bunte Tüte. Mit diesem Wort könnte man auch den Laden selbst beschreiben: Diese besondere, fast altmodische Mischung, die man nur in Kiezläden findet, die nie etwas anderes sein wollten, als genau das – Nachbarschaft. Die Betreiber wohnen selbst in der Straße; sie behandeln ihre Kundinnen und Kunden so nett, wie sie selbst gern angesprochen werden möchten. „Ich habe aus Kreuzberg hierher geheiratet“, sagt Suzan. Dort sei es unbezahlbar geworden, ihre eigene Familie sei von Spekulanten verdrängt worden. „Hier geht es im Vergleich dazu noch normal zu“, findet sie. Ihr Mann Ali nickt zustimmend, er ist im Afrikanischen Viertel aufgewachsen und liebt seinen Kiez.

Die Schule ist aus. Drei Oberschüler stehen herum und sondieren das Angebot. Sie jonglieren mit ihren Münzen, suchen den perfekten Snack, der „erstmal reicht“, wie einer sagt. Neben ihnen holt eine Frau ein Paket ab, während ein Mann vor sich hin murmelt – sein Päckchen, vor Tagen abgegeben, sei noch nicht angekommen. Ali schaut geduldig nach, tippt, vergleicht, beruhigt. Er nickt dankbar, bevor er wieder hinaus auf die Straße tritt. Man kann vor den Ladenbetreibern nur den Hut ziehen: Wie viele Retouren die bestellten Pakete wieder auslösen, nachdem sie den Menschen im Laden in die Hand gedrückt wurden?


Genug über Pakete nachgedacht. Was hier beschrieben wird, ist nur ein zufälliges Bild, ein kurzer Moment am frühen Mittag. Doch in diesen Minuten steckt schon das ganze Wesen des Ladens: ein steter, weicher Strom von Menschen, Anliegen und kleinen Dramen.
Man könnte in diesen Zeiten den Verlust vieler Fachgeschäfte durch den Online-Handel beklagen. Doch am Ende landet vieles wieder in den Händen von Menschen wie Ali und Suzan Bulut. Wer ein Paket abholen will, weil der Bote einen verpasst hat, geht zu Bulut. Wer eins abschickt, geht zu Bulut. Wer Briefmarken will, um der letzten Postfiliale des Weddings mit ihren langen Schlangen zu entkommen, geht zu Bulut. Wer noch einen Fahrschein braucht, weil er ihn nicht mehr beim Busfahrer bekommt: Bulut. Wer Klopapier oder eine Küchenrolle braucht, aber nicht durch lange Supermarktregale ziehen will: Bulut.

Dieser Laden ist ein Ort des „Geht schon“, des „Kein Problem“, des „Warte kurz, ich schau eben nach“. Ein Laden, der offen ist, wenn andere noch schlafen – von sechs bis einundzwanzig Uhr, täglich, außer sonntags. Ein Laden, den man zwischendurch vielleicht vergisst, bis man merkt, dass man ihn immer wieder braucht.


„Es gibt nichts Besseres“, sagt eine Kundin, die beim Interview mit Suzan und Ali zugehört hat. Das Ehepaar kenne die meisten ihrer Stammkunden beim Namen, erzählt sie. Und tatsächlich: Es genügt ein Blick, ein Gruß, und schon weiß jemand hinter dem Tresen, was der oder die andere braucht. Manche kommen „nur kurz“, bleiben dann aber eine Weile, weil sich noch eine Frage stellt, ein Paket auftaucht, ein Lottoschein abgegeben werden will.

Dieser Ort funktioniert, weil er klein ist. Weil er nah ist. Weil er menschlich bleibt. Eine Miniaturausgabe des Weddings im Maßstab eines einzigen Raumes.
Und dann sagt Suzan, fast beiläufig, dass der Laden bald für einen Umbau schließen soll. Der Satz bleibt kurz im Raum hängen, schwerer als er klingt. Ein Kunde, der gerade ein riesiges Paket abholt, bleibt mitten im Schritt stehen, hält die Luft an und ruft: „Nein, das dürft ihr nicht!“ Als würde er fürchten, dass ein wichtiger Teil seines Alltags wegbrechen könnte.


Genau das ist dieser Laden: Er hält das Englische Viertel zusammen. Ein kleines, unscheinbares Geschäft, das zeigt, wie viel Nähe und Herzblut auf wenigen Quadratmetern möglich sind. Ein Laden, der – ohne es jemals laut zu sagen – beweist, dass Kiez nicht nur ein Wort ist. Ein Ort, an dem das Leben im Wedding in all seinen Facetten kurz vorbeischaut, bevor es weiterzieht.
Und wenn er wieder öffnet, nach dem Umbau, wird es vermutlich genauso weitergehen: Pakete hochwuchten, Snacks suchen, Briefmarken kaufen, Tickets ziehen, Zigaretten holen, kurz reden, lange bleiben.
75 Quadratmeter Wedding – und alles, was dazugehört.



Ich liebe unsere Spätes oder fast alle zumindest. Auf meiner Straße sind drei, um die Ecke auch noch mal drei. Das nennt man eine sehr gute Spätidichte. Schade, dass sie Sonntags nicht mehr aufhaben.
Sehr schön und mit Verve geschrieben. Der ganze Weddingweiser in einem Artikel.
Wunderbar die Geschichte zum DHL-Lieferdienst – so unterhaltsam wie instruktiv – um die oft armen „Schweine“, unterbezahlt und von Terminen gejagt, mal nicht als „Belästigung“ zu sehen.
Ach wie schön! ich bin da ständig. Das mit dem Umbau hat mich jetzt auch kalt erwischt. Nett, mal was über die Familie zu erfahren. Allerdings hätte mich interessiert, wer der Herr ist, der immer in dem Laden abhängt.
Morjen
ach Felix warum fragste den Mann nich mal janz einfach, wenn Du da ooch ständig bist…. zb: Ey sach mal wat machte den hier imma so jeden Tach…. dit macht man einfach so im Wedding, vielleicht ist der Herr einsam und sucht jemanden zum quatschen
rutschfreien Samstach noch